Revolution oder Reform?
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Die Gießener Studentenproteste der 1968er
Dass Studenten auf die Straße gehen, um gegen Missstände zu demonstrieren, ist kein seltenes Phänomen. Trieben die im Sommer 2006 beschlossenen Studiengebühren ab dem Wintersemester 2007/2008 die Studierenden zu massiven Protesten und Demonstrationen an, waren es im Mai 1968 ganz andere Gründe: Es war, wie heute, eine Zeit der Großen Koalition von CDU und SPD. Jugendliche und vor allem Studenten fühlten ihre eigenen Vorstellungen im Bundestag nicht mehr vertreten. Als Teil einer Außerparlamentarischen Opposition, kurz APO, machten sie durch Demonstrationen und Proteste die Öffentlichkeit auf sich aufmerksam. Nicht nur der von den USA geführte Krieg in Vietnam, die Hochschulpolitik oder die Benachteiligung von Frauen und Minderheiten, sondern die Normen und Werte der Gesellschaft waren Ziel ihrer Kritik und Grund für ihren Zweifel.
Tod Benno Ohnesorgs löst Studentenproteste in Gießen aus
Obwohl sich die Protestaktionen der Studentenbewegung lange auf die Großstädte, vor allem West-Berlin, konzentrierten, sorgte die Ermordung des Studenten Benno Ohnesorg für bundesweiten Aufruhr. Am 2. Juni 1967 hatte Ohnesorg mit einer Gruppe von Studenten gegen den Besuch des persischen Schahs in Berlin demonstriert und war durch den Polizisten Kurras erschossen worden. Damit hatte die Studentenbewegung auch Gießen erreicht, wo anlässlich der Beisetzung Ohnesorgs eine Trauerdemonstration abgehalten wurde, an der sich über ein Drittel der hiesigen Studenten beteiligte. Anders als in den beiden angrenzenden Universitätsstädten Marburg und Frankfurt, wo im Oktober 1966 bereits der Kongress zum „Notstand der Demokratie“ tagte, war in Gießen die ideologische Ausrichtung weniger einheitlich. Prof. Dr. Heinrich Brinkmann, der seine umfangreiche Sammlung von Originalmaterial dem Gießener Universitätsarchiv zur Verfügung gestellt hat, erinnert sich: Als er aus Münster wechselte, um sein Studium in Gießen im Wintersemester 1965/66 fortzusetzen, waren an der Justus-Liebig-Universität erst circa 4.400 Studenten eingeschrieben. Es war eine eher untypische Universität, die auf Grund der landwirtschaftlichen und veterinärmedizinischen Fakultät schon früh viele ausländische Kommilitonen anlockte.
Thema Dritte Welt im Vordergrund
Viele ehemalige Studenten engagierten sich später in der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft und im bildungspolitischen Flügel der hessischen SPD, wodurch die Gießener Studentenschaft sehr sozialdemokratisch und gewerkschaftlich orientiert war. „Man konnte die politische Arbeit während der Studentenbewegung in drei Themenbereiche einteilen“, so Brinkmann, „nämlich Hochschule, Notstand und Vietnam.“ Letzteres diente als Modellfall der Wirkung des kapitalistischen Imperialismus Gegen die Situation in Vietnam fanden Demonstrationen, Geldsammlungen auf dem Seltersweg für das vietnamesische Rote Kreuz und so genannte „Teach-Ins“, Veranstaltungen, auf denen ein Thema vorgestellt und diskutiert wird, statt. Für Brinkmann ist es richtig, dass Studenten ihren Ärger politisch artikulieren. „Aufmüpfige Menschen lassen nicht alles mit sich machen“, stellt Brinkmann fest. Dies sei ein wichtiger Bestandteil der Demokratie.
Von Torben Sauerland |