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Das Märchen vom Lauschangriff

Hauptdarsteller Ulrich Mühe in einer Filmszene
Ulrich Mühe spielt den Stasi-Hauptmann Gerd Wiesler. (Copyright: Wiedemann & Berg Filmproduktion)
Wie ein von einer Sonate verzauberter Spitzel mit Hilfe von Brecht und einer volkseigenen Prostituierten zum heimlichen Retter der Abgehörten wird.

 

 

Ernst und eindringlich sollte das Erstlingswerk des jungen Westdeutschen Florian Henkel von Donnersmarck werden. Keine weitere Gute-Nacht-Geschichte aus der Zone, die mit DDR-Artefakten um sich wirft und auf Sentimentalität zielt. Von der ersten Minute an drängt sich dem Zuschauer die Paranoia auf, die noch die engsten Beziehungen der Figuren vergiftet. Sie sind einem rasenden Verfolgungssapparat zur Gänze ausgeliefert. Jedes Wort kann mitgehört, jeder Schritt protokolliert werden.


Das Leben der Anderen spielt im Universum von halb-dissidenter Ost-Berliner Theaterszene und DDR-Staatssicherheit des Jahres 1984. Der Dramaturg Dreyman ist eigentlich ein Konformist, ein überzeugter Sozialist, ein Schwärmer, der stolz verkündet, sich aus den Fesseln des Bürgertums eigenhändig befreit zu haben. Nachdem sich sein alter Freund - an zehn Jahren Berufsverbot verzweifelt - das Leben nimmt und seine Geliebte Christa-Maria den sexuellen Erpressungen eines Ministers nachgibt, wird der Künstler aber doch noch zum Ankläger der Missstände.

 

Sein Gegenpart, Stasi-Hauptmann Gerd Wiesler, ist die prototypische Kreatur einer staatlichen Agentur für Gesinnungsschnüffelei. Seine Mission, das Aufspüren und Bekämpfen von Volksfeinden, begreift er als Dienst am Größeren und erledigt sie genauso selbst- wie leidenschaftslos. „Arrogante Typen“ wie Dreymann sind ihm ohnehin verdächtig. Im Dachboden über Dreymans Wohnung hockt er nun vor seinen Apparaten und verzeichnet eifrig jedes Geräusch aus der verwanzten Wohnung. Parallelmontagen zwischen dem Dachboden und dem Geschehen in der Wohnung machen den zentralen Konflikt des Films noch eindringlicher. Mit der Antithese seines eigenen Lebens konfrontiert, wandelt sich der Schnüffler zum heimlichen Schutzengel des Abgehörten. Er verschleiert dessen Vorhaben, mit Hilfe eines Spiegel Reporters eine regimekritische Schrift zu veröffentlichen. Der Stasi-Hauptmann wird gar zum tragischen Helden, als er später die Schreibmaschine, den Beweis für Dreymans Urheberschaft, fortschafft.

 

Henkel von Donnersmarcks Regie-Debüt zeigt den DDR-Alltag als Ringen zwischen Verfolgern und Verfolgten. In den menschenleeren Straßen und Lokalen, den grauen Häuserfassaden, den Gesichtern erkennt man eine Gesellschaft in Agonie. Zuweilen nimmt der Film bei diesem Unternehmen pädagogische Züge an. Alles will er genau erklären und überzeichnet dabei. Nur die Wandlung Wieslers bleibt reichlich unbestimmt und ungefähr. Ist die Schönheit von Musik und Literatur Auslöser für diesen sonderbaren Fall von "Menschwerdung"? Oder weckt die Beziehung von Dreyman zu Christa-Maria in Wiesler eigene Sehnsüchte? Im Film kommt Dreyman schließlich davon, allein Wiesler wird degradiert. Während er im Keller der MfS-Zentrale die Briefe Fremder „aufdampft“, erfährt er vom Fall der Mauer. Die DDR geht sang- und klanglos unter. Das Ende ist aber einem äußerst ärgerlichen Harmoniebedürfnis geschuldet. Nachdem Dreyman erfährt, wie ihn ausgerechnet ein Mann von der Stasi rettete, widmet er diesem sein neues Buch. Somit adelt der Verfolgte selbst den Verfolger zum guten Menschen.

 

Von Marc-Sebastian Fiege

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Redaktion
13.06.2010 17:01
 

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