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Ein friedlicher Umbruch

Stadtansicht in schwarz-weiß um 1840
Die Stadt Gießen um 1840. (Quelle: wikimedia.org)
Die Revolution 1848 in Gießen


 Im Jahr 1848 brach in Deutschland die Revolution aus. Auch in der mittelhessischen Stadt Gießen kam es zu radikalen Forderungen und einem Umbruch, der sich jedoch auffällig friedlich vollzog.

Justus Liebig schrieb in diesem Jahr an einen ehemaligen Schüler: „In Gießen haben uns die Ereignisse tief ergriffen, die Zeit der harmlosen, ruhigen Naturforschung war vorüber und hatte einer ungeduldigen leidenschaftlichen Aufregung Platz gemacht."

 

Gießen war Brutstätte radikaler Forderungen

Gießen war 1848 noch eine mittelalterlich anmutende Stadt mit engen Gassen und nur noch wenigen Resten der Stadtbefestigung. Doch diese scheinbare Idylle war eine förmliche Brutstätte politisch radikaler Forderungen, wie es der Historiker Michael Wettengel beschreibt. Diese gingen vor allem von der Universität mit ihren damals 400 bis 600 Studenten aus. Seit jeher nahmen Teile der Gießener Studentenschaft aktiv an politischen Ereignissen teil. In der Zeit des Vormärz zählte dazu insbesondere Georg Büchner, der seit 1833 hier Medizin studierte. Büchner nahm neben 30.000 anderen Studenten, Bürgern und einzelnen Handwerkern am 30. Mai 1832 am Hambacher Fest teil und trat dort für „Einigkeit und Recht und Freiheit“ ein. Seine politischen Ansichten veröffentlichte er in seiner eigenen Publikation, dem "Hessische(n) Landbote(n)", wo er zur Revolution aufrief und ein freies und geeintes Deutschland forderte. Auf Grund dessen wurde er bald verfolgt und musste ins Exil nach Straßburg flüchten.

Ebenso wie Büchner zählte der in Gießen geborene Carl Vogt zu den radikal-demokratischen Köpfen der Revolution 1848. Auch er musste Deutschland verlassen, da er für die demokratische, liberale und nationale Bewegung einstand. 1847 kehrte dieser jedoch an die Lahn zurück, um im folgenden Jahr eine zentrale Figur des Revolutionsgeschehens in der Stadt zu werden.

Im Februar 1848 verbreitete sich die Nachricht einer erneuten Revolution in Frankreich, die die zweite Ausrufung einer französischen Republik und die Absetzung des Königs zur Folge hatte. Der Erfolg des Umbruchs führte in anderen europäischen Staaten sofort zu Reformforderungen. In fast allen deutschen Territorien kam es daraufhin zu spontanen Volksaufständen, vor denen die adeligen Machthaber zurückwichen. So auch im Großherzogtum Hessen-Darmstadt mit dessen Landesuniversität Gießen. Die so genannte „Märzrevolution“ hatte im Großherzogtum die Absetzung des konservativen Staatsministers Karl du Thil zur Folge. An seine Stelle trat der liberale Vormärzpolitiker Heinrich von Gagern, der spätere Präsident der Frankfurter Nationalversammlung. Einen Tag später wurde ein Reformedikt erlassen, welches unter anderem die Pressefreiheit, die allgemeine Volksbewaffnung sowie die Versammlungs- und Religionsfreiheit zusicherte.

Mehr Debatten als Kämpfe

Nationalisten in der Paulskirche
Die Frankfurter Nationalversammlung. (Quelle: wikimedia.org)
Porträt von Carl Vogt
Carl Vogt. (Quelle: wikimedia.org)

 In anderen Städten des Umlandes wie etwa in Butzbach oder Alsfeld kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Dagegen beschränkten sich die Gießener weitgehend auf die Diskussion revolutionärer Gedanken. Es gab nur einen ernsten Zusammenstoß zwischen der Polizei und den Revolutionären, bei dem ein Student ums Leben kam. Ansonsten blieb es friedlich, da Gießen keine größere Arbeiterschaft hatte, die Polizei Konfrontationen vermied und die Missernten stärker die ländlichen Regionen traf.

Stattdessen debattierten die Gießener die neuen Parteien und Reformen. Allen voran die Freie Hessische Zeitung bildete ein Forum für die Diskussion neuer Ideen. Deren Herausgeber Carl Vogt war aus dem Schweizer Exil zurückgekehrt und prägte nun das politische Geschehen in der Lahnstadt. Er sah es als wesentliche Aufgabe seines Blattes an, politischen und sozialen Vereinen als Sprachrohr zu dienen und ihre Interessen zu fördern. Und diese gab es in der Universitätsstadt genügend. Denn 1848 entstand schlagartig ein vielfältiges Vereinswesen, das vor allem für linksliberal und demokratisch Gesinnte Foren bildete. Unter ihnen war auch Wilhelm Liebknecht, der zusammen mit Rudolf Fendt und Ludwig Büchner den „Republikanischen Verein“ gründete. Er war nicht nur für republikanische Studenten und Literaten eine Anlaufstelle, sondern vor allem für die Arbeiter der Stadt. Fast neunzig Prozent der Mitglieder dieser „Arbeitervereine“ waren Gesellen aus durch Missernten und Teuerungskrisen verarmten Handwerksbetrieben und dem Kleingewerbe.

Jedoch waren die Vertreter und Befürworter der alten Gewalten nicht verstummt. Es bildeten sich auch konservative Netzwerke, angeführt von dem „Constitutionellen Vaterländischen Verein“. Dessen Mitglieder setzten sich aus Teilen des alten Mittelstandes und des gehobenen Bürgertums zusammen. Mit ihrem Wahlspruch „Keine Republik!“ widersetzte sie sich jenen Forderungen, für die Carl Vogt in Gießen und in der Frankfurter Nationalversammlung kämpfte.

Die Debatten für oder gegen einen gesamtdeutschen Staat bestimmten von nun an den Inhalt von Zeitungen, Zeitschriften und Flugblättern. Liest man die Artikel heute, so kann man tatsächlich jene „ungeduldige leidenschaftliche Aufregung“ ausmachen, die Justus Liebig damals beschrieb. 

 

Von Tina Ludwig
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Redaktion
03.09.2009 14:40
 

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