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Zwanzig Jahre Fernbeziehung

Kameramann von Arte
Der deutsch-französische Gemeinschaftssender Arte möchte europäische Kultur und Politik vermitteln. (Quelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:CamOp_03.JPG; Foto: Manuguf; *Lizenz: CC-BY-SA)
Bon anniversaire, alles Gute, Arte! Das erste auf Dauer gelungene europäische Fernsehprojekt wird zwanzig Jahre alt. Große Ziele hatten die deutschen und französischen Fernsehmacher: die Verständigung und Annäherung der Völker Europas. Nicht mit Wirtschaft und Politik von Institutionen, sondern mit Kultur in der Flimmerkiste. Stellt sich die Frage, ob Franzosen und Deutsche nach so langer Vereinigung nun richtige Europäer sind.

 

Straßburg, 2. Oktober 2010. In einem Café an der Rue de L`Ile Jars sitzt ein dunkelhaariger Mann und tippt etwas hektisch eine SMS in sein Handy. "Mon amour, ich sitze schon in unserem Kaffee, je t`attende déjà. mille bisous", dann drückt er auf senden. Er wirkt etwas fehl am Platz in diesem hippen Café von Straßburg, ein klein wenig zu reif mit seinen tiefen Stirnfalten. Um ihn herum sitzen locker plaudernd Teenager, die zeitweise einen irritierten Seitenblick zu ihm herüberwerfen. Eine Viertelstunde später setzt sich eine attraktive blonde Frau an den Tisch von Maxime Maisonneuve. Sie küsst ihn und nimmt strahlend seine Hand. Seit mittlerweile zwei Jahrzehnten führen die Deutsche Lisa Schumann und der Pariser Maxime Maisonneuve eine Fernbeziehung.

 

Zwanzig Jahre – das muss man erst mal schaffen, wenn einen Ländergrenzen trennen. Genau wie Maxime und Lisa, haben sich am 2. Oktober 1990 Frankreich und Deutschland auf eine Beziehung eingelassen. Und die haben es ja auch geschafft – bis jetzt! Die Rede ist vom europäischen Kulturkanal Arte. Dessen Gründung haben sich die Nachbarländer vor zwanzig Jahren versprochen. Arte? Ach so…ja. Ja, genau der Sender – mit der Maus – la souris, die Grenzen – les frontières, le policier – der Politiker, le mot – das Wort...ja genau der. Aber es ist falsch, Arte auf seine Herkunftsländer zu reduzieren. Es ist nicht das Credo des Senders ausschließlich die deutsch-französische Verständigung zu fördern. Das Ziel liegt höher, grenzenübergreifender, vielschichtiger: Europa.

 

Doch ist Arte keinesfalls ein Prestigeobjekt erfolgreicher Politik der EU-Institutionen. Zwar bestanden in den 80er Jahren auch hier Überlegungen für ein „Fernsehen ohne Grenzen“, jedoch nur auf dem Papier. Ein auf der European Broadcasting Union basierendes Projekt mit dem vielversprechenden Namen „Europa-TV“ hielt sich gerade einmal dreizehn Monate auf europäischen Bildschirmen. Ein Jahr nach der ersten Ausstrahlung ging das Geld aus. Beim deutsch-französischen Kulturkanal Arte gab es eine mehrjährige Planungszeit, um solche Peinlichkeiten von vornherein zu vermeiden. Nachdem die Einzelheiten ausgearbeitet waren, segneten die Staatsväter Helmut Kohl und François Mitterrand das gemeinsame Projekt ab und der zwischenstaatliche Vertrag konnte am 2. Oktober 1990 von beiden Ländern unterschrieben werden. Nur ein Jahr später flackerte das erste Programm über den Bildschirm.

 

Differenzen müssen kein Aus bedeuten

Kennengelernt haben sich Maxime und Lisa während ihres Studiums im Auslandssemester in Straßburg. Das hippe Café war damals eine richtige Chaoskneipe mit viel zu schlechter Musik und billigem Wein, aber „das war ja egal“, sagt Lisa. Für beide war nach dem Semester klar, dass sie zusammenbleiben wollen, die Entfernung sei ja nicht so weit und so viele Gemeinsamkeiten hatte Maxime bisher mit keiner anderen Frau zuvor gehabt. Schwieriger als in Beziehungen zwischen Landsleuten gestaltete sich ihr Zusammenleben in den Folgejahren dennoch. Als die Eltern von Lisa erfuhren, dass Maxime konfessionslos sei, verlangten sie von ihr, sich zu trennen. „Ich hätte mir damals gewünscht, dass sie mir wenigstens mal zuhören, um mich zu verstehen“, meint Maxime etwas desillusioniert.

 

Genau das möchte auch Arte erreichen: das Verstehen des Anderen. Ziel des Programms ist es laut eigener Auffassung nicht, dass nationale Gefühle über Bord geworfen und durch eine europäische Identität ersetzt werden. Vielmehr soll sich Max Mustermann, neben seinem Stolz Deutscher zu sein, auch noch als Europäer fühlen. Eine schöne Illusion. Doch die Umsetzung ist nach wie vor schwierig. Schon im europäischen Mikrokosmos Arte kam es in den vergangen zwei Jahrzehnten zu enormen Schwierigkeiten und das, obwohl sich doch hier nur zwei Länder verständigen müssen. Wie soll dann ein Konsens von fast fünfzig europäischen Staaten aussehen?

 

Zum einen stehen sich in Straßburg das zentrale und das föderale Mediensystem der beiden Länder gegenüber: Die Deutsche Arte GmbH bestehend aus ARD und ZDF und Arte France, dessen Aktionär zum größten Teil der französische Staat ist. Das schürt Probleme, mit denen der Sender besonders während der ersten Jahre zu kämpfen hatte. So nörgelte man westlich des Rheins, dass die Sendeanstalten der ARD nur solche Programme für Arte produzieren würden, die sie später Quoten bringend auf ihren eigenen Kanälen ausstrahlen könnten. Und die Deutschen befürchteten, dass Arte zum Forum französischer Politikereinflüsse verkomme. Einen anderen Konfliktherd bildeten die divergierenden Journalistenstile und Sehgewohnheiten. Dafür mussten die Redakteure in Straßburg gleich nach Sendestart 1991 eine Lösung finden. Was in Deutschland läuft, schaut doch niemand in Frankreich. Und wer lacht in Berlin über Pariser Witze? Die typisch nationalen Programmschemata nacheinander zu senden, führte höchstens zu einem nach Ländern geteilten Publikum. Was für ein tolles europäisches Fernsehen, wenn der deutsche Spielfilm „Das Leben der Anderen“ hier Quotenrekorde bringt, während unsere Nachbarn abschalten. Und so ganz hat der Sender dieses Problem bis heute nicht gelöst.

 

Europa liebt dich

Die Eltern von Lisa reden mittlerweile mit Maxime. Seine fehlende Religiosität haben sie akzeptiert, aber nicht verstanden. Das ist schade, findet das junge Paar. Maxime hofft aber auf die Zukunft: „Wenn wir mal Kinder haben, müssen sich unsere Familien auch mit den Eigenheiten des Anderen auseinandersetzen. Wir haben mehr gemein, als die denken.“ Und seine Freundin ergänzt, dass es doch heutzutage eigentlich egal sei, aus welchem Land man komme, da die Probleme wie die Finanzkrise und die plötzliche Sparwut alle genauso treffen würden.

 

Stur auf das zu schauen, was einem bekannt und nahe ist, macht uns nicht zu Europäern. Aber genauso wenig kann Arte verlangen, dass sich der Spanier für eine Dokumentation über Lyoner Obdachlose interessiert, wenn kein größerer Bezug hergestellt wird. Die Zeiten des Antifernsehens sind doch lange vorbei. Arte kann die Augen nicht vor dem Zuschauerinteresse verschließen und die Bedienung von Sehgewohnheiten der Konkurrenz überlassen. Die Programmreformen der letzten Jahre beweisen, dass diese Tatsache auch in Straßburg angekommen ist. Erst Ganztagesprogramm 2001, dann engere Zuschauerbindung drei Jahre später. Ja, dieses Jahr hat sich der gewöhnliche Arte-Zuschauer sicherlich gewundert, als das Abendprogramm schon lief, als er um 20.45 Uhr die Kiste anschaltete. Tatsächlich: Im Jahre 2010 beginnt auch beim europäischen Kulturkanal die Primetime um 20.15 Uhr.

 

Sogar dem Ziel Europa nähert man sich plötzlich zuschauernah. „Europa liebt dich“ ist die neue Devise. Mit interaktiven Formaten, wie dem Europamagazin "yourope" soll die vernetzte Facebook Generation angesprochen werden. Die Sendung greift Themen auf wie die Alterung der Gesellschaft oder den Konflikt mit der Atomenergie: Das ist in ganz Europa präsent. Es bringt die Geschichten nicht auf den kleinsten europäischen Nenner, sondern zeigt Beispiele aus je vier Ländern, ohne den Bezug zum Ganzen zu verlieren. Arte ist nach zwanzig Jahren in der europäischen Fernsehrealität angekommen. Weder ein Nebeneinander der Identitäten, noch ein europäischer Einheitsbrei, sondern das Miteinander. Oder auch: eine funktionierende Fernbeziehung. Und Maxime und Lisa? Die können nach zwanzig Jahren einige Anekdoten über die Eigenarten der anderen Kultur erzählen. Aber meistens lachen sie dann zusammen darüber.

 

Von Josefine Bauer

 

*CC-BY-SA-Lizenzbedingungen

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Redaktion
18.02.2011 18:08
 

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