"Eine schwere Zeit"
Gießen im März 1945. Die 19-jährige Arzthelferin Maria Kreiling befindet sich auf dem Weg in die Liebigstraße. Plötzlich steht ein baumlanger, dunkelhäutiger GI vor ihr. Sie erstarrt vor Angst, weiß nicht, was geschehen wird. Bei ihrer ersten Begegnung mit den Besatzern hatte einer der Soldaten sie mit einem Gewehr bedroht und mit „Geh weg, du deutsches Schwein!“ beschimpft. Doch der Amerikaner reicht ihr nur zwei Bonbons. Zuerst will sie das Geschenk wegwerfen. Dann, nach langem Abwaschen, obwohl die Süßigkeiten eingepackt waren, lutscht sie sie mit Genuss.
Neuankömmlinge wecken Skepsis und Neugier
Mit dem Einmarsch der US-Truppen am 28. März 1945 gesellen sich das Fremde und eine Ungewissheit über die Zukunft zu den alltäglichen Problemen der Gießener in der letzten Kriegsphase. Man müsse sich nun „organisieren“, so die Parole dieser Zeit. Die Städter finden zum Ende des Zweiten Weltkrieges viele Wege mit der neuen Situation zurechtzukommen. Der Gießener Student Hans Göbel hält sich etwa mit illegalem Schnapshandel und Schwarzschlachterei über Wasser und Irmtraud Simon wäscht für Amerikaner. Alles zum Leben Notwendige wird rationiert. Die festgeschriebene Tagesration für die Zivilbevölkerung beträgt im August dieses Jahres 1.090 Kalorien. „Eine schwere Zeit“, wie der Gießener Gerd Roß das Leben damals beschreibt.
Die Besatzer hatten erst am 22. März mit der Überquerung des Rheins die hessische Region erreicht. Rasch bahnten sie sich ihren Weg über Darmstadt, Frankfurt, Hanau, Wiesbaden und Wetzlar, das einen Tag zuvor in Straßenkämpfen eingenommen worden war. Im Unterschied dazu verlief die Eroberung Gießens nahezu reibungslos. Nur im Schiffenberger Weg leisteten deutsche Soldaten Widerstand, indem sie versuchten, die aus der Gnauthstraße vorstoßende Panzerspitze der Amerikaner mit einem Maschinengewehr aufzuhalten. Sie unterlagen den US-Truppen jedoch schnell.
In der nun folgenden Zeit wählen die Amerikaner Gießen sogar als Standort für amerikanische Truppeneinrichtungen aus. Schließlich besitzt die alte Garnisonsstadt nahezu erhaltene Kasernenanlagen und einen Fliegerhorst. Außerdem ist sie ein Verkehrsknotenpunkt der Eisenbahn. Die amerikanische Militärregierung bezieht die alte Villa Rinn in der Wilhelmstraße 20, das heutige Institut für Ernährungswissenschaften der Universität. Sie versucht geordnete Verhältnisse zu schaffen, die Versorgung sicherzustellen, eine verlässliche öffentliche Verwaltung einzurichten sowie die Städter im amerikanischen Sinne zur Demokratie zu erziehen.
Die amerikanischen Truppen sind in Kasernen untergebracht: In der Verdun-Kaserne wohnen die farbigen, in den übrigen acht die weißen Soldaten. Gerade die dunkelhäutigen GIs werden von den Einheimischen lange als Kuriosität beäugt. Fremdartig wirken jedoch nicht nur die Neuankömmlinge selbst, sondern auch die Waren, die sie mit sich bringen. Mandarinen, Kaugummis, Kleidung wie Jeans oder Nylonstrümpfe und vor allem der Jazz wecken zuerst Skepsis, bald Neugier bei den Deutschen.
Hass gegen US-Truppen
Die anfängliche Erleichterung über das Ende der Bombenangriffe und die Ankunft der Amerikaner verändert sich schnell. Die Gegenwart der Besatzer ist in der gesamten Stadt zu spüren: Panzer in den Straßen, Hausdurchsuchungen nach ehemaligen Wehrmachtssoldaten, alkoholisierte US-Militärs sowie Berichte über Vergewaltigungen und andere Formen der Siegerjustiz machen die Runde. Hinzu kommen Drohungen und Raubzüge von ehemaligen polnischen Zwangsarbeitern, die die Gießener wie auch die umliegenden Orte permanent in Angst versetzen. Ausgangssperren, Back-, Zeitungs- und Parteiverbote, Hausbesetzungen sowie die Aufforderung an ehemalige Nationalsozialisten zu Aufbauarbeiten folgen. Die Ludwig-Universität verliert den Kampf um Wiedereröffnung gegen Frankfurt, Darmstadt und Marburg, da sie als kleine, entbehrliche Hochschule ohne Zukunft angesehen wird und weitgehend zerstört ist. Sie schließt als einzige im späteren Vier-Zonen-Deutschland Mitte März 1945 ihre Tore. Nur die landwirtschaftlichen, human- und tiermedizinischen sowie die natur- und wirtschaftswissenschaftlichen Zweige werden erhalten, da sie dem Wiederaufbau nützen könnten.
Bald suchen die Amerikaner Kontakt zu den deutschen „Fräuleins“. Prostitution wird zu einem lohnenden Weg, Waren zu erlangen und schnell breiten sich Geschlechtkrankheiten wie Syphilis aus. Alte, nationalsozialistisch verbreitete Vorurteile, Sprachprobleme und daraus folgende Missverständnisse verstärken den Hass gegen die US-Truppen. Sie erscheinen eher als Feind und Besatzer denn als Befreier.
Versorgungsnot bestimmt die Menschen
Gießens Ausgangssituation sieht im März 1945 wenig rosig aus: Nur noch 865 von 12.324 Wohnungen sind nach den Bombenangriffen unbeschädigt. Ewald Klein aus Kleinlinden, der seinen Onkel in der Frankfurter Straße besucht, hat Mühe, sich in der Stadt zu orientieren, da er in der Trümmerlandschaft den Marktplatz nicht wieder erkennt. Ein Drittel der Einwohner haben nach den Fliegerangriffen die Flucht angetreten. Von den 31.000 verbliebenen Gießenern sind gut 6.200 gezwungen in Notunterkünften oder Ruinenkellern zu leben. Kriegsheimkehrer, Flüchtlinge und Heimatvertriebene verschärfen die Wohnungsnot. Die Strom-, Wasser-, Gas- und Kohleversorgung sowie der Personenverkehr brechen zusammen. Zu groß sind die Schäden, die zum Leben notwendigen Gebäude und Maschinen ausgebrannt, Werkzeug und Material für Reparaturen fehlen.
Die Sorge um den täglichen
Lebensunterhalt bestimmt die Menschen. Kalte Winter verschärfen die
vorhandenen Engpässe. Grundnahrungsmittel wie Brot erhält man über
Bezugsscheine, doch garantieren sie keineswegs eine gesicherte
Existenz. Plünderung, Raub und Urkundenfälschung gehören in diesen
ersten Jahren genauso zum täglichen Leben wie der aufblühende
Schwarzmarkt oder Hamsterkäufe. Die Moral weicht dem Willen nach
Überleben. Dieser Not fallen etwa die verlassene
Heeresversorgungsstelle in der Wilhelmstraße, die Lagerhallen des
Bahnhofs oder der Nachbarkeller zum Opfer, die zum
Selbstbedienungsladen werden.
Der Schwarzmarkt spielt sich
vorwiegend auf dem Bahnhofsvorplatz und der oberen Bahnhofsstraße ab,
durchzieht jedoch nahezu jeden Teil der Stadt: Der Umschlagplatz für
grünen, ungebrannten Bohnenkaffee befindet sich etwa hinter dem Neuen
Friedhof. An vielen Bäumen, etwa entlang der Marburger Straße, hängen
Tauschwünsche und Angebote. Dort werden nicht benötigte
Zuweisungsscheine gegen Waren gehandelt, die trotz Marke nicht zu
bekommen sind. Gerade US-Artikel sind gefragt. Nicht Geld, sondern
Kaffee, Tabak oder Schokolade heißen die inoffiziellen Währungen dieser
Tage. Ein Päckchen Zigaretten besitzt etwa einen Wert von 1.000
Reichsmark. Mit ihnen bezahlt man Reparaturen, Anstreicher, Kleidung
sowie Güter, die in dieser Zeit rar gesät sind.
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Wiederaufbau des städtischen Lebens
Doch die Anwesenheit
der Besatzer bedeutet nicht den vollkommenen Stillstand oder eine
gänzliche Neuordnung des bisherigen Lebens: Im Januar 1946 darf die Giessener Freie Presse als erste Zeitung in der Stadt unter
amerikanischer Kontrolle zweimal wöchentlich erscheinen. Zusätzlich
erlaubt die Militärregierung eine Wiederbelebung des kulturellen
Lebens, da sie es als lohnendes Umerziehungsmittel erkennt. Am 1. Juli
1945 begeistert das erste öffentliche Platzkonzert vor dem
Universitätsgebäude die Zuhörer. Im September und November öffnen das
Lichtspielhaus sowie das Stadttheater wieder ihre Tore. Von Patricia Lanois
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