Jüdisches Leben in Gießen um 1900
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Europa um das Jahr 1900 – eine Zeit voller Umbrüche, auch für das jüdische Leben in deutschen Städten. Am Beispiel von Gießen ist dies erkennbar, denn jüdische Vergangenheit ist auch heute noch präsent – nicht nur in Form der „Stolpersteine“.
Jüdisches Leben in Gießen um 1900Europa im auslaufenden 19. Jahrhundert war geprägt von Neuerungen und bahnbrechenden Bewegungen: Industrialisierung, Imperialismus und Nationalbewegungen kennzeichneten diese Epoche. Um die Jahrhundertwende machten sich auch Veränderungen innerhalb des europäischen Judentums bemerkbar. Es entstand eine eigene Nationalbewegung: der Zionismus. Diese wurde angetrieben und bestärkt von einer Situation, die Theodor Herzl in der Vorrede seines Werkes Der Judenstaat aus dem Jahr 1896 die „Judennot“ nannte.
Antisemitismus in EuropaWas wird aus dem Judentum? Dies war die entscheidende und prägende Leitfrage von Herzl. Die Judennot, damit meinte er den Notstand des Judentums angesichts eines Antijudaismus, der sich immer öfter in grausamen Pogromen gegen Juden entlud. In populären antijüdischen Vorurteilen und der seit Mitte des 19. Jahrhunderts vieldiskutierten „Judenfrage“ spiegelten sich die Existenzängste und das kulturelle Unbehagen breiter Schichten der europäischen Bevölkerung und ihrer Machteliten wider. Der oftmals noch durch kirchliche und staatliche Instanzen geschürte Judenhass äußerte sich in gewalttätigen Ausschreitungen, in Morden und Pogromen, die von Teilen der ortsansässigen Bevölkerung, insbesondere in Osteuropa, gegen die jüdischen Nachbarn verübt wurden. Herzl war mit seiner Idee mehr um eine physische Rettung seines Volkes bemüht, als um die Verbreitung einer religiösen Ideologie - zumal der frühere religiös begründete „traditionelle Antijudaismus“ gegen Ende des 19. Jahrhunderts abgelöst wurde durch einen rassisch begründeten Antisemitismus.
Jüdisches Leben im 19. JahrhundertIn diesem Zusammenhang wird meist das jüdische Leiden und der systematische Massenmord an den Juden im späteren Nationalsozialismus erwähnt. Von Historikern weit weniger beachtet sind dagegen der wirtschaftliche Aufstieg und die schrittweise vollzogene Assimilation des Judentums in der Zeit bis zum ersten Weltkrieg. So stellt der jüdische Wirtschaftshistoriker Avraham Barkei im Hinblick auf die Juden Europas zu Recht fest: „Die hundert Jahre vor dem ersten Weltkrieg sind die glücklichste Zeit ihrer langen Geschichte in Deutschland gewesen“.
Die rechtliche Gleichstellung von Bürgern jüdischen Glaubens mit ihren Nachbarn christlicher Konfessionen, die Aufhebung von Berufs- und Niederlassungsbeschränkungen, das Recht, sich auch außerhalb der Judenghettos in den Städten anzusiedeln – all dies ließ in den deutschsprachigen Ländern lange auf sich warten. Doch spätestens seit den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts wurde die Gleichstellung der Juden in immer mehr deutschsprachigen Gebieten verfassungsrechtlich verankert. Seit der bedingten rechtlichen Gleichstellung von 1848 wurde mehr und mehr Juden der Zugang zum bürgerlichen Leben erleichtert. Sie wurden Mitglieder von kulturellen Vereinen und engagierten sich auch in politischen Fraktionen, so etwa im „Liberal-demokratischen Bürgerclub“ oder im „Konservativen vaterländischen Verein“. Juden wurden Mitglieder von Stadträten, so zum Beispiel in Gießen, oder sie fungierten als Geschworene bei Gericht.
Diese Entwicklung im 19. Jahrhundert bedeutete einen sozialen Aufstieg: weg von der Randständigkeit der mittelalterlichen Ghettos hinein in die Mitte eines gleichberechtigten, bürgerlichen Lebens. Die deutsche Reichsgründung von 1871 besiegelte diese rechtliche und politische Gleichstellung.
Exemplarisch dafür ist, dass selbst der einflussreiche musikalische Erneuerer Richard Wagner den Juden jegliche Fähigkeit zu Kunst und Musik absprach. Dies wird in Wagners Polemik von 1850 Das Judenthum in der Musik deutlich. Wagner schrieb: „Hören wir einen Juden sprechen, so verletzt uns unbewußt aller Mangel rein menschlichen Ausdrucks in seiner Rede“ sowie „Der Jude, der an sich unfähig ist, weder durch seine äußere Erscheinung noch durch seine Sprache am allermeisten aber durch seinen Gesang sich uns künstlerisch mitzuteilen.“ Das antisemitische Klischee sah in jüdischen Künstlern daher Künstler zweiter Klasse, Scheinkünstler, unechte Künstler und wenn überhaupt Intellektuelle statt „Empfindende“. Moses Mendelssohns Enkel, der Komponist Felix Mendelssohn-Bartholdy, wurde deswegen zwar nicht aus den Konzertsälen verbannt, doch die antijüdischen Stereotype waren weit verbreitet. Am Ende des langen 19. Jahrhunderts konnte sich ein „Salonantisemitismus“ konsolidieren.
Zwischen Zionismus und AssimilationUnter der jüdischen Bevölkerung Gießens gab es zur Jahrhundertwende wie in vielen anderen jüdischen Gemeinden auch, einige Persönlichkeiten, die mit dem politischen Zionismus des Theodor Herzl sympathisierten. Hier in Gießen kann aber eher von einer allgemeinen Solidarität mit dem Gedanken eines eigenen Staates gesprochen werden, als von einem starken Eifern. Zwar gab es auch hierzulande, in Gießen-Wieseck, die bekannten jüdischen blauen Büchsen für Geldspenden. Dieses Geld sollte auch dazu verwendet werden, um Landkäufe in Palästina zu ermöglichen und somit den Zionismus zu fördern. Ermöglicht wurde diese Förderung aufgrund des Bestehens von großen jüdischen Gesellschaften wie der „Palestine Land Development Company“ oder dem jüdischen Nationalfonds „Keren Kajemet LeIsrael“. Die Idee Herzls stieß in der jüdischen Bevölkerung Gießens also nicht auf Ablehnung, wurde aber auch nicht extrem gefördert.
Bemerkenswert ist allerdings die Gründung einer Ortsgruppe der „zionistischen Bewegung zur national-kulturellen wie national-politischen Erneuerung“ zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Der politische Zionismus blieb in Gießen aber eine Minderheitsposition. Viele Juden favorisierten ihre deutsch-jüdische Identität und bereits seit 1903 gab es eine Ortsgruppe, die sich „Reichsvereinigung deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ nannte. Die Gründung dieser Gruppe spiegelt den Identitätsgedanken und das Selbstverständnis der damaligen Juden wider. Man wollte ein guter Deutscher und zugleich ein guter Jude sein – ein Zeichen der von jüdischen Bürgern angestrebten Akkulturation. Elemente der jüdischen Kultur wurden mit deutschen Elementen und Eigenschaften des „Deutschseins“ verbunden. Schon die Gründung eines Vereins indem man sich trifft und debattiert, ist ein stückweit ein stereotypisches Merkmal deutscher Kulturgeschichte. Die Zugehörigkeit zu jüdischen wie zu anderen Vereinen war für jüdische Bürger jedenfalls eher der Normalfall als eine Ausnahme. Der Zionismus, der ohnehin gerade unter den assimilierten Juden Westeuropa wenig Zustimmung genoss, wurde hier in Gießen erst in den 1920er Jahren stärker befürwortet. |
Religiöses Judentum in Gießen
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In Gießen existierten bis zur Zerstörung während der Reichspogromnacht im Jahr 1938 drei Synagogen – zwei in Gießen und eine in Gießen-Wieseck. Ein Areal auf dem Alten Friedhof am Lutherberg diente der zunächst noch geeinten jüdischen Gemeinde als Begräbnisstätte. Dort gibt es bis heute aber eben nicht nur eine Trennung zum christlichen Bereich des Friedhofs, sondern auch eine Trennung der Bereiche für liberale und orthodoxe Juden. Dies war das Ergebnis eines innerjüdischen Reformprozesses, der unter anderem die Lösung vom Talmud sowie die Abhaltung der Gottesdienste in deutscher Sprache anstrebte. Der Rabbiner Dr. Benedikt Levi, der damals schon sein fünfzigstes Dienstjubiläum feiern konnte, kam einigen Reformbemühungen nach. Die Loslösung vom Talmud und alleinige Bindung an den Tanach (Altes Testament) setzte er jedoch nicht um, wohl schon aus Gründen der eigenen Ehre. Dennoch scheint er, dem Titel seiner Abhandlungen nach zu urteilen („Beweis der Zulässigkeit des Deutschen Choralgesanges mit Orgelbegleitung beim Sabbathlichen Gottesdienste der Synagoge“), reformorientiert gewesen zu sein.
Einigen streng orthodoxen Gruppierungen ging jedoch die Einsetzung der deutschen Sprache schon zu weit – ein Beispiel dafür, dass jüdische Geschichte als „Modell“ gelten kann: Allgemein sicherlich der Umgang mit Minderheiten in einer Gesellschaft oder wie in diesem Fall eine innerreligiöse Auseinandersetzung - was Parallelen zu den verschiedenen christlichen Konfessionen und deren Auseinandersetzungen mit Modernisierungsprozessen nahelegt. Ein orthodoxer Teil der jüdischen Gemeinde spaltete sich schließlich im Jahr 1887 ab; dieser hielt an der traditionellen Gottesdienstform fest.
Der damalige Regierungsbezirk genehmigte beide Formen des jüdischen Religionslebens, was daran erkennbar ist, dass ein Jahr später der orthodoxen Gemeinde der Status als eingetragener Verein zugesprochen wurde. Und so zeugt die räumliche Trennung der Grabfelder am Alten Friedhof heute noch von der Spaltung der jüdischen Gemeinde zur Jahrhundertwende. Verschwunden sind hingegen die alten Synagogen: An der Südanlage 2 befand sich seit ihrer Gründung 1867 die große jüdische Synagoge. Die Synagoge der orthodoxen Religionsgemeinschaft wurde in der Steinstraße 8 erbaut und im Jahr 1900 eingeweiht. |
Wirtschaft und Kultur der Gießener JudenDie Synagogen waren nicht die einzigen Zeugnisse jüdischer Existenz. Viele Gießener Juden spielten im kulturellen Leben, in Musik und im Theater eine gewichtige Rolle. Der jüdische Anteil der Bevölkerung in Gießen betrug vor dem ersten Weltkrieg rund drei Prozent, das heißt etwa tausend jüdische Bürger lebten in der Stadt an der Lahn. So wurde die kulturelle Entwicklung der Stadt Gießen etwa durch Siegmund Heichelheim entscheidend gefördert. Er war der Sohn Aaron Heichelheims, des Besitzers eines Bankhauses. Die Familie lebte bereits seit Generationen in der Region als sogenannte „Schutzjuden“ der Landgrafen.
Als auf Initiative einflussreicher Bürger das Stadttheater am Berliner Platz errichtet wurde, war es Siegmund Heichelheim der diesen Bau maßgeblich förderte. Ohne ihn wäre das Stadttheater kaum erbaut worden. Auch die „Miller Hall“ in der Grünberger Straße, die man mit Bürgerspenden finanzierte und während der Weimarer Republik als Volkshalle nutzte, hatte Heichelheim mit Geldspenden großzügig unterstützt. Er gründete außerdem mehrere wohltätige Stiftungen für Notleidende, unabhängig ihrer Konfession oder Herkunft. Auch spendete er der Gießener Universität größere Summen Geld. Im Foyer der Universitätsbibliothek ist sein Name unter denjenigen zu lesen, die sich auf besondere Weise für die Bibliothek verdient gemacht haben. Seit 2009 gibt es in Gießen auch eine Straße, die nach ihm benannt ist.
In wirtschaftlicher Hinsicht ging es aber nicht allen Juden so gut wie Siegmund Heichelheim. Die meisten Juden waren am Ende des 19. Jahrhunderts in Handel und Handwerk tätig. Sie verkauften Vieh und Landprodukte wie Getreide und Eier. Die einsetzende Industrialisierung veränderte die Wirtschaftsstruktur in der Region. Jüdische Bürger und Einwohner arbeiteten von nun an auch in der chemischen Industrie Gießens, vor allem in der Farben- und Seifenproduktion. Daneben waren sie weiterhin selbständig im Einzelhandel tätig. Einem Teil von ihnen gelang es um 1900, in das Wirtschaftsbürgertum aufzusteigen. Andere studierten an der Gießener Universität Rechtswissenschaft oder Medizin. Es waren Wege in die „freien Berufe“, denn der Weg in den Staatsdienst blieb Bürgern jüdischen Glaubens über lange Zeit hinweg verwehrt.
Was in Gießen heute noch an jüdisches Leben erinnert, ist nicht nur das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus. Erinnerungswert ist nicht zuletzt das Wirken eines jüdischen Bürgertums, das sich zur Jahrhundertwende entfalten konnte. Davon zeugen nicht zuletzt die epochalen Bauten „bürgerlichen Gemeinsinns“.
Von Tim Gebauer |