Das europäische Geschichtsbuch: visionär oder überflüssig?
|
Vor knapp zwanzig Jahren ergriff der Franzose Frédéric Delouche die Initiative für ein Projekt, welches die europäische Geschichte aus verschiedenen Perspektiven in einem neuen gemeinsamen Schulbuch für Geschichte vereinen sollte.
Delouche war Bankier und kein Historiker. Die Entstehung seiner Vision ist vielleicht dem Umstand geschuldet, dass er in diversen europäischen Staaten aufwuchs und seine Eltern unterschiedlichen Kulturen entstammten. So begab er sich auf die Suche und fand in Europa zwölf Mitstreiter unterschiedlicher Nationalität für sein gewagtes Projekt, die beruflich alle in geschichtlichen und kulturellen Bereichen tätig waren. Ihr Ziel war es, mittels dieses Schulbuches diverse europäische Gemeinsamkeiten hervorzuheben, trotz der verschiedenen vorherrschenden Geschichtsbilder in den nationalen Lehrbüchern. Den Schülern sollte auf diese Weise eine Identifikation als Europäer ermöglicht werden, abseits nationaler Vorurteile gegenüber den kontinentalen Nachbarn.
Allerdings, so stellte diese Gruppe um Delouche fest, galt es, eben diese Unterschiede der diversen europäischen Geschichtsbilder zu überwinden, die sich beispielsweise in der Bewertung von Kriegen und Konflikten zeigten. Zudem war es wichtig, unterschiedliche politische Ausrichtungen und Ansichten verständnisvoll und vorurteilsfrei zu betrachten. Denn gerade diese Differenzen erschwerten es, an Vergangenes zu erinnern, ohne sich in Streit und Diskussionen zu entzweien. Gerade das letzte Jahrhundert wurde von den europäischen Nationen sehr unterschiedlich wahrgenommen.
Delouche und seine Mitstreiter stellten aus diesen Gründen die Geschichte Europas in 16 Kapiteln dar, ohne direkt und ausführlich von Siegern und Verlieren zu sprechen, wie es sonst in Geschichtsbüchern üblich ist. Vielmehr thematisiert ihr Werk zum Beispiel den Taumel der Kriegsbegeisterung, der die beteiligten Völker blendete und so in den Ersten Weltkrieg trieb - kritisiert wird das Verhalten aller Beteiligten. Der Holocaust findet nur in einem kurzen Abschnitt des Geschichtsbuches Erwähnung. Das ist verwunderlich, denn die Judenvernichtung im 20. Jahrhundert ist ein wichtiges Ereignis der europäischen Geschichte und eines der am häufigsten behandelten Themen des deutschen Geschichtsunterrichts.
Hauptanliegen Delouches und seiner Mitstreiter war es, der europäischen Jugend nahezubringen, dass Europa mehr ist als ein wirtschaftlicher Bund und die Völker Europas seit der Frühgeschichte sowie der Antike einen stetigen Bezug zueinander hatten, sei es in der Baukunst, dem Handel oder auch in kulturellen Aspekten. So behandelt das europäische Schulbuch für Geschichte gemeinsame Handelsnetze wie die Hanse und betont den gemeinsamen Glauben sowie die gemeinsame Vergangenheit im Imperium Romanum und im Mittelalter bis hin zur Welle der europäischen Revolutionen als Elemente der europäischen Identität.
Doch bleibt die Frage, ob es eigentlich möglich ist, eine homogene europäische Identität über ein Schulbuch zu vermitteln. Meist sind die aktuell verwendeten Geschichtsbücher sehr auf die eigene, nationale Geschichte fixiert und man bekommt nur einen knappen Einblick, wie sich die eigene Nation in das europäische Gefüge einbettet. Und genau diesen beschränkten Rahmen versuchte das Delouches visionäres und gewagtes Projekt zu sprengen und Europa als gemeinsames historisches Erbe im Gesamten dazustellen und zu vermitteln.
Bis heute hat sich das europäische Schulbuch für Geschichte anscheinend nicht wirklich in den Mitgliedsstaaten etabliert, obwohl es seit seiner ersten Auflage im Jahr 1992 zeitgleich in mehreren EU-Staaten verlegt worden war. Ein Anzeichen dafür ist, dass beispielsweise Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) und weitere Politiker im Rahmen der deutschen EU-Ratspräsidentschaft dazu aufriefen, ein europäisches Schulbuch für Geschichte zu erarbeiten, ungeachtet des längst verlegten Werks unter Delouches Führung, welcher für dessen Initiative sogar mit der Theodor-Heuss-Medaille ausgezeichnet worden war.
Der Deutsche Lehrerverband erachtet eine Neuausarbeitung für nicht notwendig, sondern fordert einfach die nötige Anerkennung dieses Werk höchster Qualität. Zwar hat sich das europäische Schulbuch für Geschichte, das vor knapp zwei Jahrzehnten erstmals erschien, noch nicht europaweit als Standardschulwerk etabliert. Jedoch ist es mit Sicherheit als erfolgreicher Meilenstein fort von der nationalen und hin zu einer europäischen Identität zu werten. Jedoch scheint auch heute das Interesse an einem gemeinsamen Schulbuch nur bedingt gegeben zu sein, da auch ähnliche Projekte, wie ein deutsch-französisches Schulbuch für Geschichte, keine wirkliche Anerkennung und Anwendung erfuhren.
Von Adrian Augustini |