Das große „WUMS“ – ein grüner Wahlwerbungs-SuperGAU?
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1979 traten die Grünen erstmals zur Europawahl an. Damals bildeten sie noch einen bloßen Zusammenschluss von Bürgerinitiativen und kommunalen Wählervereinigungen. Bei dieser ersten Direktwahl zum Europäischen Parlament erhielten sie noch keine Sitze. Mittlerweile ist Bündnis 90/Die Grünen eine etablierte Partei. Bei der Europawahl 2009 schnitten die Grünen als drittstärkste Partei ab (12 Prozent). Auch grüne Parteien in anderen europäischen Ländern erzielten ansehnliche Ergebnisse, etwa in England (16 Prozent) oder in Frankreich (14 Prozent). Der Wählerfang hierzulande gelang mit einer zwar ungewöhnlichen, aber wohl für die Grünen typischen Werbekampagne.
„WUMS!“ prangt in großen Lettern auf neun der elf Plakate der Grünen zur Europawahl 2009. Die Auflösung dieser mysteriösen Comicsprache findet sich dann im Kleingedruckten: „Wirtschaft & Umwelt, menschlich & sozial“ – beim bloßen Vorbeifahren oder -gehen nicht zu lesen. Selbst ausgeschrieben verrät das Wahlmotto der Grünen nicht viel über die Inhalte und Ziele der Partei. Die Botschaften müssen sich potenzielle WählerInnen stattdessen aus den abgebildeten Symbolen ableiten. Die aussagekräftigen Slogans wie „Haltet den Datendieb“ (gegen die Vorratsspeicherung Schäubles) oder „Mindestlohn ist ja wohl das Mindeste“ gehen aber neben dem dicken „WUMS!“ unter. Wollten die Grünen hier zum Nachdenken anregen? Oder einfach mal wieder auffallen? Jedenfalls wäre die Partei besser beraten gewesen, die Wahlplakate so zu gestalten, dass der Wähler die inhaltlichen Aussagen schneller (und öfter) versteht. So hätte etwa der jeweilige Slogan anstelle des "WUMS!" - groß und fett gedruckt - in den Vordergrund des Plakats gerückt werden sollen.
Die ganze Welt – ein DominospielWollen die Grünen die Schnelllebigkeit der Gesellschaft anprangern, wenn sie in ihrem Wahlwerbespot in eineinhalb Minuten im 3-Sekunden-Takt Symbole aneinanderreihen? Oder sollen die darin versteckten Botschaften eben nur unterbewusst aufgenommen werden? Als hätte man sich nicht auf eine Botschaft einigen können, so wirkt der Wahlwerbespot: Kritisiert werden - von Russland bis zu den Vereinigten Staaten von Amerika - Regierungschefs, Lehmann Brothers und Atomenergie, Arbeitslosigkeit und vieles mehr. Die globalisierte Welt als ein Dominospiel im Cartoonstil - alles fällt um, nur "WUMS!", die Windräder und die grünen KandidatInnen stehen auf. Wen also erreicht eine Partei mit ihrem Wahlkampf, die sich selbst als besonders bürgernah und -offen sieht?
Die grüne Wahlwerbung zur Europawahl 2009 war in Teilen kreativ. Welche Inhalte jedoch bei den Bürgern ankamen, ist unklar. Im Wahlprogramm hätte man tatsächlich etwas über Ziele und Verbesserungsvorschläge sowie Kritik an der bundesdeutschen Regierung und an Vertretern der europäischen Politik lesen können. Wer liest aber 170 unstrukturierte Seiten? Spätestens die dritte Wiederholung von Belanglosigkeiten schreckt vermutlich auch den hart gesottensten Parteigänger ab. Insofern wäre es sicherlich hilfreich gewesen, wären neben dem mysteriösen „WUMS!“ auch andere Kernbotschaften etwa im Fernsehspot konkret verbalisiert worden.
Shopping, Facebook-Community und KunstkinoAuch auf der „Europahomepage“ wuchert wie ein atomarer Pilz das große „WUMS!“. Eine Antiatompartei, die auch den letzten Inhalt zur Seite fegt. Oder beweist geistige Flachheit inzwischen Bürgernähe? Großen Sinn für die Gefahren des gläsernen Bürgers bezeugt der Link zur Grünen-Gruppe bei Facebook. Und der Shop für WUMS-Produkte beweist, dass die Grünen inzwischen knietief in Kapitalismus angekommen sind. Interessierte Menschen konnten sich außerdem zahlreiche „Kurzfilme“ der Grünen zur Europawahl online ansehen, so etwa Interviews von grünen KandidatInnen für das Europäische Parlament, die tatsächlich auf Inhalte, persönliche Motive für ihre Kandidatur, Ziele und Änderungsvorschläge eingingen. Welcher Durchschnittswähler aber sieht sich eine zehnminütige Bewerbungsrede für die Kandidatur zum Europäischen Parlament an? Eine Anleitung zum Herstellen und Verwenden von Moos-Graffiti, mit dem man – wer hätte das gedacht – „WUMS!“ an Wände schmieren kann, findet sich (immer noch) bei youtube.com. Fast wünscht man sich Jockel Fischers Putztruppe aus Spontizeiten zurück, um mit solchen Schmierereien aufzuräumen.
Europa im Kern?Falls die Wähler dennoch dem visuellen Terror entkommen sein sollten und so viel Geisteskraft für die Frage aufzubringen vermögen "Und was hat all die Werbung mit Europa zu tun?": Nun, die Plakate wiesen den eindeutigen Bezug auf: „Mit WUMS! für ein besseres Europa“. Womit auch sonst. Das Plakat für Mindestlohn hatte als Motiv eine Europakarte aus einem fünfzig Euroschein, jenes für Frieden einen Button, der an die Europaflagge angelehnt ist. Auf einem weiteren Plakat sollen wohl Merkel, Sarkozy und Berlusconi für Europa stehen, („Gegen neue Atom-Mutationen“; abgebildet sind die drei Staatschefs, wie sie an einer Atomtonne kleben). Das Plakat mit dem Slogan „Klimaschutz kennt keine Grenzen“ weist in seiner Zweideutigkeit ebenfalls einen Europa- oder aber doch eher einen internationalen Bezug auf. Die restlichen sieben Wahlwerbeplakate hätten ebenso gut für eine nationale, regionale oder kommunale Wahl eingesetzt werden können – hätte man auf das „Mit … für ein besseres Europa“ verzichtet. Mit dem Fernsehspot verhält es sich ähnlich. Zwar sind hier zwischen all den Symbolen und versteckten Botschaften europapolitische Inhalte verarbeitet. Der Spot hätte aber leicht modifiziert auch für die kurz nach der Europawahl abgehaltene Bundestagswahl eingesetzt werden können.
Das von den Grünen bisher stets propagierte „Europa der Regionen“ wurde in ihrem Wahlkampf 2009 weder in der multimedialen Werbung noch im Programm der Partei erwähnt. Die Europa-Wahlwerbung der Grünen war weder besonders europäisch, noch besonders wählerfreundlich. Dennoch haben Bündnis 90/Die Grünen bei dieser Wahl mit 12,1 Prozent der Stimmen ihr Ergebnis im Vergleich zur letzten Europawahl 2004 um 0,2 Prozent verbessert und stellen nun 14 der 46 Vertreter der Fraktion der grünen Parteien im Europäischen Parlament. Trotz offensichtlicher Mängel hat ihre Wahlkampagne Umfragen zufolge vor allem auch junge Wähler und Wählerinnen angesprochen. Trotz seiner extremen Bildlastigkeit hat der bewegte Cartoon den Grünen wohl einige Stimmen eingebracht, zumal die Forschung die Wirkung der Wahlwerbespots der Parteien im Fernsehen hoch einschätzt. Dennoch bleibt offen, ob die 3.192.821 Grünen-Wähler in der Bundesrepublik den Fernsehspot tatsächlich witzig gefunden, das Wahlprogramm gelesen - oder einfach aus Gewohnheit gewählt haben.
Von Ulrike Danner |