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Stolz und Vorurteile

Margarete Bieber
Die junge Margarete Bieber auf ihrer ersten Forschungsreise. (Quelle: Recke)
Margarete Bieber und die Pionierinnen der Gießener Wissenschaft

 

„Besonders schauerlich war die Anwesenheit des Fräulein Bieber“, machte ein Archäologe 1910 seinem Ärger Luft. Während seiner Ausgrabungen im kleinasiatischen Milet begegnete er Margarete Bieber, die skandalöserweise ein Reisestipendium ergattert hatte. Sie hatte damals schon einen langen Weg hinter sich: das Abitur, obwohl Mädchen kein Gymnasium besuchen konnten, ein Studium in Berlin ohne preußische Zulassung und sogar den Doktortitel. Aber sie sollte noch mehr erreichen und trotz aller Widerstände und Vorurteile als erste Professorin in Gießen lehren.

 

Gute Bildung bereits im Kindesalter

In vielem war Margarete Bieber die erste und als solche Pionierin in der Wissenschaft. Doch sie hatte auch in Gießen Vorreiterinnen und Mitstreiterinnen. Schon 100 Jahre vor ihr hatte die Darmstädterin Charlotte Heidenreich von Siebold den Doktortitel der Gynäkologie an der Gießener Universität erhalten. Aufgewachsen in einer Medizinerdynastie musste sie sich weniger gegen ihre Eltern als vielmehr gegen die Professoren durchsetzen. Später sollte sie als gefeierte Spezialistin der Geburtshilfe Geschichte schreiben und sogar die Geburt der späteren britischen Königin Victoria 1819 begleiten.
Margarete Bieber jedoch war nicht nur eine Frau, sondern auch jüdischer Abstammung. Dieser beiden „Makel“ war sie sich stets bewusst. 1879 als Tochter eines wohlhabenden Mühlenbesitzers in Schönau geboren, dem heutigen Prechowo in Nordwestpolen, wurden sie und ihre zwei Schwestern im Dorf „Prinzessinnen“ genannt. Zunächst von einer Gouvernante erzogen und unterrichtet, besuchte Margarete die Höhere Mädchenschule und anschließend eine Internatsschule in Dresden. Weil damals außer in Karlsruhe kein Mädchengymnasium existierte, lernte Margarete Bieber in den privaten Vorbereitungskursen Helene Langes in Berlin. Lange war zugleich der führende Kopf der bürgerlichen Frauenbewegung. Sie trat für die Gleichberechtigung der Frauen in Bildung und Beruf ein und bereitete Mädchen und Frauen auf die externe Abitursprüfung vor. Margarete bestand diese als erste Frau Westpreußens im Alter von 22 Jahren.

 

Studium & Doktortitel trotz Diskriminierung

Margarete Bieber wollte nach dem Abitur nicht aufgeben und setzte sich das Ziel, Medizin zu studieren. Doch der Vater erlaubte lediglich den Lehrerberuf. Dieser war damals der einzige gesellschaftlich anerkannte Beruf für Bürgerinnen. Weil die offizielle Einschreibung für Frauen 1901 an preußischen Universitäten nicht möglich war, musste sie persönlich jeden Dozenten um Erlaubnis bitten, als Gasthörerin Vorlesungen beizuwohnen. Preußen zeigte sich hier sehr konservativ, denn an den badischen Universitäten Heidelberg und Freiburg waren Studentinnen seit 1900 erlaubt. Süddeutschland war maßgeblich von der benachbarten Schweiz beeinflusst, deren Universitäten längst bis ins russische Zarenreich hinein als Mekka des Frauenstudiums bekannt waren. Zwar hatte der preußische Kulturminister bereits acht Jahre zuvor versucht, das Frauenstudium zu ermöglichen, doch lehnten die Wissenschaftler diesen Vorschlag vehement ab.
Die Vorbehalte der Professoren bekam auch Margarete zu spüren. Der Germanistikprofessor in Berlin erlaubte ihre Anwesenheit als Gasthörerin nicht und so kam sie eher durch Zufall zur klassischen Archäologie, weil Latinisten, Gräzisten, Althistoriker und Archäologen ihr Zugang zu allen Lehrveranstaltungen gewährten. 1904 wechselte sie von Berlin nach Bonn, um dort bei Georg Loeschcke zu lernen. Diesen Archäologen verehrte sie so stark, dass sein Ölportrait lebenslang gegenüber ihres Schreibtisches hing. Er wurde schließlich ihr Doktorvater und gratulierte ihr nach zwei Jahren in Bonn mit einem Blumenstrauß zum Doktortitel über das Dresdener Schauspielerrelief. Durch Freunde aus ihrer Bonner Zeit nahm sie den altkatholischen Glauben an.
 Als Jüdin war Margarete Bieber unter den ersten Akademikerinnen in wilhelminischer Zeit keineswegs in der Minderheit. Weil im jüdischen Bürgertum die Kinderanzahl gering, das Heiratsalter der Frauen hoch und Bildung wichtig war, wurden die Töchter oft in ihrem Wunsch nach Ausbildung unterstützt. Auch Margarete wurde über vier Jahrzehnte lang von Ihrem Vater finanziell versorgt. 

 

Steiniger Weg: Gießens erste Generation von Studentinnen

Obwohl in jener Zeit an vielen Universitäten mehrere Frauen studierten, kämpften die meisten Studentinnen allein gegen gesellschaftliche Hürden. Von intellektueller Unterlegenheit bis hin zur Zerstörung der angeblich labilen weiblichen Psyche durch Wissenschaft wurden unterschiedlichste Argumente der Professoren ins Feld geführt. Die häufigste Diskriminierung war da noch die völlige Missachtung der Anwesenheit: Stur sprachen viele Dozenten ihre Zuhörer weiter mit „Meine Herren“ an. Umso erstaunlicher ist es, dass sich die meisten dieser ersten Generation von Studentinnen selten beschwerten.
Vielleicht um bei den Kollegen als gleichberechtigte Wissenschaftler zu gelten und sich nicht den Ruf einer radikalen Suffragette zu holen, engagierten sich nur wenige Studentinnen in Vereinen. Auch vor Ort existierte seit 1915 eine solche Vereinigung Gießener Studentinnen. Hier nahm man die Bitte einer Studentin 1897, sich in Darmstadt zu immatrikulieren, zum Anlass für eine Grundsatzentscheidung. Nach dem Willen des Senats sollten Frauen gleichberechtigt an der philosophischen und juristischen Fakultät studieren, doch das hessische Ministerium verhinderte den Beschluss, sodass Frauen lediglich nach dem Vorbild Preußen auf Anfrage hin hospitieren durften. In den kommenden acht Jahren hospitieren immerhin 47 Frauen in Gießen, von denen 36 aus Russland kamen. Dort war zwar das Abitur für Frauen möglich, doch wurde das Frauenstudium nach einem kurzen Versuch gleich wieder abgeschafft. Daher studierten die ausgebildeten Russinnen häufig in Deutschland und der Schweiz. Die Hälfte dieser Studentinnen belegte Seminare und Vorlesungen im Bereich der Medizin.
Durch eine Ausnahmegenehmigung wurde die Russin Wera Krilitschewsky nach 87 Jahren seit der letzten Promotion einer Frau die erste Doktorin der Chemie. Eine weitere russische und eine preußische Chemikerin folgten ihr bis 1908.  Auch eine Medizinstudentin aus Russland schaffte es zum Doktor in Gießen. 1908 markiert das Ende der Phase von Hospitationen, weil in jenem Jahr an hessischen Universitäten das reguläre Studium für Frauen erlaubt wurde. Dies geschah maßgeblich auf Druck des Verbandes studierender Frauen Deutschlands. Auch Preußen unterlag dem Zeitgeist und verabschiedete noch im gleichen Jahr umfassende Bildungsreformen: Mädchengymnasien wurden eingerichtet, das Studium mit Genehmigung der Professoren offiziell erlaubt. 

 

Forschungsreisen im Mittelmeerraum & Kleinasien

Diese Entscheidungen kamen für Margarete Bieber freilich zu spät. Bereits als Doktorin reiste sie zu Studienzwecken sieben Jahre lang im Mittelmeerraum. Zunächst war sie zwei Jahre lang in Rom tätig, woraufhin ihr als erste Frau das Reisestipendium des Deutschen Archäologischen Instituts für klassische Archäologie verliehen wurde. Mit dreißig Jahren brach sie zusammen mit vier weiteren Stipendiaten nach Kleinasien auf. Die jungen Männer gaben sich kaum mit ihr ab, sodass sie allein in eine Pension zog. „Schließlich brach der jüngste und begabteste Kollege, Rodenwaldt, das Eis und stattete mir einen Besuch ab“, schrieb Bieber in ihrer unveröffentlichten Autobiographie. Bald wurden gemeinsame Musikabende bei ihr veranstaltet: „Wir bildeten eine nette kleine Familie. Ich war Mutter von fünf Adoptivsöhnen“. Die Museumskataloge, die sie damals in Athen erstellte, werden noch heute verwendet.

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Von Stephanie Zehnle


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Redaktion
16.06.2010 13:00
 

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