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You are here: Home Geschichte Europäische Einigung Ist der europäische Film ein „Crying Game“?
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Ist der europäische Film ein „Crying Game“?

Nicht unbedingt – schließlich handelt es sich bei „The Crying Game“ um eine der erfolgreichsten europäischen Filmproduktionen. Den Film hat das europäische Gemeinschaftsprojekt MEDIA gefördert. Doch kann die MEDIA ihre Aufgabe, den absatzschwachen europäischen Film konkurrenzfähig zu machen, wirklich erfüllen? Oder bleibt es bei einem Einzelfall?



Vor rund zwanzig Jahren initiierte die Kommission der Europäischen Gemeinschaft ein Programm zur Unterstützung der audiovisuellen Industrie in Europa. Ausgangspunkt war der Marktanteil der nationalen Filme. Dieser lag bei zehn Prozent, wohingegen die US-amerikanischen Filme einen Marktanteil zwischen sechzig und achtzig Prozent hatten. Die meisten europäischen Filme schafften also nicht den Sprung aus ihrem Herstellungsland auf die Leinwand einer anderen europäischen Nation. Schuld daran, dass der Film aus Europa keine internationalen Erfolge feiert, war ein schwach entwickeltes Vertriebssystem und Sprachbarrieren. In beiden Kritikpunkten sollten Maßnahmen ergriffen werden, damit die europäische Filmbranche Rückenwind bekam und im internationalen Vergleich mithalten konnte. Doch wie konnte man am besten die unterschiedlichen Bereiche fördern?

 

Die Europäische Union entschied sich, mehrere Projekte mit unterschiedlichen Schwerpunkten ins Leben zu rufen. Die Konzentration lag dabei besonders auf einer verbesserten Finanzierung und der Vereinfachung des Vertriebs sowie der Förderung der Filmsynchronisation. Weitere Punkte waren unter anderem die Filmfinanzierung und das Drehbuchschreiben. Die jeweiligen Projekte bestanden aus einem Vorstand, einer Mitgliederversammlung und einem Beirat. Bei diesen drei Institutionen lag im Rahmen des ersten MEDIA-Programms die Entscheidung, wer gefördert wird.

 

Alle Projekte sind als Verein ohne Gewinnstreben gegründet und werden mit Geldern der EU gefördert. Zusammengefasst sind alle Projekte unter dem Begriff MEDIA (kurz für: Maßnahmen zur Förderung der Entwicklung der audiovisuellen Wirtschaftsbranche). Der Etat und die Projekte werden seit 1991 jeweils für fünf bis sieben Jahre im Voraus festgelegt. Im MEDIA I Programm waren es 250 Millionen Euro. Beim aktuellen Programm MEDIA 2007, das bis 2013 laufen wird, einigten sich die Kommission, der Ministerrat und das Europäische Parlament auf 1055 Millionen Euro. Das Geld wird aus dem EU-Haushalt bereitgestellt.

 

Angesiedelt sind die Projekte in unterschiedlichen Mitgliedstaaten der EU. So unterstützt das Projekt "EUROPEAN CINÉMAS" den Aufbau eines Netzes von modernen Erstaufführungskinos in den europäischen Metropolen. Diese sollen vorrangig Filme zeigen, die die MEDIA fördert. Der Sitz des Projektes ist in Paris. Ein ähnliches Projekt "MEDIA-SALLES" befindet sich in Mailand. Dagegen kümmert sich das Projekt "Espace Video Européen" (EVE), mit Sitz in Dublin, um den besseren Videovertrieb von europäischen Filmen. Im Projekt "European Organization for an Audiovisual Independent Market" (EURO-AIM) haben sich unabhängige Produzenten zusammengeschlossen, die sich eine bessere Präsentation auf den großen Filmmärkten versprechen. Die EURO-AIM konzentriert sich auf den Vertrieb von Filmen, die sich wegen ihrer mangelnden Kommerzialität schlecht vermarkten lassen.

 

In Brüssel findet man das Projekt "CARTOON", das sich auf die Förderung von Zeichentrickfilmen spezialisiert, in Kopenhagen das Projekt "DOCUMENTARY", das die Verbreitung von Dokumentarfilmen unterstützt. In Amsterdam werden im Projekt "Stimulation Outstanding Resources for Creative European Scriptwriting" (SOURCES) Drehbuchautoren durch Workshops unterstützt. Die beiden Projekte "BABEL" und "SCALE" beschäftigen sich mit der Förderung von Ländern mit geringer audiovisueller Kapazität. So fördert "BABEL", mit Standort in Basel, die Untertitelung und Synchronisation von Projekten, die im Fernsehen ausgestrahlt werden sollen und "SCALE" stellt Hilfe für Produktionen und Produzenten zur Verfügung, die in Ländern mit geringer audiovisueller Produktion produzieren wollen. Man sieht hier ganz deutlich, wie vielfältig sich die Struktur der MEDIA gestaltet.

 

Die unterschiedlichen Standorte führten zu einer erheblichen Überschneidung in den Aufgabenbereichen. Um diesem entgegenzuwirken, zentralisierte man die nächsten MEDIA-Programme und fasste sie zu drei Projekten zusammen: Projektentwicklung, Verleih und Fortbildung. Die einzelnen Projekte hatten sich diesen unterzuordnen. Die Entscheidung, wer gefördert wird, hängt jetzt von einer übergeordneten Kommission ab – nicht wie im ersten MEDIA-Programm von den einzelnen Projekten. Dieses Verfahren ist bis heute Standard. Frankreich nimmt seit der zweiten Phase eine stärkere Rolle ein und verhandelte als größter Geldgeber ein stärkeres Mitspracherecht. So wurde beispielsweise das erfolgreichste Projekt der MEDIA, das European Film Distribution Office, das für die Kinoverleihförderung zuständig war, von seinem Gründungsstandort Hamburg nach Frankreich verlegt. Dabei nutzt Frankreich sein starkes Mitspracherecht deutlich aus, um beispielweise politische Themen mit auf die Tagesordnung zu setzen.

 

Doch wer wird warum gefördert? Als Beispiel dient hier das Projekt "European Film Distribution Office", kurz EFDO, das sich mit der wichtigen Aufgabe der Kinofilmverleihförderung beschäftigt. Das Hauptziel der Initiative ist die Unterstützung des Vertriebs europäischer Filme in Länder der Europäischen Gemeinschaft. Dabei fördert das Filmbüro generell europäische Low-Budget-Filme. Die Förderbedingungen sind einfach: Gefördert werden europäische Spiel-, Dokumentar- und Animationsfilme mit einer Mindestspieldauer von sechzig Minuten. Filme mit erkennbarem gewalttätigen, pornografischen oder werblichen Charakter werden dabei ausgeschlossen. Der förderungswillige Verleiher muss in einem EU-Land oder einem Land angesiedelt sein, mit dem ein Kooperationsabkommen besteht, wie zum Beispiel mit der Schweiz. Der Regisseur des Films muss Staatsangehöriger eines europäischen Kulturkreises sein oder dort ansässig und hauptsächlich tätig sein.

 

Die Auswahl der Bewerber, die eine Förderung erhalten, erfolgt in mehreren Schritten. Prinzipiell müssen sich mindestens drei Verleiher aus drei verschiedenen Ländern finden, um eine Förderung erhalten zu können. Die Chancen einer Förderung erhöhen sich, je mehr Verleiher einen Film herausbringen wollen. Die Anträge, die unter anderem Angaben zum Verleiher, Daten zum Film und eine genaue Aufstellung der Verleihvorkosten enthalten müssen, werden dem Auswahlkomitee unterbreitet. Damit dies eine objektive Entscheidung treffen kann, gibt es ein Punktesystem mit bestimmter Prioritätensetzung. Die erste Priorität erhalten dabei Filme mit der größten Anzahl von Verleihern, die zweite bekommen Filme aus kleineren Ländern, die gegenüber größeren vor allem durch Sprache und Vertrieb im Nachteil sind. Als große Länder gelten Frankreich, Deutschland und Spanien. Als kleine Länder gelten die Niederlande und Belgien. Die dritte Priorität haben wiederum Filme aus großen Ländern, die in kleine vertrieben werden sollen. Sollte es bei den ersten drei Prioritäten zu keiner klaren Abgrenzung kommen, wird als vierte Priorität Filmen aus Ländern, die bisher keine oder nur selten Förderung erhalten haben, der Vorzug gegeben. Nach diesem Prioritätenkatalog werden Punkte vergeben und am Ende summiert. Der Kandidat mit den meisten Punkten erhält dann den Zuschlag. Es gibt einen Zusatzpunkt, wenn der Film aus einem Land kommt mit geringer Produktionskapazität, weil gerade diese besonders gefördert werden sollen.

 

Am Beispiel des Films „Reefer and the model“ des irischen Regisseurs Joe Comerford lässt sich das Punktesystem gut nachvollziehen. Insgesamt bewerben sich fünf Verleiher um die Förderung des Films. Drei Verleiher stammen aus großen Ländern und bekommen laut zweiter Priorität jeweils zwei Punkte, weil der Vertrieb von kleinen Filmen in die großen Staaten gefördert werden soll. Zwei Verleiher stammen aus kleinen Ländern und bekommen jeweils einen Punkt. Der Film erhält also schon acht Punkte für die Verleiher. Da der Film aus Irland, also einem Land mit geringer Produktionskapazität, kommt, bekommt er einen Bonuspunkt. Damit kann er die höchste Punktzahl unter allen beantragten Förderungen auf sich ziehen und wird gefördert.

 

Zwar kann mit den MEDIA-Programmen ein hoher Grad an Kontaktpflege zwischen den einzelnen Ländern der EU erreicht werden, aber der europäische Film ist nicht unbedingt wettbewerbsfähiger geworden. Der Marktanteil der europäischen Produktionen erhöhte sich bis 2008 auf gerademal 13 Prozent. Das Programm hat somit eines seiner Hauptziele nicht erreicht: die Schaffung einer wettbewerbsfähigen Filmindustrie. Dies liegt zum Teil auch an der wechselvollen Entwicklung des Programms. Die dezentralen Projekte wurden zentralisiert und letztendlich zum Spielball zwischen kultur- und wirtschaftspolitischen Machtinteressen, wie etwa im Fall Frankreichs. Aus diesem Grund muss man sich fragen, inwieweit der kulturelle Aspekt überhaupt noch eine Rolle spielt.

 

Dennoch kann der Film aufgrund seiner unterschiedlichen Funktionen und Wirkungsweisen zu einer gemeinsamen europäischen Identität beitragen. Der Film erreicht viele Menschen in Europa, ob im Kino, über DVD oder über das Fernsehen. Bei jedem Menschen werden Emotionen ausgelöst, die wiederum dazu beitragen, dass der Zuschauer sowohl eine persönliche wie auch nationale Identität entwickelt. So hat der Film das Potenzial, den Menschen in Europa ihren Platz zu zeigen und ein gemeinsames europäisches Bewusstsein aufzubauen.

 

Von Aenne Templin

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Redaktion
15.11.2010 23:22
 

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