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"In Treue stark"

Nennt die Namen der im Krieg gefallenen Studenten und Universitätsmitarbeiter: Die Gedenktafel im Hauptgebäude
Die Gedenktafel im Hauptgebäude erinnert an die im Ersten Weltkrieg gefallenen Universitätsangehörigen. (Foto: Otto)
Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs in Gießen


 

  „Wenn es zum Kriege kommen soll, hört jede Partei auf, wir sind nur noch deutsche Brüder“. Vor dem Berliner Stadtschloß bejubelten am 1. August 1914 zahllose Menschen diese Worte von Kaiser Wilhelm II. Patriotismus, nationale Solidarität und Begeisterung durchdrangen viele Großstädte. Insbesondere in Gießen und anderen Universitätsstädten kam es zu einer Aufbruchsstimmung. Der Erste Weltkrieg hatte begonnen.

 

 

 


 Gießener Sozialdemokraten protestierten gegen Kriegseintritt

Acht Tage zuvor hatte Serbien das österreichische Ultimatum abgelehnt, woraufhin Österreich-Ungarn ihm den Krieg erklärte. Die Mobilmachung des russischen Zarenreichs war kurz danach gefolgt.

Vor dem deutschen Kriegseintritt am 1. August sprachen sich im Reich und auch in Gießen nicht wenige gegen den Krieg aus oder hofften, ihn zu umgehen. „Bessere Aussichten für den Frieden“ titelte der Gießener Anzeiger noch am 28. Juli 1914. Bei der öffentlichen Bekanntmachung „Protest gegen den Krieg“ der Sozialdemokraten im Gießener Café Leib sagte der Schriftsteller Simon Katzenstein, der in Gießen geboren war und nun in Berlin lebte: „Die heute in großer Zahl in Gießen versammelten Männer und Frauen bekunden ihren entschiedenen Willen zur Erhaltung des Friedens.“ Selbst am 31. Juli konnte man in der Zeitung noch lesen, dass es „keine deutsche Mobilmachung“ gebe und die „deutsche Regierung um Versöhnung bemüht“ sei. Insbesondere die Landbevölkerung zeigte wenig Kriegsbegeisterung, da Einberufungen die Landwirtschaft gefährdeten.
Einen Tag später konnte man freilich davon nichts mehr hören. Die deutsche Mobilmachung begann. Im Kreis Gießen gab es für Wehrpflichtige und Freiwillige drei Einzugsstationen: In der Turnhalle am Oswaldsgarten, in Lich in der Gießener Straße und in Grünberg im Gasthaus „Zum Hirsch“. Die Provinzialdirektoren in Darmstadt erwarteten eine Flutwelle von Kriegsfreiwilligen. Sie hatten schließlich zu wenige Ausbilder und versuchten deshalb die militärisch Unerfahrenen durch Bekanntmachungen zur Mithilfe beim Roten Kreuz oder zur Eisenbahnbewachung zu bewegen. 

 

Mobilmachung führte zu Unruhe & Begeisterung

Die Mobilmachung führte bei den Gießenern zunächst zu Unruhe. Besonders Frauen stürmten in die Handelsgeschäfte und Läden. Aus Angst vor Engpässen und steigenden Preisen machten sie Hamsterkäufe. Die Stadtverwaltung appellierte an Ruhe und Geduld. Die Stadtverordnetenversammlung, die am 2. August zu einer außerordentlichen Sitzung zusammenkam, versprach deswegen als erstes eine sichere Lebensmittelversorgung. Oberbürgermeister Keller hielt ein Plädoyer für den Kaiser, den Krieg und den Nationalismus und betonte „Kein Volk ist friedliebender als das deutsche.“ Lebhafter Beifall begleitete seine Ansprache und die anderen Beigeordneten pflichteten ihm bei, mit ähnlichen Lobliedern auf die deutsche Tugend, Kultur und Führung.
Die Versammlung der Stadtverordneten unterstrich nochmals die Aufforderung an die Mitbürger, sich freiwillig zu engagieren: „Es ist Ehrenpflicht jeden Gießener Bürgers, in erster Linie Sorge zu tragen für das Wohl der mobilen Truppen, die zum Schutze des Vaterlands in den Kampf hinausziehen. Alle Bürger, die nicht ins Feld rücken müssen, haben große patriotische Aufgaben zu erfüllen.“

Der Gefühlsüberschwang und die Bereitschaft schienen grenzenlos. So spendete eine Heuchelheimer Firma dem Gießener Regiment 116 50.000 Zigarren. Der Großherzog Ernst Ludwig zu Darmstadt schickte sogar einen Brief an Wilhelm II. mit der Bitte, selbst an die Front zu dürfen, um den Soldaten nahe zu sein. Ein Gießener, der während des Ausbruchs in London lebte, berichtete, dass er die Mobilmachung mit einem „donnernden Hurra“ begrüßt habe. Am Londoner Bahnhof habe er inmitten von tausend anderen Deutschen die „Wacht am Rhein“ und „Deutschland Deutschland über alles“ gesungen, weshalb die englische Polizei sogar Ausschreitungen zwischen Deutschen und Franzosen auf der Victoriastation unterbinden musste.

Krieg ließ Universität ausbluten

Viele der in Bronze eingravierten Namen gehörten Studenten
Die in Bronze eingravierten, rötlich schimmernden Namen zeigen den hohen Blutzoll, den die Universität für den Krieg zahlte. (Foto: Otto)

Auch die Gießener Studenten mobilisierten sich, angetrieben vor allem vom damaligen Rektor Prof. Dr. Samuel Adalbert Eck. Von den 1.214 Studenten im Wintersemester 1914/15 standen ungefähr 900 im Wehrdienst, hinzu kamen fast 30 Prozent der Professoren. Am 5. August fand darum eine akademische Abschiedsfeier für die ins Feld Ziehenden statt. Nach der Rede des Rektors sangen die Anwesenden deutsche Lieder und Ecks Vorschlag, das Regiment von der Aula bis zur Kaserne durch die Stadt zu begleiten, fand jubelnde Zustimmung. Am 7. August wurde eine Kriegskommission an der Universität eingerichtet, die dem  Militär Räume und Hilfskräfte zur Verfügung stellen sollte. Weiterhin schrieb der Rektor an den Führer des Regiments, Oberst Schimmelpfennig, regelmäßig Briefe, um zu bekräftigen, dass die Ludoviciana hinter den Soldaten stünde: „Die Gedanken der Ludoviciana sind bei dem Kaiser-Regiment. Dem Führer, dem Offizierkorps, allen Mannen herzlichste Grüße. In Treue stark!“
Der landesweite Aufruf der deutschen Studenten zog immer wieder Vergleiche mit den „Befreiern“ von 1813, 1848 und 1870. Ihr Motto „Frei oder tot, doch Knechte nimmermehr!“ fand auch in Gießen Anklang. Fast alle waren bereit, Hörsaal und Bücher gegen Feld und Waffen einzutauschen. So meldeten sich von der Burschenschaft Alemannia 196 aktive oder ehemalige Mitglieder zum Kriegsdienst, ein übliches Bild unter den Gießener Studentenverbindungen. Mit einem jahrelang anhaltenden Krieg rechnete keiner der Begeisterten.
Der Krieg ließ die Universität jedoch ausbluten, von über 1.500 Studenten waren im Sommer 1915 nur noch 250 übrig. Insgesamt fielen 321 Männer, an die heute noch eine Gedenktafel im Uni-Hauptgebäude erinnert.

 

Von Sebastian Kircher
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Redaktion
03.09.2009 14:40
 

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