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Europäische Identität und Integration durch Kultur? – die Initiative "Kulturhauptstadt Europas" in ihren Anfängen

In diesem Jahr feiert die Initiative Kulturhauptstadt Europas ihr 25-jähriges Bestehen. Das Projekt wurde gegründet, um eine europäische Identität zu schaffen und die europäische Integration zu fördern. Doch erfüllte das Projekt in seinen Anfängen diesen Zweck? Die ehemaligen Kulturhauptstädte Athen (1985) und Glasgow (1990) sind repräsentativ für die ersten beiden Entwicklungsphasen des Projekts und können auf diese Frage eine Antwort geben.

 

Kulturpolitik spielte in der Europäischen Gemeinschaft (EG) keine bedeutende Rolle. Bis zum Vertrag von Maastricht (1993) hatten die Organe der EG keinerlei kulturpolitische Kompetenzen. Dies hatte zwei Gründe: Zum einen waren die Staats- und Regierungschefs der Meinung, Kulturpolitik sei im Sinne des Subsidiaritätsprinzips Aufgabe der Länder. Zum anderen vollzog sich die europäische Einigung primär im wirtschaftlichen Bereich. Die Folgen waren, dass sich die europäische Integration nicht weiter entwickelte und sich die Bürger mit der Europäischen Gemeinschaft kaum identifizieren konnten. Die zunehmende Kritik über das Defizit einer europäischen Identität führte jedoch dazu, dass die Kulturpolitik in den 80er Jahren zwar nicht auf supranationaler, aber auf zwischenstaatlicher Ebene zu einem Gegenstand der Europapolitik wurde.

 

“It is time for our voice to be heard as loud as that of technocrats. Culture, art and creativity are not less important than technology, commerce and the economy.” Mit diesen Worten appellierte die ehemalige griechische Kulturministerin Melina Mercouri an ihre Kollegen beim ersten Treffen des Rats der Kulturminister Europas 1983 in Athen. Auf dieser Versammlung wurde das Projekt Kulturhauptstadt Europas, auf Vorschlag von Mercouri, ins Leben gerufen. Ziel war es, mithilfe der Kultur eine europäische Identität zu schaffen bzw. zu fördern und die Zustimmung zur europäischen Einigung zu erhöhen. Die Städte, die den Titel verliehen bekommen, sollen ein Kulturfest ausrichten, das die Gemeinsamkeiten, aber auch die Vielfalt der europäischen Kulturen betont und die europäischen Völker einander näher bringt. 

 

Athen wurde für das Jahr 1985 zur ersten Kulturhauptstadt Europas gewählt. Damit bekam eine Hauptstadt und ohnehin anerkannte Kulturmetropole den Titel. Das Programm des Kulturfests in Athen war noch auf den Sommer begrenzt. Die Darstellung nationaler Kultur stand klar im Vordergrund, die europäische Dimension dagegen wurde vernachlässigt. Die Vorgabe, die Vielfalt der europäischen Kulturen zu präsentieren, wurde keineswegs erfüllt. Zudem kam der Veranstaltung wenig Aufmerksamkeit zu. Bei der Eröffnungsfeier waren kaum EG-Vertreter erschienen und selbst die meisten Kulturminister reisten am Tag nach der Eröffnung schon wieder ab. Die Merkmale, die für Athen festzustellen waren, galten auch für die folgenden Kulturhauptstädte. Ein deutlicher Wandel in der Entwicklung des Projekts erfolgte erst im Jahr 1990 mit der Kulturhauptstadt Glasgow.

 

Dass sich Glasgow im innerbritischen Wettbewerb durchsetzte und zur Titelstadt gewählt wurde, rief Erstaunen hervor. Die schottische Stadt war weder Hauptstadt noch hatte sie ein kulturelles Image, sie war vielmehr als „black spot“ im United Kingdom bekannt. Die Resonanz auf Glasgow im Vergleich zu Athen war viel höher. Grund dafür war, dass das gesamte Projekt wesentlich an Bedeutung und Anerkennung gewonnen hatte. Glasgow bot als erste Stadt ein Ganzjahresprogramm an, welches die ganze Bandbreite der europäischen Kulturen abdeckte und eine nachhaltige Zielsetzung hatte.

 

Der Titel wurde bewusst in ein laufendes Projekt zur Stadterneuerung und Verbesserung der Lebensqualität einbezogen. Somit wurde das Kulturhauptstadt-Jahr als Instrument zur Stadtentwicklung, besonders zur Tourismusförderung und der Kreation eines neuen Stadtimages, genutzt. Glasgow hatte damit durchaus Erfolg und wurde für viele weitere Kulturhauptstädte zum Vorbild. Die Stadt leitete einen Wandel ein, in dessen Folge die eigentliche Zielsetzung der Kulturhauptstadt-Initiative vor dem Nutzen für die betreffende Stadt in den Hintergrund trat.

 

Die Initiative "Kulturhauptstadt Europas" entwickelte sich in den Anfängen von einem Sommerevent mit Betonung der nationalen Hochkultur zu einem populären Ganzjahresevent, das man als Instrument zum „Städtelifting“ und „Städtemarketing“ missbrauchte. Der Zweck der Gründung, die europäische Identität und Integration zu stärken, wurde in beiden Entwicklungsphasen nicht richtig verfolgt, geschweige denn erfüllt. 

 

Von Lisa Schlitt

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Redaktion
17.11.2010 12:51
 

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