Eine Geschichte der Entfernung - "Bye Bye" zum Wertefundament Europas
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Den Kniefall Willy Brandts vor dem Ehrendenkmal der Helden des Warschauer Ghettos hat es nie gegeben, für einer Rede Lenins in Moskau vor Einheiten der Roten Armee gibt es keine Beweise, und dass Helmut Kohl und François Mitterrand in Verdun Hand in Hand gefallenen Soldaten gedenken, ist nur ein Gerücht. "Bye Bye" sagte Michael Schirner in seiner gleichnamigen Ausstellung den Foto-Ikonen, die tief im kollektiven Bildgedächtnis verankert sind. Er sagt "Ade" zu den Protagonisten, "lebe wohl" zum zentralen Bildmotiv und "Tschüss" zu Form und Inhalt der Geschichte. Seine Ausstellung, die bis Ende Mai im Haus der Photografie in Hamburg zu sehen war, stellte ikonisch gewordene Motive infrage. Die grob gerasterten Reproduktionen von Bildern irritieren und scheinen dennoch vertraut – aber irgendetwas fehlt. Denn Schirner hat sich in Manier eines Frevlers an den bekanntesten Fotografien der europäischen Geschichte vergriffen und die darauf verewigte Polit-Prominenz kurzerhand wegretuschiert. Auf diese Weise beraubt der Künstler die Fotografien ihres historischen Kontextes und kreiert aus dem journalistischen Bild etwas kategorisch Anderes: ein Werk der bildenden Kunst.
Die Manipulation von Fotos gibt es beinahe so lange wie die Fotografie selbst. Im Zeitalter der Bildbearbeitung ist sie alltäglich geworden. Schirners Ausstellung stellte mit ihrer Hilfe ikonisch gewordene Motive radikal infrage, verfremdete sie und "entfernte 100 Prozent von allem, was das ursprüngliche Photo bekannt gemacht hat." Dadurch schaffte er eine zeitliche und räumliche Distanz seines Kunstwerkes zum ursprünglichen journalistischen Foto, das, wie im Beispiel des Kniefalls Willy Brandts, seit seinem Entstehen im kollektiven europäischen wie globalen Bildgedächtnis gespeichert ist.
Kollektives europäisches BildgedächtnisDie fotografische Manipulation Schirners ist jedoch nicht nur von künstlerischer, sondern auch von historisch-didaktischer Bedeutung. Die Frage, welchen Einfluss die Bilder auf ein kollektives Bildgedächtnis haben, wird aus Schirners Perspektive besonders interessant. Was wäre, wenn der kniende Willy Brandt am 7. Dezember 1970 nicht vor dem Heldendenkmal des Warschauer Ghettos von Journalisten fotografiert worden wäre? Was wäre, wenn Grigori Petrowitsch Goldstein am 5. Mai 1920 bei einer Rede Lenins nicht auf den Auslöser gedrückt hätte? Es gäbe keine Bildmotive dieser Ereignisse, deren Bedeutung für die europäische Politgeschichte des 20. Jahrhunderts auf transnationaler Ebene prägend geworden ist.
IdentitätsstiftungSusanne Popp sieht in ihrer Studie zwar keine herausragende Ikone für den Prozess der europäischen Integration, aber sie erkennt im neu etablierten Bildinventar jenes Wertesystem wieder, das mit Leitbegriffen wie Bürger- und Menschenrechte, Demokratie, Frieden und Toleranz die „Wertegemeinschaft Europa“ bilden soll. Ein solcher Bilderkanon präsentiere eine "ikonisch formulierte historische Legitimation des angestrebten Wertefundaments Europas". Das Bild "Die Freiheit führt das Volk" von dem französischen Maler Eugène Delacroix trat dabei in den meisten Geschichtsbüchern auf und bildet auch für Popp ein "Schlüsselbild" zur Identitätsstiftung der "Wertegemeinschaft Europa": Revolutionen, die im Zeichen liberaler und demokratischer Werte stehen, gefolgt von Lenin-Ikonen, mit dem Hinweis auf sozialistische Revolutionen und die "Diktatur des Proletariats". Ein Auslöschen der Bilder würde somit folgerichtig einen regionalen, nationalen und transnationalen Identitätsverlust nach sich ziehen.
Damnatio memoriaeBilder prägen historische Vorstellungswelten. Allein schon durch ihre Allgegenwärtigkeit – im öffentlichen Raum, in den Printmedien, in Film und Fernsehen – erzielen sie Wirkung und verändern unsere Wahrnehmung. Durch die Bedeutung von Bildern und die Funktion visueller Kommunikation in Europa lässt sich durch die Analyse von Bildikonen ein europäisches Bildgedächtnis nachzeichnen. Das produktive Ausradieren der Bilder, ähnlich wie es Schirner in seiner Arbeit vollzogen hat, käme einer Damnatio memoriae gleich. Für die Anbahnung einer europäischen historischen Identität stellt sich ein gemeinsames Bildinventar daher als unverzichtbar dar. Europa ist ein abstraktes Konstrukt. Erst durch Bilder und Symbole wird es zu etwas Greifbaren, zu einer Erfahrung. Von Christian Ströhl |