Europa als Wille und Vorstellung
Europäischer Bundesstaat sollte Kriege verhindern
„Philosophie, die einmal überholt schien, erhält sich am Leben, weil der Augenblick ihrer Verwirklichung versäumt ward.“ Dieser Satz steht am Beginn von Adornos Schrift „Negative Dialektik“ und beschreibt anschaulich das Verhältnis von Philosophie und Politik. Angesichts der deutschen Gewaltherrschaft erschienen Pläne für ein Europa als Kontinent des Friedens, der Gleichberechtigung und der Verständigung im Jahr 1940 sicher als „überholt“. Trotzdem trat im Februar desselben Jahres die „Schweizer Europa Union“ mit ihren „Leitsätzen für ein neues Europa“ genau dafür ein. Erstaunlich viel dieses Programms, vor allem in handels- und wirtschaftspolitischen Bereichen, wurde später unter anderen Voraussetzungen im Prozess der europäischen Integration umgesetzt.
Die 1934 gegründete Schweizer Europa Union war eine föderalistische Gruppierung. Sie sah es als ihre Aufgabe an, einen europäischen Geist in der Bevölkerung zu erwecken anstatt an Politiker heranzutreten und zu versuchen, diese von der europäischen Idee zu überzeugen. Ihr Aktionsradius blieb bis 1945 im Wesentlichen auf die deutschsprachige Schweiz beschränkt, von wo aus sie ihre Ideen auch in der Monatszeitschrift Der Europäer verbreitete. Im Mittelpunkt ihres Wirkens stand das Eintreten für einen europäischen Bundesstaat, eine „Europäische Union“, wie es im Programm sogar schon hieß. Einen solchen Bundesstaat sah sie angesichts zweier Weltkriege, die aus dem Nationalismus entstanden waren, als das einzige Mittel an, weiteres Unheil zu vermeiden und die abendländische Kultur zu erhalten.
Leitsätze der Europa Union legten Grundstein für EU
Für das Erreichen dieses Ziels sah man es als zwingend erforderlich an, nationalstaatliche Souveränität zugunsten einer gesamteuropäischen Regierung zurückzustellen, die zu einem großen Teil die Wirtschafts-, Finanz- und Außenpolitik der „Union“ gestalten sollte. Selbst so sensible Bereiche wie die Rüstungspolitik und die Aufsicht über die Armee sollte die gesamteuropäische Regierung übernehmen. Für die einzelnen Nationalstaaten hätte dies bedeutet die eigene Rüstungsproduktion sowie ihre Armeen aufzugeben. Alle diese Ideen erinnern an das institutionelle Modell der heutigen Europäischen Union und an ihre gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik, wenn auch die Umsetzung einer europäischen Armee weiterhin nicht realisierbar scheint.
Im Bereich der Wirtschafts- und Zollpolitik kamen die damaligen Forderungen der Europa Union der heutigen Situation ebenfalls ziemlich nahe: Sie forderte eine Zollunion der europäischen Staaten und eine gemeinsame Währung. Beide Vorhaben wurden in der Geschichte der europäischen Integration mit unterschiedlicher Vehemenz angegangen und sind heute fest etabliert. Um allerdings zu sehen, dass auch der Euro nicht wie gefordert eine „von jedem staatlichen Einfluss freie Währung“ ist, reicht ein kurzer Blick nach Griechenland sowie auf das deutsche Verhalten gegenüber dem europäischen Verbündeten.
Ein weiterer Themenkomplex, den die „Leitsätze“ der Schweizer Gruppierung behandeln, ist das weite Feld der Kultur und Bildung. Als Ziel wird die Erziehung einer „europäisch denkenden Jugend“ formuliert, um das gegenseitige Verstehen und den kulturellen Austausch zu ermöglichen. Durch eine Revision von Lehrplänen, vor allem im Fach Geschichte, wollte die Europa Union den Nationalismus zurückdrängen und in zukünftigen Generationen sogar ganz überwinden. Aktuellere Entwicklungen in der EU, wie zum Beispiel die Verleihung des Titels der Kulturhauptstadt oder auch das Erasmus-Programm, verfolgen natürlich genau dieses Modell einer Europäisierung der Kultur- und Bildungslandschaft. In den einzelstaatlichen Schulsystemen wird zwar nach wie vor in erster Linie Geschichte und Kultur des eigenen Landes vermittelt, glücklicherweise sind sie aber nicht mehr nationalistisch gefärbt.
Von philosophischen Ideen zur erfolgreichen Umsetzung
In der Nachkriegszeit war die Schweizer Europa Union innerhalb der „Union europäischer Föderalisten“ aktiv. Ihre Ideen fanden teilweise großen Anklang. Doch für einen radikalen Bruch mit dem Nationalstaat und seine Überführung in einen europäischen Bundesstaat fanden sich nicht genug Unterstützer. Die weitere europäische Integration verlief in geregelten Bahnen und diente letztlich eher als Rettung des Nationalstaates als seiner Auflösung. Von den Ideen der Europa Union wurde dabei einzig die Zollunion recht bald umgesetzt, wenn auch vor allem aus nationalstaatlichen Erwägungen. Die kulturelle, finanzpolitische und insbesondere militärische Zusammenarbeit wurde erst in späteren Jahren erfolgreich umgesetzt und steht noch lange nicht am Ende.
Das Programm der Schweizer Europa Union war zu einem gewissen Grad Philosophie. Die veränderten Möglichkeiten für eine europäische Politik nach 1945 waren eine Bedingung für die Verwirklichung der Philosophie eines geeinten Europas. Dieser Weg ist aber noch nicht beendet. Für den weiteren Fortgang der europäischen Integration mögen deshalb die utopischen „Leitsätze für ein neues Europa“ auch noch siebzig Jahre später als Inspirationsquelle dienen.
Von Sebastian Triesch
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