Die Vereinigten Staaten von Europa?
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Anhand zweier Quellen, eines Ausschnittes aus einem Buch des ehemaligen französischen Premierministers Édouard Herriots und eines Zeitungsartikels des italienischen Ex-Ministerpräsidenten Francesco Nitti, soll dargestellt werden, welche Motivationen für Politiker in der Zwischenkriegszeit denkbar waren, sich für eine europäische Einigung einzusetzen - von Rebecca Elsemann
Die europäische Idee in der kontinentalen Politik der Zwischenkriegszeit
Édouard Herriot, ehemaliger französischer Premierminister, befürwortete 1924 eine europäische Wirtschaftsintegration. Er bewirkte die Einsetzung eines „Koordinationskomitees für eine europäische Zollunion“. Das oberste Ziel sollte dabei die Verwirklichung eines gemeinsamen europäischen Marktes sein. 1930 verfasste er das Manuskript: „Vereinigte Staaten von Europa“. Dabei nennt er, in Kapitel XII, drei Bereiche, die zur Verwirklichung der europäischen Idee beitragen sollen.
Europa vermag nur in der Einigung zu leben! An erster Stelle führt er die Bildung einer europäischen Zollunion an, mit dem Ziel einen gemeinsamen europäischen Markt zu schaffen. Doch an dieser Stelle weist er auf den Widerstand der französischen Landwirte hin. Diese forderten eine Verstärkung des Zollschutzes und lehnten somit eine gemeinsame europäische Zollunion ab. Sie fühlten sich durch die Einigungsprojekte beunruhigt, da diese innerhalb der zu schaffenden Gruppe den Freihandel voraussetze. Wesentliche Ursache für den Rückgang der landwirtschaftlichen Produktionspreise in Europa sei die heftige Konkurrenz der außereuropäischen Länder. Europa werde diesen Bedarf an landwirtschaftlichen Produkten nicht decken können. Es könne viele Nahrungsmittel nicht selbst produzieren und müsse diese daher aus dem Ausland einführen. Zudem müsse sich Europa durch ein Zollschutzsystem schützen, da es zu höheren Preisen produziert als andere Kontinente. Frankreich „billigt die Organisation des internationalen Austausches in der Landwirtschaft, weil die Verbindlichkeiten in einem erweiterten Markte weniger zu fürchten sind, als auf dem nationalen Markte“. Der Kongress der europäischen Zollunion nehme daher nur noch Zusammenschlüsse von benachbarten Staaten vor, was bedeute, dass sich das Programm auf die Bestrebungen, regionale Zollvereine zu gründen, beschränke.
Ein zweiter Bereich ist der der Entwicklung der Luftschifffahrt. Diesbezüglich solle es eine Ausarbeitung eines allgemeinen Luftrechtes und diplomatische Verträge, darunter allgemeine sowie Sonderverträge, geben. Oberstes Ziel sei dabei die Schaffung eines einzigen internationalen Gesetzes des zivilen Luftrechts.
Als den dritten Bereich führt Herriot die Europäische Föderation an. Ohne eine Europäische Föderation könne es kein Europa geben: „Europa vermag nur in der Einigung zu leben. Die politischen Theorien müssten sich dieser vornehmsten Notwendigkeit beugen“. Ob eine europäische Einigung geschaffen werden könne, lässt Herriot in seinen Ausführungen offen. Er gibt lediglich Grundsätze an, die eine europäische Föderation begünstigen würden.
Der Artikel „Guarantees – For Whom?“, verfasst 1925 vom ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten Francesco Nitti, betont die Notwendigkeit der deutsch-französischen Aussöhnung, um eine europäische Einigung zu initiieren. Durch den Ersten Weltkrieg habe sich die deutsch-französische Feindschaft intensiviert. Könnten sich diese beiden Länder nicht vorläufig aussöhnen, so werde daran auch eine europäische Einigung scheitern. Frankreich misstraue Deutschland im höchsten Maße und fordere daher Garantien, vor erneuten Angriffen geschützt zu werden. Jedoch brauche, so Nitti, nicht nur Frankreich diese (territoriale) Garantien, sondern diese seien für alle Ländern Europas notwendig, um den Frieden langfristig zu sichern.
Die Motive hinter den Europa-Plänen
Abschließend gilt es zu klären, welche Motivationen für Politiker bestanden, sich in der Zwischenkriegszeit für eine europäische Einigung einzusetzen. Ein erster Punkt, der sich besonders bei Herriot zeigt, ist die wirtschaftliche Zusammenarbeit aller europäischen Staaten. Diese erscheint dadurch notwendig, dass sich Europa als Ganzes zwischen den USA und Asien wirtschaftlich behaupten und dieser Bedrohung standhalten müsse. Besonders zu beachten ist hierbei aber auch die wirtschaftliche Krise, von der ganz Europa nach dem Ersten Weltkrieg betroffen war. Des Weiteren, so betont auch Wolfgang Schmale, behinderte die Verschiedenheit der einzelnen europäischen Länder den europäischen Handel, der wiederum Grundlage für ein stabiles Wirtschaftssystem war.
Sekundärliteratur: Schmale, Wolfgang: Geschichte Europas. Wien/Köln/Weimar 2001, S. 107-114. Quellen: Nitti, Francesco: „Guarantees – For Whom?“ in: The Manchester Guardian, 12. Mai 1925, S.12.
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