Die Novemberrevolution 1918 in Gießen
Mehrere tausend Menschen versammelten sich friedlich am 13. November 1918 um 14 Uhr auf dem Brandplatz in Gießen. Bereits zwei Stunden zuvor hatten die Betriebe zu schließen, weil der Arbeiter- und Soldatenrat zur Demonstration aufrief. Als Redner traten Georg Beckmann, Angestellter der Gießener Ortskrankenkasse, und Friedrich Vetters auf, ein Redakteur der Oberhessischen Zeitung. Die beiden Mitglieder des Arbeiterrats hielten ihre Ansprachen gleichzeitig: Vetters vom Ende der Reitbahn aus und Beckmann vor dem Mitteltor des Feuerwehrgebäudes. Sie erläuterten die Ursachen des Weltkrieges, den Kapitalismus und den Militarismus und schilderten die Vorgänge der sozialistischen Revolution während der letzten Tage sowie deren unblutige Siege. Ruhe und Ordnung sollte bewahrt werden, damit bei der Neubildung Deutschlands kein Chaos entstehe. Auch das Programm der neuen Regierung wurde durchgesprochen.
Die Menschenmassen setzten sich daraufhin in Bewegung. „Unter Vorantritt der Musikkapelle bildete sich hierauf ein Zug, der durch die Sonnenstraße zum Seltersweg und von da aus zum Oswaldsgarten zog. Mit dabei waren Arbeiter, Soldaten, Frauen, Mitläufer und Neugierige“, berichtete der Gießener Anzeiger in der Ausgabe vom 14. November 1918. Die Demonstranten trugen eine rote Fahne und ein weißes Banner mit der Aufschrift „Freiheit, Brüderlichkeit“.
Revolution von Kiel bis nach BerlinIn diesen Tagen überschlugen sich die Ereignisse in ganz Deutschland. Begonnen hatten die Unruhen in Kiel, nachdem Matrosen Anfang November den Befehl verweigerten, trotz der Waffenstillstandsverhandlungen gegen die englische Flotte auszulaufen. Sie hissten auf den Schiffen die roten Fahnen der Revolution. Darauf folgte in allen großen Städten Deutschlands die Machtübernahme der Arbeiter- und Soldatenräte. In Gießen wurden am 9. November Räte gewählt. Der Soldatenrat übernahm sofort die militärische Gewalt. Bereits am ersten Abend seines Bestehens ließen die Verantwortlichen die erste Bekanntmachung am Gebäude des Gießener Anzeigers aushängen. An diesem Novembertag erreichte die Revolution auch Berlin: tausende von Menschen gingen auf die Straßen und forderten das Ende des Krieges und den Rücktritt Kaiser Wilhelms II. Dieser zögerte jedoch. Reichskanzler Prinz Max von Baden gab schließlich die Abdankung des Kaisers ohne dessen Einwilligung bekannt. Er selbst übergab sein Amt als Reichskanzler an Friedrich Ebert, den damaligen Vorsitzenden der SPD. Wilhelm II. floh ins Exil in die Niederlande. Philipp Scheidemann (SPD) rief am Nachmittag die Republik aus, Karl Liebknecht vom kommunistischen Spartakusbund zwei Stunden später den Rätestaat. Am nächsten Tag wurde der Rat der Volksbeauftragten gebildet, der sich als Übergangsregierung verstand, solange bis die Nationalversammlung gewählt wäre, um weitere Entscheidungen zu treffen. |
Gießener Bürgermeister kooperierte mit SoldatenrätenWährenddessen arbeitete in Gießen die alte Verwaltung bereits mit den Räten zusammen. Oberbürgermeister Keller rief schon am 10. November 1918 mit folgenden Worten zu Ruhe und Ordnung auf: „Der Soldatenrat gewährleistet die öffentliche Sicherheit und wird Ausschreitungen nachdrücklich entgegentreten. Ich bitte die Bürger, jede Störung der Ruhe und Ordnung zu vermeiden“. Gerade dieser Verzicht auf eine Konfrontation verhinderte ein Blutvergießen. Und tatsächlich verlief die „Revolution“ in Gießen fast gewaltfrei. Der Gießener Anzeiger berichtete lediglich am 13. November 1918 von einer Schießerei am Bahnhof, bei der ein Mann ums Leben gekommen sein sollte. Wenige Tage zuvor war die deutsche Waffenstillstandskommission auf dem Weg zu den französischen Linien. Am frühen Morgen des 11. November 1918 unterschrieb Staatssekretär Matthias Erzberger die Kapitulation Deutschlands. Der erste Weltkrieg war damit nach mehr als vier Jahren zu Ende. Millionen Soldaten hatten diesen „ersten totalen“ Krieg nicht überlebt. |
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Auch das Regiment 116 aus Gießen hatte zahlreiche Opfer zu beklagen. Beim Einmarsch in die Stadt empfingen die Gießener die Zurückkehrenden mit Glockengeläut und einer mit Fahnen geschmückten Stadt. Trotz Regen verteilten die Bürger Blumen, Zigarren und Geschenke an die Soldaten. Die Beutel mit Zigarren, vom Bürgerrat gespendet, waren mit der Widmung „Ihr wolltet für uns sterben, wir wollen für Euch leben![...] stets aufs Neue dankt die Heimat Eurer Treue“ versehen. Die ersten Forderungen der Revolution waren erfüllt: der Krieg war beendet, der Kaiser hatte abgedankt. Im Januar 1919 fanden die Wahlen zur Nationalversammlung statt und am 31. Juli 1919 wurde die Weimarer Verfassung verabschiedet, die Deutschland zur Republik machte und gleichzeitig die Macht der Räte endgültig beendete. Von Laura Huth |