Der falsche Film zur falschen Zeit
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Die Reaktionen auf "Im Westen nichts Neues" in der späten Weimarer Republik
Als 1930 nach einem zunächst erfolgreichen Bestehen der Filmprüfstelle der Film Im Westen nichts Neues in die deutschen Kinos kam, war er in dem sich neu entwickelten Genres des Kriegsfilms – oder wie es später hieß, des Anti-Kriegsfilms – nicht alleine. Bereits zu Beginn des Jahres hatte sich die deutsche Filmproduktion Westfront 1918 in Deutschland und im Ausland zum Kassenschlager entwickelt. Obwohl beide Filme sich thematisch sehr nahe standen, war ihre Wirkung extrem unterschiedlich.
Von Anfang an stand der realistische und alles andere als kriegsverherrlichende Film in der Kritik der Nationalsozialisten, nicht zuletzt wegen seiner "Produktionsherkunft" und den "ausländischen Einflüssen". Vor allem der damalige Berliner Gauleiter und spätere Reichspropagandaminister Goebbels engagierte sich bei der Boykottierung des Films mit Stinkbomben, weißen Mäusen und Terror vor und in den Kinosälen. Obwohl nach Artikel 118 Absatz 2 der Weimarer Reichsverfassung seit 1920 die staatliche Zensur rechtlich geregelt wurde, nahmen die massiven und teils gewalttätigen Demonstrationen der Nationalsozialisten Einfluss auf die Entscheidung der Zensurstelle: Nach einem gut siebentägigen Boykott wurde am 11. Dezember 1930 aus Gründen der inneren Sicherheit Im Westen nichts Neues zunächst komplett verboten. Erst nach einer Novellierung des Lichtspielgesetzes – der sogenannten Lex Remarque – wurde eine Teilzulassung am 31. März 1931 ausgesprochen. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten Anfang 1933 wurde der Film dann aber wieder verboten.
Von Beginn an war Im Westen nichts Neues ein Politikum. Vor allem die erstarkten Nationalsozialisten kritisierten den nach der gleichnamigen Romanvorlage von Erich Maria Remarque produzierten Film in mehreren Punkten: Zum einen sahen sie das deutsche Militär von den US-Amerikanern diffamiert und das deutsche Ansehen geschädigt, da falsche Stereotypen deutscher Soldaten erzeugt würden. Zum anderen missbilligten sie die Beteiligung des "Filmjuden" Carl Laemmle (Produzent), den sie beschuldigten, während des Ersten Weltkriegs für "antideutsche Gräuelpropaganda" zuständig gewesen zu sein.
Anfangs bäumte sich die geschwächte Republik auf gegen den "Kinoterror" der Nationalsozialisten und ihrer Anhänger und ermöglichte Filmaufführungen durch Polizeischutz. Doch nach wenigen Tagen beugte man sich dem Druck der Straße, anstatt sich nach dem geltenen Zensurrecht zu richten. Diese Entscheidung hatte zu diesem Zeitpunkt eine politische Symbolkraft: Sie bedeutete die Kapitulation vor der NS-Bewegung und war ein erstes Indiz für die langsame Machtergreifung. Die Nazis instrumentalisierten den Film für ihre Zwecke, indem sie erfolgreich polit-gesellschaftlich gegen die Republik agierten.
Das Verbotsverfahren von Im Westen nichts Neues gilt als einmalig in der deutschen Zensurgeschichte. Gelegentlich wird in der Geschichts- und Filmwissenschaft vom "falschen Film zur falschen Zeit" gesprochen und so könnte tatsächlich die treffende Bezeichnung des Films und der Ereignisse um ihn lauten. Denn realistisch gesehen, behandelte der Film die gleichen Thematiken wie Westfront 1918. Motive wie die Sinnlosigkeit des Krieges oder die Gleichgültigkeit gegenüber dem Tod, mit der völligen Entfremdung eines menschlichen Individuums, werden in beiden Filmen verarbeitet. Die Dolchstoßlegende, die vom im Felde unbesiegten Militär sprach und die gebrochene Heimatfront für die im Versailler Friedensvertrag endende Niederlage verantwortlich machte, wurde gesellschaftlich thematisiert und musste auch Gegenstand des Films werden – die Frage nach der Kriegsschuld ist in beiden Filmen allgegenwärtig. Die Widersprüchlichkeit der Charaktere bleibt unaufgelöst. Die Fraternisierung mit der französischen Bevölkerung wird dargestellt. Heimat und Front entfremden sich zusehends voneinander. Es findet ein deutlicher Bruch mit dem ideologisierten Heldentum statt. Kriegseuphorie, Kriegsbessenheit, ja sogar die Kriegsträume werden aufgebrochen.
All diese Motive spielen sowohl in Westfront 1918 als auch in Im Westen nichts Neues eine Rolle, und doch hätte die Wirkung beider Filme unterschiedlicher nicht können: Westfront 1918 wurde erst mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten verboten, Im Westen nichts Neues konnte bereits 1930 kaum mehr öffentlich gesehen werden. Kurz nach dem Verbot in Deutschland pilgerten interessierte Deutsche sogar nach Österreich, um den Film dort zu sehen, bevor er auch in Österreich verboten wurde. Obwohl sich die republikanischen und demokratischen Kräfte anfangs gegen ein Verbot stemmten und mit dem "Lex Remarque" einen kleinen Teilerfolg erzielten, wurde der Film Im Westen nichts Neues zum Politikum und zeigte die schleichende Machtergreifung der NS-Bewegung, weil sie sich erfolgreich gegen die republikanischen Kräfte durchsetzte. Es scheint tatsächlich so, als sei es "der falsche Film zur falschen Zeit" gewesen.
Von Björn Klein |