„In meinem Film bin ich Gott und stehe über Hitler“
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Dani Levys genreloses Werk „Mein Führer“
Der 4. Januar 2007 war für den Schweizer Regisseur Dani Levy kein besonders guter Tag. Am frühen Morgen veröffentlichte die populäre Boulevardzeitung Blick, das Pendant zur deutschen Bild-Zeitung, erste Auszüge eines für ihn katastrophalen Interviews mit Helge Schneider. Diesen hatte Levy im Vorjahr für seine umstrittene Komödie „Mein Führer – die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler“ als Hauptdarsteller gewinnen können. Wenige Monate später saß Schneider nun in Zürich und kritisierte die Endfassung und Aussage des Films scharf. Am Nachmittag legte er in einem Radio-Interview nach. Dabei schloss er mit einer Art Todesurteil für den Film und das ganze Produktionsteam: „Tut mir leid, ich find' den eben nicht so lustig“. Spätestens mit diesen Worten war das Schicksal des Films besiegelt, den die Öffentlichkeit aufgrund seiner Hitler-Darstellung ohnehin schon heftig debattierte.
Mit 750.000 Zuschauern und weitgehend negativen Kritiken blieb die Komödie weit unter den Erwartungen zurück. Die Handlung des Films ist schnell erzählt: Der jüdische Schauspieler Adolf Grünbaum (Ulrich Mühe) wird im Dezember 1945 von Propagandaminister Goebbels aus dem KZ Sachsenhausen geholt, um Adolf Hitler (Helge Schneider) auf die wichtige Neujahrsrede vorzubereiten. Hitler ist ebenso ausgebrannt wie die großen Bauten seiner Hauptstadt, findet durch Grünbaum aber innerhalb weniger Tage zu alter Stärke zurück. Als jedoch seine Stimme am Neujahrstag versagt, muss Grünbaum seinen alten Schüler Hitler imitieren und nutzt die Möglichkeit, um das NS-Regime zu diffamieren. Daraufhin wird er erschossen. Der oftmals kindisch und sentimental auftretende Hitler entgeht einem Attentat.
Die Machart des Films ist durchaus interessant: Am Anfang und Ende werden Aufnahmen Leni Riefenstahls mit fiktiven Bildern der Produktion verknüpft. Leider muss hier bereits die negative Kritik einsetzen: Die Montagen (gleiches gilt für computeranimierte Bilder und Spezialeffekte) sind so leicht auszumachen, dass man als Zuschauer den Eindruck hat, Levy habe einzelne Szenen mit PhotoShop selbst erstellt um Kosten zu sparen. Davon kann auch die gut ausgewählte Filmmusik nicht ablenken. Schauspielerisch hat der Film auch nicht allzu viel zu bieten: Abgesehen von Sylvester Groth, der Joseph Goebbels verkörpert, kann kaum ein Darsteller überzeugen. Die Hauptdarsteller Schneider und Mühe wirken bei allem Engagement nie wirklich greifbar und können ihre Vorschusslorbeeren nicht rechtfertigen. Der Großteil der Nebendarsteller beschränkt sich zudem auf Gestik und Mimik aus Musikkomödien der 1950er Jahre im Stile von Klassikern wie Übermut im Salzkammergut. Somit hat sich zum Beispiel Ulrich Noethen mit dem Entschluss, SS-Chef Heinrich Himmler nach Der Untergang ein zweites Mal zu spielen, wohl keinen Gefallen getan. Die meist platten und seltsam altmodischen Gags gliedern sich dabei in der Regel perfekt in den schwachen und verwirrenden Handlungsverlauf ein. Sehr früh stellt sich dem Betrachter die Frage: Welchem Genre ist der Film zuzuordnen und was will Levy mit dem Film eigentlich aussagen?
Wie angedeutet bleiben die Gedankengänge der Protagonisten stets unklar: Grünbaum reagiert unberechenbar, mal eher einer Komödie, mal einem Drama entsprechend. Auch Hitlers Darstellung wirft Fragen auf: Wieso wird seine Kindheit mehrmals und dazu noch entschuldigend für sein Handeln angeführt? Der Dramatiker Rolf Hochhuth beklagte, es sei „unerklärlich, wie ein Mann, der selbst Jude ist, so eine Geschichtsverklärung betreiben kann.“ Die Aussage unterstreicht die unklare Genrelage des Films. Von der halbherzig vorgetragenen Handlung gelangweilt, könnte man dazu übergehen, dem Alkoholvorrat in „Chaplins“ Weltkugel oder Himmlers gebrochenem rechten Arm künstlich Symbolkraft zu verleihen. Vermutlich Zeitverschwendung. Viel eher wäre interessant, ob es ein Bedürfnis ist, die dargestellte Person Hitler zu demütigen. Hitler wird in „Mein Führer“ von seinem Schäferhund bestiegen, durch sein Büro geschleift und fehlender Potenz bezichtigt. Immerhin hat Levy darauf eine klare Antwort gegeben: "In meinem Film bin ich Gott und stehe über Hitler". Er wollte wohl filmisch über Hitler richten. Die verhaltene Reaktion des Publikums zeigt allerdings, dass es nicht mehr gesellschaftlich relevant scheint, Hitler bloßzustellen. Die letzten Worte des Films geben dann doch noch endlich Auskunft über das Motiv des Films: „Man stellt ihn [Hitler] dar, weil wir verstehen wollen, was wir nie verstehen werden.“
Während man sich über den Abspann freut, möchte man am liebsten noch einige wenige Worte hinzufügen: Einsicht ist der erste Weg zur Besserung.
Von Dennis Bellof |