Winston Churchill und Europa
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„Wir müssen etwas wie die Vereinigten Staaten von Europa schaffen“, sagte Winston Churchill am 19. September 1946 während seiner Rede in der Universität Zürich. Die Vereinigten Staaten von Europa - mit diesem von ihm geprägten Schlagwort verband der englische Premierminister große Ziele wie die deutsch-französische Versöhnung und die Bildung eines Europarats. Doch sein politisches Konzept von einem europäischen Zusammenschluss beinhaltete auch Probleme.
Die Rede Churchills fällt in eine Zeit, in der eine breite Diskussion über die europäische Einigung herrschte. Hintergrund für die Debatte war vor allem der Wunsch nach Frieden. Nach zwei zerstörerischen Weltkriegen galt eine demokratische Vereinigung der Staaten Europas als Garantie für Sicherheit, Verständigung und Stabilität. Diese Ansicht vertrat auch der britische Staatsmann, die er so formulierte: „Die Rettung der Massen einer jeden Rasse und eines jeden Landes vor dem Krieg oder Knechtschaft muss auf festen Grundlagen erfolgen und von der Bereitschaft aller Männer und Frauen gestützt werden, eher zu sterben, als sich der Tyrannei zu beugen.“ Das zweite Motiv für Churchills Plan war der Wunsch nach einer starken europäischen Wirtschaft, die dauerhaften Wohlstand garantierte. Letztendlich sollte Europa zu einer neuen Kraft zwischen Großbritannien, den USA und der UdSSR werden. Die Kooperation der etablierten Mächte sah er dabei als Voraussetzung an: „Großbritannien, das British Commonwealth of Nations, das mächtige Amerika und, ich hoffe, Sowjetrussland – denn dann wäre in der Tat alles gut – müssen die Freunde und Förderer des neuen Europa sein und für sein Recht auf Leben und Glanz eintreten.“
In einer Hinsicht widerspricht die Rede des Premierministers dem europäischen Vereinigungsgedanken. Weder Großbritannien noch die Sowjetunion zählte er zu Europa. Die britische Insel sah er als eigenständigen Machtfaktor und Hauptstütze der Weltorganisation. Zwar hatte die Insel nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges enorme wirtschaftliche Probleme und war an einer Kooperation mit Kontinentaleuropa interessiert, jedoch war seine Regierung nicht bereit, staatliche Souveränität abzugeben. Im Gegenteil, das alte British Empire sollte als Weltmacht bestehen bleiben. Die osteuropäischen Staaten der Sowjetunion bildeten für Churchill eine eigene Einflusssphäre, die hinter der Grenze des „Eisernen Vorhangs“ verschwanden. Darüber hinaus sah er die stalinistische Staatengemeinschaft als Bedrohung für die westliche Welt. Seine Vorstellungen waren einfach: Ein zersplittertes Europa könnte leicht unter die Kontrolle der UdSSR fallen. Ein vereinigtes Europa unter der Protektion von Großbritannien und der Atommacht USA könnte dagegen als Bollwerk gegen den Kommunismus dienen.
Die Vereinigung Europas hing nach Churchill von Frankreich und Deutschland ab: „Der erste Schritt bei der Neugründung der europäischen Familie muss eine Partnerschaft zwischen Frankreich und Deutschland sein. Nur auf diese Weise kann Frankreich die moralische Führung Europas wieder erlangen. Es gibt kein Wiederaufleben Europas ohne ein geistig großes Frankreich und ein geistig großes Deutschland.“ Eine solche Partnerschaft würde die Erbfeindschaft zwischen den beiden Ländern beenden und den Frieden in Europa garantieren. Außerdem unterstütze es das Prinzip der „Balance of Power“. Dabei war für Churchill die Behandlung Deutschlands auf Augenhöhe von enormer Wichtigkeit. Ein erneuter Verlust von Souveränität wie nach dem Versailler Vertrag, den er die „Apotheose des Nationalismus“ nannte, würde in Deutschland weiteren Revanchismus generieren und die Einigung Europas unmöglich machen. Eine maßgebliche Rolle müssten Deutschland und Frankreich ebenfalls bei der Bildung des Europarates spielen. Dieser sollte aus Staaten bestehen, die an einer europäischen Einigung interessiert wären und die Verhinderung von Krieg und Unterdrückung zur Aufgabe haben.
Mit seiner Forderung nach einem vereinigten Europa ging es Winston Churchill nach eigenen Aussagen darum, Hass- und Rachegefühle zwischen den Nationen zu beseitigen und den Menschen Frieden, Sicherheit, Freiheit, Freude und Hoffnung zu schenken. Diese Ziele klangen nach dem Zweiten Weltkrieg wenig realistisch und konnten in der Folgezeit nicht alle erreicht werden. Doch sind diese Ziele nach zahlreichen Kämpfen auf dem europäischen Kontinent erst mal ein enormer Fortschritt. Auch die vom britischen Premierminister geforderte Aussöhnung zwischen Deutschland und Frankreich trug Früchte. Doch Churchill erkannte trotz seiner weitsichtigen Rede die Zeichen der Zeit nicht. Großbritannien war nicht mehr in der Lage sein Weltreich zusammenzuhalten und die Abgrenzung zu Osteuropa schaffte in Zukunft ein erhöhtes Konfliktpotenzial in Europa. Churchill kann man zwar als einen Wegbereiter der Einigung Europas bezeichnen, doch waren seine Vorstellungen von der alten englischen Empire-Politik geprägt und hinderlich für eine Einigung.
Von Johannes Giar |