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Nackt unter Mythen

Filmszene aus Nackt unter Wölfen
(Copyright: DEFA Studio)
Frank Beyers "Nackt unter Wölfen" und die Geschichtsumdeutung der DDR



„In einem Land, in dem ein Lied gesungen wird, das mit den Worten beginnt: 'Die Partei, die Partei, die hat immer recht ...‘, ist man für einen Roman dankbar, der eine Aktion rühmt, die möglich wurde, weil sich ein Genosse der Partei widersetzt hat.“ Darauf führte Marcel Reich-Ranicki den Erfolg von Bruno Apitz’ Roman "Nackt unter Wölfen" – immerhin über drei Millionen mal verkauft – zurück.

 

Die DEFA-Verfilmung von Nackt unter Wölfen von 1963 handelt von einem jüdischen Kind, das von einer kommunistischen Geheimorganisation im Konzentrationslager Buchenwald vor der SS versteckt wird. Die Romanvorlage von Bruno Apitz, selber acht Jahre in Buchenwald inhaftiert, basiert auf der wahren Geschichte des als „Buchenwaldkind“ bekannt gewordenen Stefan Jerzy Zweig. Buch und Film waren absolute Bestseller in der DDR, übersetzt in viele Sprachen, Pflichtlektüre in der Schule, ständig wiederholt im Fernsehen. Aber im Westen kennt Nackt unter Wölfen dennoch kaum jemand.

 

„Im Westen hat man erst an die Gaskammern und Verbrennungsöfen geglaubt nach der amerikanischen Fernsehserie Holocaust. Von der Verfilmung des Romans von Bruno Apitz Nackt unter Wölfen wußte man da wenig“, behauptet der ostdeutsche Schauspieler Ulrich Teschner. Selbst wenn er damit Recht haben sollte – durch Nackt unter Wölfen hätte man über Gaskammern und Verbrennungsöfen ähnlich viel erfahren wie über Indianer in Karl Mays Winnetou. Denn obwohl der Film im Konzentrationslager Buchenwald spielt, klammert er den Holocaust und das Leiden der jüdischen Bevölkerung fast vollkommen aus. Die Worte "Jude" oder "jüdisch" fallen nicht einmal, alle Häftlinge sind durchweg überzeugte Kommunisten. Der Film verbiegt die historische Wahrheit so, dass er in die Parteilinie der Sozialisten passt. Das ist prinzipiell nichts Schlimmes; ein Film darf sich selbstverständlich künstlerische Freiheiten herausnehmen. Allerdings nicht, wenn er sich selber als authentisch inszeniert, sei es in Aussagen von Beteiligten, Kulturschaffenden oder Werbekampagnen. Ein KZ-Film, der problematische Themen wie Judenvernichtung, Opfertausch, Absprachen mit der SS und fragwürdiges Verhalten der KP-Kapos herunterspielt oder gar nicht erst anspricht, darf sich nicht authentisch nennen. Das Dritte Reich als großen Leidensweg der Kommunisten darzustellen, ohne zu erwähnen, dass neben politischen Gegnern auch Juden, Homosexuelle und Sinti und Roma millionenfach verhaftet und vernichtet wurden, ist eine Relativierung des Holocaust.

 

In der Endsequenz, bei der sich die Genossen gegen die SS-Schergen auflehnen und damit das Lager aus eigener Kraft befreien, kommt eine Beteiligung der amerikanischen Armee, ohne die die Befreiung Buchenwalds jedoch nicht möglich gewesen wäre, einfach nicht vor. Bruno Apitz, der auch das Drehbuch für den Film schrieb, rechtfertigt: „Ich habe nichts geschrieben, was nicht historisch möglich gewesen wäre“, und auch Regisseur Frank Beyer meint in der Rückschau, einige Szenen seien „ein wenig überhöht“, aber ihn habe auch nicht interessiert, ob das der Realität entsprach. Der authentische Film muss der sozialistischen Logik nach also nicht der Realität entsprechen. Im Vordergrund steht die Vereinbarkeit von Parteidisziplin und Humanität.

 

Eine solche antifaschistische, identitätsstiftende Botschaft brauchte die DDR natürlich kurz nach dem Mauerbau, pardon, dem Bau des antifaschistischen Schutzwalls. Dem Film nach hat sich der deutsche Sozialismus schließlich aus eigener Kraft vom Faschismus befreien können, dafür waren weder US-amerikanische noch russische Armeen nötig. Dass die Häftlinge im Film der SS organisatorisch, kämpferisch und überhaupt in allem überlegen sind, passt natürlich in das Motiv der DEFA der 60er Jahre. Widerstandskämpfer sollten nicht leidend, sondern mutig und siegessicher gezeigt werden. Wer die aus Buchenwald überlieferten Bilder von Leichenbergen und zu Skeletten abgemagerten Überlebenden kennt, weiß, dass „diese Szenen sich nicht sehr mit den vorhandenen Dokumenten decken“, wie ein polnischer Journalist nach Ansehen des Films 1963 enttäuscht feststellte.

 

Dass der Film trotz allem sehenswert ist, liegt an den starken Schauspielern wie Armin Müller-Stahl und Erwin Geschonneck sowie der packenden Story um ein Kind im KZ. Man darf ihn nur nicht als authentische Dokumentation über die letzten Tage von Buchenwald sehen, sondern im Kontext seiner Entstehung, des Antifaschismus-Begriffs in der DDR, des Mauerbaus und der moralischen Grundlage der sozialistischen Republik. Die Verklärung des kommunistischen Widerstands in der NS-Zeit ist typisch für die Mythenbildung in der DDR. Dies muss man immer im Hinterkopf behalten, wenn man sich Nackt unter Wölfen anschaut.


Von Sebastian Kircher

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Redaktion
15.05.2010 19:47
 

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