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Das Fundament des heutigen Europa

Robert Schuman
Der ehemalige französische Außenminister Robert Schuman im Jahre 1949 (Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Robert_Schuman [in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Bundesarchiv]; Urheber: unbekannt)
Am 9. Mai 1950 hielt der französische Außenminister Robert Schuman eine Rede, die alles verändern sollte. Eine Rede, die die wirtschaftliche Zusammenarbeit der europäischen Staaten einleitete und schließlich in die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) – auch Montanunion genannt – mündete. Diese legte wiederum den Grundstein für die Europäische Union, die wir heute kennen. Schuman war kein Visionär, der eine neue Weltordnung im Sinn hatte. Vielmehr verfolgte er mit dem Plan einer wirtschaftlichen Kooperation zwischen Deutschland und Frankreich die dauerhafte Sicherung des Friedens.

 

 

Deutsch-französische Zusammenarbeit

Nach Ende des Krieges war es dringendstes Anliegen der französischen Regierung, Deutschland definitiv und endgültig als Großmacht auszuschalten. Dem beständigen Friedensstörer sollte die Kette angelegt werden. Erst nachdem diese Politik durch die prodeutschen Integrationsbemühungen Großbritanniens und Amerikas ad absurdum geführt wurde, wandelte sich die Vorgehensweise: Statt den westlichen Nachbarn ausschalten zu wollen, sah Frankreich den Schlüssel zur Kontrolle über Deutschland in der Bildung einer europäischen Föderation. Durch die Kopplung der kriegswichtigsten Industriezweige der Kohle- und Stahlproduktion an eine supranationale Behörde sollte die Kriegsgefahr, welche von Deutschland ausging, gebannt werden.

 

Für die Entwicklung des französischen Konzepts blieb nicht viel Zeit. Bereits für den 11. Mai 1950 war eine Konferenz der Außenminister der Vereinigten Staaten, Großbritanniens und Frankreichs geplant, auf der Deutschland einen weiteren Schritt Richtung Souveränität zurücklegen und weiter in das westliche Verteidigungsbündnis gegen die Sowjetunion integriert werden sollte. So veröffentliche Schuman – nach den Vorarbeiten des einflussreichen Unternehmers Jean Monnet – die Pläne zu einer deutsch-französischen Wirtschaftsunion, die auch anderen europäischen Staaten offen stand. Durch die Errichtung einer von nationalen Interessen unabhängigen hohen Behörde wurde die deutsche Wirtschaftskraft an die des bisher ungeliebten Nachbarn gebunden. Aus französischer Sicht wurde die „Gefahr einer deutschen wirtschaftlichen Kontrolle Europas“ somit gebannt. Warum akzeptierten jedoch die Deutschen diesen Pakt, wo er doch offensichtlich das Kontrollbedürfnis der Franzosen befriedigte?

 

Eine Chance für Deutschland

Für den vermeintlichen "Aggressor" Deutschland  bot der Schumanplan etliche Vorteile: Die Integration in einen europäischen Staatenbund eröffnete die Chance, als gleichberechtigter Partner in die internationale Gemeinschaft der westlichen Demokratien aufgenommen zu werden. Erstmals wurde Deutschland die Möglichkeit geboten, frei als „Global Player“ zu agieren und die auferlegte Isolation zu durchbrechen. Für die Westintegration, die Kanzler Konrad Adenauer anstrebte, war somit die Aufnahme in den Schumanplan ein wesentlicher Schritt nach vorne. Darüber hinaus setzte der Plan die Produktionsbeschränkungen der deutschen Wirtschaft außer Kraft: Die bisherige Produktionsgrenze von elf Millionen Tonnen Stahl pro Jahr wurde aufgehoben. Ein weiterer Vorteil für Deutschland war die Beilegung des Saarproblems, das das Verhältnis zu Frankreich in den vergangenen Jahren schwer belastet hatte. Die Union sollte in dem montanen Sektor eine beispielhafte Rolle einnehmen, um in der Zukunft weitere Industriezweige zusammenzulegen und gar eine militärische Zusammenarbeit zu ermöglichen.

 

Die anderen europäischen Staaten, die schließlich 1951 Gründungsmitglieder der Montanunion wurden – neben Deutschland und Frankreich, Italien und die Beneluxstaaten – hatten ebenfalls politische Absichten, der Wirtschaftsgemeinschaft beizutreten: Kein Staat wollte bei der Geburtsstunde der ersten europäischen Behörde mit echten eigenen Zuständigkeiten außen vor bleiben und möglicherweise eine bedeutende Entwicklung verpassen. Lediglich Großbritannien verweigerte sich den Plänen der kontinentalen Kräfte. Die britischen Insulaner sahen sich nicht als Teil Europas und fühlten sich den Australiern und Neuseeländern deutlich näher – ein Abtritt von Souveränität an eine europäische Behörde war somit gänzlich undenkbar.

 

Der Schuman-Plan legte 1950 das Fundament der heutigen europäischen Zusammenarbeit. Auch wenn die Motive der beteiligten Länder – und vornehmlich der geistigen Väter – keineswegs durch einen europäischen Idealismus geprägt, sondern vielmehr nationaler Art waren, so kann doch nicht bestritten werden, dass hier der Grundstein der europäischen Verständigung gelegt wurde. Einer Verständigung, wie sie auch in heutigen Zeiten im Hinblick auf die Finanzkrise und ihrer Folgen wieder stärker betrieben werden sollte.

 

Von Patrick Wichmann

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Redaktion
21.10.2010 19:28
 

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