Krieg ist die Hölle
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„Hier wird nicht gelacht, hier wird nicht geweint!“ schreit der Drillausbilder Hartman dem Zuschauer entgegen. Seine Truppe will er zu harten Killern machen, emotionslos, kalt, männlich. Was für die Rekruten gilt, gilt auch für die Filmzuschauer. Weder traurig noch zum Lachen ist der Vietnamkriegsfilm „Full Metal Jacket“, in dem Starregisseur Stanley Kubrick den „Krieg in seiner wirklichen Form“ zeigen wollte. Mitleid haben kann man nur mit dem kindlichen und leicht trottelhaften Private Paula, den der Ausbilder Hartman schindet, bis er schließlich zum psychopathischen Irren wird, der erst Hartman und dann sich selbst tötet. In der harten Männerwelt der Marines war einfach kein Platz für solch ein „Kind“.
Nach seiner Verfilmung des Stephen King Romans The Shining nahm sich Kubrick den Vietnamkrieg vor. In Full Metal Jacket schickt er den Hauptdarsteller „Joker“ erst durch die harte Grundausbildung der US-Marines und dann in das Chaos des Vietnamkrieges. Ein Jahr nachdem Regisseur Oliver Stone seine Vietnamerlebnisse in dem Film Platoon verarbeitete, insbesondere wie er im Krieg zum Manne wurde, zeichnet Kubrick ein ganz anderes Bild vom Leben und Sterben der amerikanischen Soldaten. Statt im exotischen Dschungel kämpfen die Marines der „Lusthog Squad“ in der zerstörten Großstadt Hue, die während der Tet-Offensive vom Vietcong überrannt wurde.
In der Geteiltheit des Filmes verdeutlicht Kubrick die krassen Gegensätze des Militärs. In der Grundausbildung steht der Drill über allem. Die Männer sollen wie Maschinen funktionieren. Gefühle und Emotionen sind fehl am Platz. Gehorchen ist die oberste Maxime, den Feind zu töten ist das Allerwichtigste. Wer der Feind ist, demonstriert in Vietnam ein MG-Schütze vom Helikopter aus. Ohne zu überlegen schießt er auf jeden Menschen, der ihm vor den Gewehrlauf kommt, egal ob Mann, Frau oder Kind. Jeder ist der Feind. Als die Soldaten komplett in die Wirren des Krieges eintauchen, müssen sie einsehen, dass alle Ausbildung umsonst war. In der grauen Schuttwüste der Stadt Hue verirren sich die Marines vollends und einer nach dem anderen verliert die Orientierung und schließlich sein Leben.
Als Grund für das amerikanische Scheitern in Vietnam hat Kubrick die Verrohung der Soldaten und die Medien ausgemacht, die ein Bild vom Krieg zeigten, dass es in der Realität nicht gab. Zynisch greift der Regisseur dabei die Bilder von Fernsehinterviews auf und zeigt, wie sie seiner Meinung nach entstanden sind. Zynisch auch sein Kommentar zu früheren Vietnamkriegsfilmen, die des Öfteren als „Western im Reisfeld“ beschrieben werden. So ist es auch nicht verwunderlich, wenn Joker mehrmals auf John Wayne anspielt und sein Interview vor einem Kino gibt, während die Plakate im Hintergrund einen Western anpreisen. Identifizieren kann sich wahrscheinlich niemand mit dem Hauptcharakter, der mit Friedenssymbol an der Brust und dem Schriftzug „Born to kill“ auf dem Stahlhelm den Vietnamkrieg dokumentiert. Einerseits humanistisch, andererseits der, der am härtesten auf seinen Mitrekruten eindrischt und mit kalten Blick den "Gnadenschuss" für eine am Boden liegende Vietcongkämpferin ansetzt.
Kubrick inszeniert in seinem Film den Vietnamkrieg, wie man ihn vorher noch nicht im Kino gesehen hat. Weitab von heldenhaften Dschungel- und Helikopterkämpfen zeigt Kubrick die Soldaten, triebgesteuert wie Tiere und ohne Individualität. So kämpfen die Männer auch nicht aus irgendwelchen Überzeugungen. Am Ende der Schlacht steht das Vergnügen mit den an die Front gelieferten Prostituierten. Das Ziel ist nicht der Frieden für Vietnam oder das Erreichen eines höheren Zieles, sondern der große „Heimkehrfick“ am Ende der Dienstzeit.
Und so gibt es am Ende des Films auch keine Erlösung, keine tiefere Erkenntnis. Die Marines marschieren mit der Waffe im Anschlag und singend durch das Trümmerfeld, das durch die allgegenwärtigen Höllenfeuer hell erleuchtet ist.
Von Florian Theis |