50 Jahre Oberhausener Manifest- Relikt oder (vergessenes) Bekenntnis?
„Wir erklären unseren Anspruch, den neuen deutschen Spielfilm zu schaffen“
(Auszug aus dem Oberhausener Manifest, 28.02.1962)
Für die jungen Filmemacher, die sich vorwiegend in München aufhalten, ist der deutsche Film 1933 stehen geblieben. In ihrem Manifest schreiben sie: „Der alte Film ist tot. Wir glauben an den neuen!“ Bei den 8. Westdeutschen Kurzfilmtagen in Oberhausen haben sie unter dem Titel „Papas Kino ist tot“ zur Pressekonferenz geladen. Alexander Kluge spricht für die Gruppe. Die genauen Formulierungen ihrer Forderungen seien am Abend vorher in einer Weinlaune entstanden, wie sie später in Interviews erzählen.
Die jungen Kurzfilmer erleben eine bundesrepublikanische Filmlandschaft, die von den sogenannten „Altfilmern“ beherrscht wird. Regisseure, die schon vor dem Krieg in der Branche etabliert waren und Filme wie am Fließband produzieren – Filme dieser Art nennt die Gruppe Konfektionsfilme. Nun fordern die „Jungfilmer“ einen besseren Zugang für den Nachwuchs, durch ein Filmförderungssystem (das Kuratorium junger deutscher Film wird in Folge dessen 1965 gegründet) und durch Ausbildungsmöglichkeiten.
Ihre Forderungen stehen auf einem starken Fundament. International hatten die Kurzfilme der jungen Filmemacher auf Festivals überzeugt.
„Diese Arbeiten und ihre Erfolge zeigen, daß die Zukunft des deutschen Films bei denen liegt, die bewiesen haben, daß sie eine neue Sprache des Films sprechen.“
Bald nach der Pressekonferenz in Oberhausen entsteht an der Hochschule für Gestaltung Ulm das Institut für Filmgestaltung. Maßgeblich wird es geprägt durch Alexander Kluge und Edgar Reitz, die bis dahin noch keinen Langfilm produziert haben. Mit Spenden vom Südwestfunk und der Firma Arnold & Richter (Arri, München) und einem Etat von 60.000 Deutschen Mark bauen sie drei Filmklassen auf. Den Dozenten geht es um die Persönlichkeitsbildung und künstlerische Entwicklung ihrer Studenten. Nicht nur die handwerklichen Grundlagen sollen vermittelt werden. Die Studenten sollen ihre Interessen und Stärken erkennen, sich bilden und Verständnis für (film-)geschichtliche Zusammenhänge bekommen.
„Wie in anderen Ländern, so ist auch in Deutschland der Kurzfilm Schule und Experimentierfeld des Spielfilms geworden.“
Dass die Idee des Ausbildungskonzeptes funktioniert, zeigte sich an Autodidakten wie Rainer Werner Fassbinder oder Werner Herzog. Beide machten sich, ohne eine Filmausbildung, selbst zu den bekanntesten Vertretern des Neuen Deutschen Films. Auch heute betont Werner Herzog noch immer die Wichtigkeit der Persönlichkeitsbildung des jungen Filmemachers. In der Ankündigung zu seiner Rouge Filmschool (der Schurkenfilmschule) schreibt er: Er solle die Welt zu Fuß bereisen, als Rausschmeisser für ein Bordell oder als Aufseher einer Irrenanstalt arbeiten. In ihm sollte das Feuer brennen, Geschichten zu erzählen.
Alles keine neuen Ideen: Ähnliches schrieb schon 1904 der Vater des modernen Journalismus Joseph Pulitzer in seinem Essay „School of Journalism“. Er verstand Journalisten als Beobachter der Gesellschaft, die das Privileg haben, die Meinungsbildung anderer zu beeinflussen. Ein Studium sollte ihren Charakter, ihre Bildung und ihre ethischen Ideale prägen. Es sollte ihre Handschrift entwickeln und sie nicht für den Markt verformen.
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Als 1982 Rainer Werner Faßbinder mit nur 37 Jahren an einer Mischvergiftung (Drogen, Alkohol, Medikamente) verstarb, war es eine Zäsur für den (Neuen) Deutschen Film. Gleichzeitig schwächelte der Filmverlag der Autoren, der durch Vertreter der Oberhausener Gruppe betrieben worden war. Das Konzept des unabhängigen Filmverlages funktionierte nicht mehr. Die erfolgreichen Filmemacher produzierten längst woanders. Ein kommerzielles Kino hatte in Deutschland wieder neuen Boden unter den Füßen bekommen. Heute sind kommerzielle deutsche Filme eine sichere Marke, wie Til Schweiger regelmäßig auf ein neues beweist. Im Jahr 2010 kamen 189 deutsche Filme in die Kinos, davon alleine 70 Dokumentarfilme. Das in den 1960ern etablierte Förderungssystem funktioniert, denn von den gut 200 deutschen Filmen, die jährlich in die Kinos kommen, kennt der Zuschauer, wenn er nicht gerade Cineast ist, oft nur einen Bruchteil. Auch ohne hohe Zuschauerzahlen läuft die kulturelle Förderung. Jan Schütte (seit September 2010 Direktor der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin) sprach sich bei einem Roundtable mit anderen Branchenvertretern im März 2011 gegen eine Marktorientierung in der Ausbildung aus. Ebenfalls betonte er die Wichtigkeit der Entwicklung einer eigenen Handschrift der jungen Regie-Studenten. Eine eigene Handschrift in einem Markt, von dem man nicht sagen könne, wo er in einigen Jahren steht.
„Der alte Film ist tot. Wir glauben an den neuen.“ An einer der ursprünglichen Schulen des Neuen Deutschen Films, an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin, haben die ursprünglichen Ideen, zumindest in der gesagten Marschrichtung des Direktoriums, nichts an Aktualität eingebüßt. Beim genannten Roundtable betonten die Teilnehmer, dass die jungen Filmemacher einen neuen Mut entwickeln sollen. Warum nicht wie die asiatischen Kollegen mit 5000 bis 10.000 Euro einen Spielfilm realisieren? Independet-Produzent Hebert Schwering beim erwähnten Roundtable dazu: „Ich finde, da müssen manche Filmemacher, die gerne meckern, sich auch mal an die eigene Nase fassen und erklären, warum sie, wenn sie Jahre oder Monate warten, in der Zeit nicht einfach mit ihrer Homevideo-Kamera Filme machen.“ Ein Ruf nach Pioniergeist alter Tage! Denn die Branchenentwicklungen scheinen nach Rückbesinnung auf alte (Oberhausener) Werte zu rufen.
In diesem Sinne: Der alte Film ist tot. Wir glauben an den neuen! von Manuel Stübecke
Quellen und Literatur
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