Operation Hake
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Die Bombenangriffe der Alliierten im Dezember 1944 zerstörten Gießen nahezu vollständig
Den Gießener Stadtkirchenturm umgibt heute eine Wiese, durchzogen von Steinlinien. Sie weisen auf den Grundriss der ehemaligen Stadtkirche hin. Am Fuß des Turms steht ein schlichtes Mahnmal mit der Inschrift: „6. Dezember 1944 den Opfern der Bombenangriffe auf Gießen.“ An diesem Nikolaustag während des Zweiten Weltkriegs flogen die alliierten Bomber ihren stärksten Angriff auf die Lahnstadt - mit verheerenden Folgen.
Alliierte Truppen auf dem Vormarsch
Für die Mehrheit der Gießener Bevölkerung war der Luftkrieg bis weit ins Jahr 1944 hinein keine Bedrohung, sondern ein entferntes Schauspiel am Himmel. Propaganda und Verdrängung trugen dazu bei, dass sich viele trotz häufigen Luftalarms sicher fühlten. „Wir waren ja sorglos bei den Alarmen nie mehr aufgestanden, in der Annahme das unbedeutende, kleine Gießen käme ja nie dran“, berichtet der damals 15-jährige Wilfried Roth. Zu diesem Zeitpunkt waren die Alliierten längst auf dem Vormarsch. Schon am 21. Oktober hatten die Amerikaner Aachen als erste größere deutsche Stadt eingenommen. Um den Nachschub und die Truppenbewegungen innerhalb des Reiches zu schwächen, sollten die Luftstreitkräfte in die Offensive gehen. Doch auch die gezielte Bombardierung von Siedlungsgebieten war Teil des Plans, um die Widerstandskraft der Deutschen zu schwächen. „Es ist beschlossen worden, dass Ihr Hauptangriffsziel von nun an die Moral der feindlichen Zivilbevölkerung, vor allem der Arbeiterschaft, sein soll“, lautete am 14. Februar 1942 ein Geheimbefehl des britischen Luftstabes an Luftmarshall Arthur Harris, den Befehlshaber der britischen Luftwaffe. |
"Hake" verursachte Inferno
Insgesamt machen sich an diesem Tag mehr als tausend Bomber der
Royal Air Force auf den Weg nach Deutschland. Weitere 247 Maschinen der
5th Bomber Group nehmen voll beladen mit tödlicher Fracht am Abend Kurs
nach Gießen auf. Als sich die ersten Flieger der Stadt nähern, gibt es
um kurz nach 19.30 Uhr Voralarm für Gießen. Wenig später hebt ihn der
Fliegermeldedienst wieder auf, da sich der Verband in Richtung
Mitteldeutschland entfernt. Kurz danach schwenkt jedoch die 5th Bomber
Group auf ihr Ziel ein. Gleichzeitig mit dem Vollalarm um 20.03 Uhr
fallen die ersten Beleuchter auf die Stadt. Die Zielmarkierungsbomben
werden gesetzt, als die meisten Menschen noch in die Bunker flüchten.
In der folgenden halben Stunde fallen 1.207 Tonnen Spreng- und
Brandbomben auf Gießen und verwandeln die Stadt erst in eine
Kraterlandschaft, dann in ein Inferno. Die von den Sprengbomben
abgedeckten Häuser der Innenstadt werden für die Phosphorbomben zu
Kaminen. Es entsteht ein planvoll entfachter Feuersturm, der
vernichtet, was die Bomben übrig gelassen haben. Löscharbeiten sind
kaum möglich, die Straßen versperrt, ständig explodieren Minen mit
Zeitzünder. Heinrich Lich, der damals den Angriff in der Sonnenstraße
miterlebt, versucht noch, mit seinem Vater das Haus vor den Flammen zu
bewahren. Erfolglos: „Länger in der engen Innenstadt zu bleiben, wäre
Selbstmord gewesen.“ Im Zentrum liegen sechs bis acht Brandbomben pro
Quadratmeter. Wer kann, rettet sich aus der Stadt oder sucht Schutz auf
freien Flächen.
Bei den über dreißig Luftangriffen wird Gießen
insgesamt zu 70 Prozent, die Innenstadt nahezu komplett zerstört.
Die Zivilbevölkerung trifft es am härtesten. Insgesamt fallen den
Bomben mehr als 800 Menschen zum Opfer. Im Vergleich zu den mehr als
650.000 Tonnen Bomben, die allein im Jahr 1944 über Deutschland
abgeworfen wurden, scheinen die 1.200 Tonnen, die am 6. Dezember auf
Gießen fallen, eine geringe Menge zu sein. Für die Stadt und ihre
Bürger stellt der Angriff jedoch eine bis heute beispiellose Zäsur in
der Geschichte dar.
Leben nach den Bomben
Durch die Zerstörung hatten die Menschen nicht
nur ihre Familien, sondern auch ihre gewohnte Umgebung und
Lebensgrundlage verloren. In der Stadt waren nur 45 Gebäude unversehrt
geblieben. Sofern es möglich war suchten die Gießener bei Bekannten in
der Umgebung eine Unterkunft. Wer noch eine Wohnung hatte, musste
Ausgebombte aufnehmen. Unterricht gab es keinen mehr, da in Gießen alle
Schulen zerstört oder unbenutzbar waren. Die Wasserversorgung brach
zusammen. Bis in der Gutenbergstraße ein Brunnen installiert wurde,
kochten die Menschen Wasser aus der Wieseck ab. Das Essen war streng
rationiert und wurde nur gegen Lebensmittelkarten ausgegeben. Langes
Anstehen gehörte nun zur Tagesordnung. Das wichtigste Anliegen der
städtischen Bevölkerung lag darin, das eigene Überleben zu sichern.
„Wir waren auf einem Existenzminimum angelangt, wo nur das tägliche
Brot und die knapperen Rationen uns beschäftigten“, beschreibt der
Gießener Wilfried Roth die Situation, „Wenn das ganze gesellschaftliche
Gefüge ausgelöscht ist, sucht man nur, seelisch und nervlich zu
überleben.“
Auch heute noch ist das Gießener Stadtbild Zeuge
der Zerstörung von damals. Weniger Gedenkstätten als vielmehr die Stadt
selbst erinnern an den Untergang der nicht mehr vorhandenen Altstadt.
Das meiste musste neu aufgebaut werden. So auch die Pankratiuskapelle
nahe dem Stadtkirchenturm, die nach Kriegsende aus den Trümmern der
alten Kirche neu errichtet wurde.
Von Sarah Schiek
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