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„Im Haus des Henkers wurde vom Strick gesprochen wie nie zuvor“

Szene aus Holocaust: Die Familie Weiß
Protagonisten von "Holocaust" sind die Mitglieder der jüdischen Familie Weiß. (Copyright: Polyband Medien)
US-Melodram „Holocaust“ bringt den Massenmord an den Juden direkt in deutsche Wohnzimmer

 

 

Die letzte Januarwoche 1979. Die Leitungen der WDR-Sendung „Anruf erwünscht“ glühen. Die
30-jährige Telefonistin Kerstin Peters kommt kaum zur Ruhe. 30.000 Anrufer melden sich zu Wort. Verfolgte, Lagerinsassen, ehemalige Soldaten, Zeitzeugen, aber auch junge Menschen, die diese Zeit selbst nicht miterlebt haben, lassen ihren Gefühlen freien Lauf. Die Anrufer, sie schluchzen, brechen in Tränen aus, stellen Fragen, berichten Erlebnisse, sind beschämt, entsetzt und verzweifelt. Kerstin Peters berührt das zutiefst: „Viele weinen. Und das Weinen kann man nicht protokollieren.“ Der Grund für diesen spontanen, unerwarteten Ansturm auf die Telefonleitungen des WDR-Studios: Marvin Chomskys Vierteiler „Holocaust“.
Es bedurfte anscheinend des Beispiels der Familie Weiß, um die deutsche Fernsehnation dort zu treffen, wo sie getroffen werden musste: in ihrem Gefühl.

 

Der Leidensweg der einzelnen Familienmitglieder zeigt das individuelle Drama hinter dem Massenmord. Macht das Unfassbare fassbar. Diese bürgerliche, fest in Deutschland verwurzelte jüdische Familie durchlebt die zentralen Stationen des nationalsozialistischen Vernichtungsapparats: die Reichspogromnacht, die Euthanasie-Anstalt Hadamar, das Warschauer Ghetto, Babi Yar, Theresienstadt und Buchenwald, den Widerstand in Partisanengruppen sowie die Vernichtungslager Sobibor und Auschwitz. Nur einer von ihnen überlebt die NS-Ausrottungs-Politik. Ihr Schicksal bringt die Geschichte der Ermordung der Juden direkt in die deutschen Wohnzimmer und lüftet den anonymen Schleier von sechs Millionen Opfern. Der SS-Mann Erik Dorf bildet dabei ihren direkten Gegenspieler, die Täterseite: Gezwungen von seiner ehrgeizigen Frau tritt der unsicher und schwächlich wirkende, arbeitslose, politisch desinteressierte Jurist aus rein finanziellen Gründen der SS bei und avanciert Dank seines sprachlichen Geschicks schnell zur rechten Hand Heydrichs. Er verkörpert den bürokratischen Zweig des Massenmordes in den Tötungsfabriken. Der NS-Funktionär treibt mit dem Genozid vom Novemberprogrom bis zu den Gaskammern kühl und nahezu teilnahmslos seine eigene Karriere voran.

 

Die Besonderheit der Serie ist, dass beide Familiengeschichten nicht real sind. In dem Vierteiler verschmelzen Fakten und Fiktion. Nur einige Figuren, wie Dorf, besitzen wahre Vorbilder. Immer wieder kreuzen sich die Wege fiktionaler und historischer Personen, wie Höß oder Heydrich, erzählen Geschichte anhand von Geschichten, geben dem Abstrakten ein Gesicht, machen das Geschehen sinnlich erlebbar, erlauben eine Identifikation. Das Ziel der Produzenten: Ein möglichst lukrativer Verkaufsartikel. Doch gerade diese personalisierende Machart, die auf ein Massenpublikum, dessen Gefühle und kommerziellen Erfolg abzielt, stößt in der BRD auf Kritik. Noch vor dem deutschen Sendetermin wird die kommerzielle US-Familienserie zum Politikum. Der WDR gerät für ihren Ankauf ins Kreuzfeuer. Die oft gebrauchte Parole vom „Rotfunk“ erklingt von konservativer Seite; die Serie vermittle schlichtweg die falschen Werte. Aber die Bundesrepublik kann als „Nation der Täter“ das Produkt nicht einfach ignorieren, denn das Ausland richtet die Augen auf sie, erwartet ihre Reaktion. Holocaust wird zum Prüfstein für Deutschland.

 

Journalisten, Intellektuelle, Filmemacher, Politiker und die Vertreter der öffentlich-rechtlichen Sender stehen dem Doku-Drama sehr skeptisch und abwartend, eher ablehnend gegenüber. Selbst innerhalb des WDR herrschen Zweifel: Das größte Verbrechen aller Zeiten, leicht verdaulich verpackt im Dallas-Gewand als lukrativer Verkaufsartikel, Hollywoodkitsch und kurzes emotionales „Strohfeuer“? Oder die kraftvollste Fernsehproduktion, die je gemacht wurde, deren höhere Wahrheit alle historischen Fehler im Film entschuldigt? Wie würde die Nation sie aufnehmen? Gerade die Leistung aufklären und belehren zu können, sprechen der Serie viele Kritiker ab. Dies sei nur auf dem dokumentarischen Weg möglich. Er allein galt als seriös und authentisch. Die Gräueltaten der Endlösung in einer profitorientierten, fiktionalen Unterhaltungssendung darzustellen, scheint ihnen unmöglich und dem historischen Ereignis und vor allem seinen Opfern gegenüber unangemessen. Eine mediale Wiedergabe des Genozids in seiner Einzigartigkeit ist grundsätzlich umstritten. Außerdem wird kritisiert, dass eine ausländische Filmproduktion über den Holocaust den Deutschen ihre Geschichte entreißen würde. Eine eigene Produktion zu diesem Thema, so die Kommentare, treffe die Wahrheit besser. Folglich ist die Erstausstrahlung des amerikanischen "Rührkuchens" im Januar 1979 in einen pädagogischen Rahmen deutscher Filmergänzungen eingefasst, bestehend aus der WDR-Produktion Aus einem deutschen Leben, Paul Karulus Dokumentation Endlösung sowie einigen Diskussionsrunden.

 

Die zentrale Botschaft des Vierteilers: nicht die Augen schließen und schweigen, sondern nach der eigenen Schuld und Verantwortung fragen. Und dies nehmen sich zahlreiche Deutsche zu Herzen. Ein Bann scheint gebrochen. Fast jeder zweite Bundesbürger hat einen Teil des Doku-Dramas gesehen, Brief- und Anrufwellen überschwemmen den WDR. Die Serie beherrscht Familien, Firmen, Schulen und die Schlagzeilen. Generationen kommen ins Gespräch, Menschen treffen sich in Gruppen, sehen und diskutieren die Serie gemeinsam. Gefühle schwappen hoch, Fragen kommen auf, Zeitzeugen melden sich zu Wort. Universitäten, Schulen, aber auch Firmen richten eigens Seminare zu diesem Thema ein. Die Bundeszentrale für politische Bildung und die Landeszentrale Nordrhein-Westfalen können die Anfragen nach Informationsmaterial kaum bewältigen. Selbst Journalisten, wie Henri Nannen und Rudolf Augstein, bekennen sich zu ihrer Vergangenheit. Auch vier Wochen nach Sendetermin steht Holocaust noch ganz oben auf der Agenda der Deutschen. Der Serientitel setzt sich weltweit als Bezeichnung für die Judenvernichtung durch. Doch auch für künftige Filme zu diesem Thema bildet Holocaust eine Marke. Einige sehen sich als direkte Gegenprodukte, viele erzählen wie der Vierteiler Geschichte anhand kleiner, persönlicher Geschichten, jedoch auf eine „deutsche“ Art.

 

Holocaust gelang, was bisher noch keinem Film geglückt war: Er machte den Massenmord an den Juden greifbar, berührte und erleichterte auf diese Weise möglicherweise einer ganzen Nation das Sprechen über dieses Tabuthema. So schrieb auch der SPIEGEL nach der Erstausstrahlung: "Eine amerikanische Fernsehserie von trivialer Machart schaffte, was[...]in drei Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte nicht gelungen war: die Deutschen über die in ihrem Namen begangenen Verbrechen an den Juden so ins Bild zu setzen, daß Millionen erschüttert wurden. Im Haus des Henkers wurde vom Strick gesprochen wie nie zuvor, "Holocaust" wurde zum Thema der Nation." Allen Kritikern zum Trotz fand der Vierteiler einen Weg, den Holocaust darzustellen, auch ohne den Betrachter in die Gaskammern blicken zu lassen, und zog hier eine moralische und ethische Grenze. Dabei zeichnete er ein sehr breites Bild der Massenvernichtung und die einzelnen Stationen der Geschichte einer jüdischen Familie und der SS. Er zeigte oftmals vieles, was die breite Öffentlichkeit kaum kannte: etwa den Tod auf freiem Feld, Euthanasie oder aktiven jüdischen Widerstand. Das alles entschuldigt das Fehlen von Knöpfen und falsche Abzeichen. Das sehr vielschichtige, versöhnliche Deutschenbild, das der Film zeichnet, erstaunt: Täter, Mitläufer, aber auch Hilfe, Zweifel und die Einsicht, nicht schweigen zu dürfen. Das Handeln der damaligen Gesellschaft erklärt die Serie eher mit den zeitlichen Umständen, nicht mit der NS-Ideologie. Unter anderen Gegebenheiten hätten sie sich nicht so verhalten. Damit lädt er ein, sich auch mit den deutschen Charakteren zu identifizieren und versöhnen. Sicherlich ein weiterer Grund für den breiten Anklang des Vierteilers in der BRD.

 

Doch auch heute hat das US-Drama keinesfalls an Reiz verloren: Zeitzeugen nehmen zunehmend ab. Somit kommt Filmen sowie den Medien insgesamt immer mehr die Verantwortung zu erinnern zu. Holocaust schafft es, anhand zweier gegensätzlicher Familiengeschichten den heutigen Zuschauern eine Ahnung von der NS-Zeit zu vermitteln und die unfassbare Dimension des Massenmordes an den Juden greifbar zu machen.

 

Von Patricia Lanois

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Redaktion
17.04.2010 19:42
 

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