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Europa und die Außenwelt

Eine Analyse der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Ebenen sowie eine Einordnung der Thesen des Sozialhistorikers Jürgen Kockas. Von Matthias Knorpp

Europa und die "Anderen"

Das Verständnis für die europäische Identität in ihren unterschiedlichen Formen wird seit der Antike immer auch durch Verbindungen in andere Regionen der Welt bestimmt. Folgerichtig stellt Jürgen Kocka bereits in der Einleitung seines Aufsatzes „Europa und die Anderen“ fest, dass „[...] Europas Verflechtung nach außen für seinen inneren Zusammenhalt, seine innere Gestalt immer mitentscheidend war.“


Dabei spielen die Verflechtungen, wie Kocka sie nennt, vor allem in der Zwischenkriegszeit eine bedeutende Rolle für das Verständnis Europas in den politischen, wirtschaftlichen und intellektuellen Kreisen. Im Verlauf des Essays wird diese Rolle genauer beleuchtet werden, um die Verknüpfungen zwischen den einzelnen Punkten zu zeigen und einen  Gesamtüberblick  über  die  Wechsel-wirkungen zwischen  Europa  und der  Referenzregion  USA herzustellen.  Mein Vorgehen wird sich dabei gliedern in eine Analyse einzelner Aspekte der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Ebene sowie deren Einordnung in einen Gesamtzusammenhang für ihr Wirken auf das europäische Selbstverständnis.

 

POLITIK

Auf der politischen Ebene gibt es drei wesentliche Differenzen zwischen dem europäischen Kontinent und den Vereinigten Staaten von Amerika. Als Erstes muss hier die weitverbreitete Meinung in Europa genannt werden, dass die USA die  einzigen Sieger des Ersten Weltkrieges seien. Zum einen war es  den  USA gelungen,   den Krieg entscheidend zu beeinflussen und dadurch ein neues Selbstbewusstsein  zu  erlangen, welches die amerikanische Regierung durch ihren Isolationismus nach 1918 in Teilen versteckte. Zweitens gingen die USA, im Gegensatz zu fast ganz  Europa, ohne politische Instabilitäten aus dem Krieg hervor. Diese Umwälzungen in  Europa – die Bildung neuer Nationalstaaten, politische Unruhen etc. – mit dem gleichzeitigen Rückzug der USA nach dem Ersten Weltkrieg aus den innereuropäischen Angelegenheiten verstärkte diesen Aspekt noch zusätzlich. Der dritte Punkt ist die Vorbildfunktion,  welche die USA in den Augen vieler Europäer einnahmen. Das Konstrukt der Vereinigten Staaten wurde in Europa aufgegriffen und heftig diskutiert, vor allem dank Richard Coudenhove-Kalergi. Die Auswirkungen und  Für  und  Wider dieses Europaplanes soll hier aber nicht weiter analysiert werden.

 

WIRTSCHAFT

Auf wirtschaftlicher Ebene kam zu der These, Amerika sei der einzige Sieger des Ersten Weltkrieges, ein gewichtiges Argument hinzu – Kriegsanleihen. Die europäischen Staaten waren insgesamt hoch verschuldet aus dem Krieg gegangen, die USA waren der größte Gläubiger und folgt man Edwin L. James, dann legten die Amerikaner des Öfteren den Finger in eben jene Wunde, die Europa so schmerzte. Dieser Umstand hatte zur Folge, dass Europa in wirtschaftlich schwierigen Zeiten lebte und gleichzeitig die USA gestärkt wurden und den Aufschwung konsequent weiter vorantrieben – was wiederum in Europa mit einer großen Sehnsucht nach amerikanischen Verhältnissen verbunden war. Gleichzeitig aber wurde der Fordismus, also die Massenproduktion, in Europa argwöhnisch betrachtet und vor allem von Intellektuellen negativ konnotiert, da der Fordismus als Symptom des Konformismus gesehen wurde, der in Europa gegenüber dem Individualismus einen schweren Stand genoss.

 

KULTUR

Dies führt direkt zur kulturellen und damit wichtigsten Ebene. Im Folgenden beschränkt sich der Essay hier auf einige wenige, ausgewählte Aspekte, deren Gewichtigkeit am größten erscheint. Der amerikanische Konformismus prägte in großem Maße das neue europäische Selbstverständnis in Europa, durch seine konträre Position zum in Europa verankerten Individualismus. Die als gleichförmig und durch fehlendes kritisches und selbstreflexives Denken abgestempelten Amerikaner boten einen willkommenen Gegenpol, der vor allem den europäischen Schriftstellern eine Neupositionierung ihres Europabildes ermöglichte. Eng damit verbunden sind zwei weitere Begriffe, die zwischen dem alten und neuen Kontinent standen – Tradition und Fortschritt. Der amerikanische Glaube an den Fortschritt wurde mit einer Mischung aus Bewunderung und Misstrauen betrachtet und als  Gegenentwurf entstand in Europa die Rückbesinnung auf Tradition als Gegenspieler  dazu, nicht jedoch ohne ebenso kritisch hinterfragt zu werden. Dabei überwog augenscheinlich aber die Angst, dass die amerikanische Fortschrittsmentalität, samt Fordismus, irgendwann Europa überrollen könnte. Auch dies führte wiederum zu einer Stärkung der bis dahin sehr schwachen Idee eines europäischen Selbstbildes bzw. Selbstbewusstseins. 

 

SCHLUSSBETRACHTUNG

Die Gesamtheit der einzelnen Ebenen und Aspekte lassen sich dabei unter der Formulierung „Angst vor Bedeutungslosigkeit“ zusammenfassen. Dabei war die Angst zugleich das Symptom, um sich überhaupt mit außereuropäischen Phänomenen und Entwicklungen auseinanderzusetzen und besaß gleichzeitig die Funktion, das bis ins Mark erschütterte Selbstverständnis des europäischen Bildes zu konsolidieren. Die intensive Auseinandersetzung mit Nordamerika ist daher logisch, wenn man dem von Hartmut Kaelble konstatierten ehemaligen europäischen Selbstverständnis einer globalen Führungsrolle Europas folgt. Die Suche nach Möglichkeiten, um die drohende Bedeutungslosigkeit Europas abzuwenden und neuen Optimismus zu verbreiten, waren dabei die primären Gründe für die Auseinandersetzung mit der Referenzregion Nordamerika.
Dieser Prozess bestätigt also die von Kocka geäußerte These, dass die Verflechtung und die Differenzen von Europa mit anderen Weltregionen eine wichtige Rolle für das Selbstverständnis Europas darstellen  –  und gerade vor den Umwälzungen nach dem Ersten Weltkrieg eine wesentliche Rolle spielten, bei der Suche nach einer europäischen Identität.

 

Sekundärliteratur:
Kaelble, Hartmut: Europäer über Europa: Die Entstehung des modernen europäischen Selbstverständnisses im 19. und 20. Jahrhundert. Frankfurt a.M./New York 2001, S. 163-183. 
Kocka, Jürgen: Europa und die Anderen. Historische Perspektiven, in: Münkel, Daniela/ Schwarzkopf, Jutta (Hg.): Geschichte als Experiment. Studien zu Politik, Kultur und Alltag im 19. und 20. Jahrhundert, Frankfurt a.M. 2004, S. 259-265.

Quellen:
Brentano, Lujo: Amerika – Europa, in: Die Gesellschaft 3 (1926), Nr. 1, S. 193-212, hier S. 193 und S. 201-212. 
James, Edwin L.: Europe Scowls At Rich America; The United States Finds Itself Unpopular – War Debts Are the Peg on Which Europeans Hang Their Resentment Over Fact That Conflict Impoverished Them and Left Us Prosperous. New York Times, 11. Juli 1926, S. SM1.

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Redaktion
01.12.2011 18:15
 

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