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Die Herren der Bilder - wie die Bildregie der UEFA das Image der EM 2008 kontrollierte

Kameraleute bei der Arbeit
Bei der Fußball-EM 2008 durften Kameramänner und -frauen nur das zeigen, was der UEFA genehm war. (Foto: Stefan Kühn)
Es ist Sonntag, der 8. Juni 2008 und es läuft das Vorrundenspiel Österreich gegen Kroatien bei der Fußball-Europameisterschaft. Auf den Tribünen werden bengalische Feuer entzündet und ein Fan stürmt auf den Platz. Wie?! Sie haben davon gar nichts mitbekommen? Konnten Sie ja auch gar nicht, außer Sie waren live im Stadion. Denn die UEFA hatte die volle Kontrolle über das, was der Rest der Welt sehen durfte und was nicht.

 

Kein Interesse an unschönen Bildern

Im Jahr 2008 ging zum ersten Mal in der Geschichte des Fußballs die Gesamtverantwortung für die Fernsehübertragung einer Fußball-Europameisterschaft an den europäischen Fußballverband UEFA und nicht an die öffentlich-rechtlichen Sender der Gastgeberländer. Die schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG) und der Österreichische Rundfunk (ORF) hatten das Nachsehen. Als sogenannter "Host Broadcaster" leitete der Verband die komplette Fernsehproduktion und konnte so bestimmen, was den Fußballfans in Europa und anderen Ländern der Welt zugemutet werden konnte.

 

Als großer Regisseur dieses Events hatte die UEFA schließlich das Ziel, den Geld liefernden Sponsoren ein möglichst sauberes Turnier zu liefern und die Werbepartner im richtigen Licht erscheinen zu lassen. Pöbelnde Hooligans passten dabei jedoch nicht ins Bild und hätten die weiße Weste ein wenig beschmutzt. Lieb und nett sollte es in den Stadien in Österreich und der Schweiz zugehen. Tribünen, auf denen Rauchbomben gezündet oder Fahnen verbrannt wurden, ließ man von den Kameras eben nicht einfangen. So einfach war das. Die Zensur des Kontinentalverbands erwischte aber nicht nur die Fans. Auch wütende Trainer, die am Spielfeldrand vor sich hinschimpften, wurden vorsichtshalber schnell wieder ausgeblendet. Das wahre Gesicht des Fußballs dürfe schließlich nicht offenbart werden. Negative Emotionen gehören zwar zum Fußball dazu, doch wenn es nach der UEFA geht, muss man sie ja nicht unbedingt zeigen.

 

Unabhängiger Journalismus kaum möglich

Die SRG und das Schweizer Fernsehen hatten sich vor der EM intensiv um die Produktionsrechte bemüht, bekamen vom Verband jedoch einen Korb. Die UEFA-Tochtergesellschaft Media Technologies SA bekam den Auftrag und sorgte für eine zentrale Verbreitung des Bildmaterials von den Spielen. Die Fernsehsender in aller Welt mussten die Bilder der UEFA übernehmen und durften keine eigenen Kamerateams senden. Als "Host Broadcaster" stellte sie die komplette Übertragungstechnik, bestimmte Bildregie und Kameramänner und sorgte auch für weitere organisatorische Einteilungen. So wurden zum Beispiel die Kommentatorenplätze und die genauen Interviewplätze am Spielfeldrand für jeden Fernsehsender genau festgelegt. Als offiziellen Grund nannte der europäische Fußballverband hierfür eine bessere Ordnung und eine bessere Kontrolle über die Qualität des hauseigenen Produkts EURO 2008. Doch durch dieses Verfahren wurde eigenständiger und unabhängiger Journalismus mit voller Absicht blockiert. Kritische Stimmen und Beobachtungen durch finanziell unbeteiligte Medien wurden durch extrem komplizierte Verträge oft direkt zu Nichte gemacht. Ihnen verwehrte man fast immer den Zugang zu jeglichem Bild- und Tonmaterial.

 

Eine unabhängige Berichterstattung war also fast gar nicht mehr möglich. Einzig über den audiomedialen Weg konnte man freien Journalismus verbreiten, denn die UEFA hatte zwar die Macht über das Bild, jedoch nicht über den Ton. Die Tonregie blieb den Sendern weiterhin selbst überlassen und so natürlich auch der Spielkommentar. So konnten zumindest die Kommentatoren Nicht-Gezeigtes vom Spiel beschreiben und auch die unerwünschten „hässlichen“ Seiten des Fußballs in die Wohnzimmer und auf die Public-Viewing-Plätze transportieren. Aber irgendwann wird wohl auch diese letzte nationale Eigenständigkeit der europäischen Fußballberichterstattung im Fernsehen wegfallen. Dann wird die UEFA auch hier ihre eigenen Kommentatoren und Moderatoren den Sendern zur Verfügung stellen und der EM-Einheitsbrei wird noch langweiliger und angepasster.

 

Nur schöne Bilder oder doch lieber gar kein Bild?

Es bleibt also dieses negative Bild von der Bildverbreitung. Wie bei der Bildstörung beim Halbfinalspiel Deutschland gegen die Türkei zu beobachten war, ist die inhaltliche Ebene aber nicht das einzige Problem einer zentralen Bildverteilung. Auch die zentrale technische Übermittlung über das International Broadcast Centre der UEFA in Wien erwies sich als Reinfall. Schon bei der WM 2006 hatte es von der FIFA ein solches Zentrum gegeben, nur waren keine Stromausfälle passiert. Beim Halbfinalspiel blieben nach dem Ausfall eines Stromgenerators weltweit die Fernsehgeräte ohne Bild. In Deutschland berichtete immerhin ZDF-Reporter Bela Rethy im Stile eines Radiokommentators eisern weiter. Eine ziemlich peinliche Geschichte für die UEFA, sorgte dieser Bildausfall doch ausgerechnet bei den geliebten Sponsoren für Unmut.

 

Alles in allem ist jeglicher Vorbehalt von Bildern gegenüber den Zuschauern nicht positiv zu bewerten, sei es nun aufgrund technischer Mängel oder Zensur. Was die Zensur angeht, lassen wirtschaftliche Abhängigkeiten zwischen dem Sport, den Medien und den Sponsoren zunehmend kaum noch etwas anderes zu und zerstören somit eine objektive und unabhängige Medienberichterstattung. Ein technischer Wegfall von Bildern hingegen wäre in Zukunft zumindest vermeidbar. Es bleibt also nur die Möglichkeit einer Kritik an diesem Verfahren des Einheitsbildes, damit sich vielleicht doch etwas in den TV-Infrastrukturen ändert. Doch Lobbyismus und wirtschaftliche Interessen bei der UEFA machen ein Umdenken eher undenkbar und so wird es wohl auch 2012 in der Ukraine und Polen wieder eine ganz kuschelige und friedliche Europameisterschaft geben. Zumindest für den Fernsehzuschauer.

 

Von Johannes Raddatz
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Redaktion
17.11.2010 12:53
 

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