Auf der Suche nach Europa in tschechischen Schulbüchern
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Schulbücher sind heute ein großes Forschungsfeld. Besonders engagiert ist hierbei das Georg-Eckert-Institut in Braunschweig. In den dortigen Beständen findet man unüberschaubare Mengen an Literatur aus aller Welt und zu den verschiedensten Themen. In Zeiten der europäischen Integration ist ein solcher Bestand von besonderem Wert, da wir so untersuchen können, wie Europa in den Schulen anderer Länder vermittelt wird. Es ist dabei vielleicht ratsam, zuerst bei unseren Nachbarn nachzuschauen. Daher soll hier dem Bild von Europa in tschechischen Schulbüchern einmal nachgegangen werden.
Das Jahr 1989 in Mitteleuropa. Nach dem friedlichen Sturz des kommunistischen Regimes in der Tschechoslowakei auf politischer Ebene, stellte sich plötzlich die Frage, wie man den Kommunismus nun auch aus den Schulbüchern entfernen könne. Die waren nämlich voll davon. Doch woher auf die Schnelle neue Bücher nehmen? Aus der ersten Tschechoslowakischen Republik! Denn dort hatte sich das Standardwerk vom Historiker Josef Pekař bewährt: „Die tschechoslowakische Geschichte“ von 1922. Nach heutigen Maßstäben sicher antiquiert, ohne Bilder oder sonstige optische Reize – ein Graus für heutige Schüleraugen. Auch von einer „tschechoslowakischen“ Gesamtgeschichte spricht heute keiner mehr. Aber das Buch war schon nach dem Zweiten Weltkrieg, als ebenfalls Büchermangel herrschte, die erste Wahl als Übergangswerk gewesen und somit quasi „krisenerprobt“.
Allerdings hört der „Pekař“ bereits Anfang der 1920er Jahre mit dem Erzählen auf und somit „fehlt“ darin mehr als ein halbes Jahrhundert ereignisreicher Geschichte. Glücklicherweise waren die tschechoslowakischen Historiker die Jahrzehnte über nicht untätig und haben weitere Texte verfasst, die sie jedoch, meist mit einem Berufsverbot nach dem Prager Frühling belegt, nicht veröffentlichen durften. Diese Skripte zog man nun buchstäblich „aus der Schublade“ und druckte sie auf Billigpapier für die Schulen. Doch die Menschen waren hungrig nach Wissen. Nicht nur die Schüler kamen in den Genuss von Bildung, auch die Eltern und Großeltern wollten diese Bücher lesen, da sie ja nur die Machwerke der Kommunisten kannten. Daher hatten die Geschichtsbücher dieser Zeit – auch wenn sie nicht besonders schön waren – erstaunlich hohe Auflagen. Im Laufe der Zeit wurden die Bücher natürlich immer ausgefeilter und moderner. Heute sind sie auf dem neuesten Stand der Forschung angelangt und stehen den Büchern anderer europäischer Länder qualitativ – auch optisch – in nichts nach. Ein Land in der Mitte Europas – Geschichtsbilder in tschechischen SchulbüchernInteressant ist auch, was in den neuen Büchern für ein Geschichtsbild vermittelt wird. Schaut man sich nämlich tschechische Schulbücher an, dann stellt man fest, dass man sich stets als ein Land in der Mitte Europas gesehen hat. Schon die böhmischen Fürsten des 9. oder 10. Jahrhundert haben sich nach Westen hin zum christlichen Heiligen Römischen Reich orientiert, in welchem dann später die böhmischen Herrscher eine gewichtige Rolle gespielt haben. Somit liegt der Fokus im tschechischen Geschichtsbild auf der Rolle der böhmischen Länder in der Mitte Europas. Hierbei wird jedoch immer die eigenen Autonomie innerhalb des Reichsverbandes betont. Kaiser Karl IV., als letzter Vertreter des böhmischen Herrschergeschlechts, stellt daher eine zentrale Persönlichkeit der tschechischen Geschichte dar. Er regierte als einziger Herrscher aus den böhmischen Ländern das große Heilige Römische Reich. Vor wenigen Jahren gewann er daher sogar in einer TV-Show die Wahl zum „größten Tschechen“. Gut, eigentlich lag der kleine Maulwurf vor ihm – wohlgemerkt eine Zeichentrickfigur – aber der wurde disqualifiziert.
Tschechische Geschichte lässt sich jedoch nicht ohne den Theologen Jan Hus und seine Anhänger – die Hussiten – schreiben. Sein Versuch die katholische Kirche zu reformieren – 100 Jahre vor dessen Bewunderer Martin Luther – weitete sich nach seiner Verbrennung auf dem Konzil von Konstanz 1415 zu den Hussitenkriegen aus. Dadurch wurde die ganze Bewegung letztlich prägend für das tschechische Geschichtsbild. Wichtig ist natürlich auch der Dreißigjährige Krieg, der bekanntlich im böhmischen Prag durch die „Defenstration“ zweier kaiserlicher Statthalter und eines Schreibers ausgelöst wurde. Hier wurde ganz deutlich aus tschechischer Geschichte europäische Geschichte.
Was den deutschen Schülern vermutlich weniger bekannt sein dürfte, ist die Schlacht am Weißen Berg 1620. Sie stellt für die Tschechen eine zentrale Zäsur dar. Mit der Niederlage der böhmischen Stände begann hier die Zeit des temno, was soviel wie Finsternis oder Dunkelheit bedeutet. Mit ihm verbindet man eine Zeit des kulturellen Niedergangs, aus dem die böhmische Nation erst im 19. Jahrhundert „wiedererweckt“ werden musste.
Ein Bild im Wandel – die Darstellung der DeutschenImmer wieder Thema in den Geschichtsbüchern sind außerdem die Deutschen in den böhmischen Ländern, die späteren Sudetendeutschen. Anders als noch in den kommunistischen Büchern, wo deren Ansiedlung als ein typisches Produkt des deutschen imperialen „Drangs nach Osten“ interpretiert wurde, heben die heutigen Autoren deren produktive Seiten, beispielsweise in der Wirtschaft des Landes, hervor. Auch deren Rolle in der Ersten Tschechoslowakischen Republik wird nun deutlich differenzierter dargestellt. Sie werden nicht mehr gleich als „fünfte Kolonie Hitlers“ verurteilt, sondern es wird ebenfalls ausführlich beschrieben, wie es zu Kooperationen mit dem neuen tschechoslowakischen Nationalstaat kam, in dem die Deutschen plötzlich nur noch als Minderheit angesehen wurden. Wirtschaftliche Sorgen und Benachteiligungen werden nun auch als Begründung dafür genannt, warum sich die Mehrheit der Sudetendeutschen 1938 überschwänglich den Nationalsozialisten im Reich anschloss – und damit die Tschechoslowakei zerstörte. Die Besatzung folgte und mit ihr Leid und Unterdrückung. Nach dem Krieg setzte dann die Flucht und Vertreibung der deutschen Bevölkerung ein.
Bei diesem Thema zeigt sich eine bemerkenswerte Entwicklung in den tschechischen Schulbüchern: Während dieses Kapitel noch vor 1989 mit wenigen Sätzen gerechtfertigt und abgehackt wurde, informiert und diskutiert man mittlerweile verstärkt darüber. Auch gilt dieses Phänomen als ein gesamteuropäisches im 20. Jahrhundert. Man könnte sagen, hier wird tschechische Geschichte wieder europäische Geschichte, bevor dann der Kommunismus den Kontinent auch im Geschichtsbuch in zwei Blöcke teilt.
Die Tschechen schienen sich jedoch ihrer Lage in Mitteleuropa nach dem Fall des Eisernen Vorhangs bewusst zu werden. Man suchte schnell wieder den Kontakt zu seinen Nachbarn, beispielsweise durch deutsch-tschechische Kommissionen für Schulbücher oder Geschichte. Aber auch auf staatlicher Ebene. In der deutsch-tschechischen Erklärung von 1997 steht, dass man sich nicht „mit aus der Vergangenheit herrührenden politischen und rechtlichen Fragen belasten" möchte. Schon vergleichsweise früh, nämlich 1996, stellte die Tschechische Republik einen Aufnahmeantrag in die Europäische Union, der sie 2004 im Zuge der großen „Osterweiterung“ beitrat. Man könnte also sagen, nach 60 Jahren sind die Länder der böhmischen Krone endlich wieder in die Mitte Europas zurückgekehrt.
Von Sebastian Paul |