Saving Private Ryan: Nur zu fünfzehn Prozent ein Meisterwerk
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Gut zehn Jahre ist es her, dass Steven Spielberg mit Saving Private Ryan einen Meilenstein im Kriegsfilmgenre setzte. Spielberg gab sich überrascht von dem durchgreifenden Erfolg, hatte er doch angeblich gar nicht damit gerechnet. Er selbst habe nur den Veteranen Ehre erweisen wollen. Damit traf Spielberg zugleich aber genau den Nerv der Zeit. Denn Saving Private Ryan entstand in einer Zeit, die beseelt war von Begeisterung und Interesse über den Zweiten Weltkrieg.
Dem 50. Jahrestag der Landung in der Normandie 1994 ging eine Welle von populärwissenschaftlichen Büchern und Dokumentationen voraus, der ein Filmboom folgte. Ihren Anfangspunkt stellt Saving Private Ryan dar. Nun erklommen die alten „Helden“ aus dem „Best War“ wieder die Leinwand und brachten dem Zuschauer den Krieg nahe. Er bekam das zu sehen, was er in der nüchternen Fernsehberichterstattung über aktuelle Kriege und Konflikte - sei es der Golfkrieg, Somalia oder der Kosovo - vermisst hatte: Kugelhagel, den realen Kampf Mann gegen Mann, aufgeplatzte Leiber, abgerissene Arme und Beine, sterbende Soldaten, die teilweise Gott oder ihre Mutter um Beistand anrufen. Nichts wurde und wird so symptomatisch zur realistischen Darstellung für die Schrecken des Krieges erklärt wie die anfängliche Schlachtsequenz in Spielbergs Film. Eine dramaturgisch bewundernswert inszenierte und detailgenaue Darstellung der Invasion der Alliierten in der Normandie, von der man versucht ist zu glauben, dass es tatsächlich so gewesen sein könnte. Dementsprechend überschlug sich die Presse: „Eine der beeindruckendsten Schlachtszenen, die je gedreht worden ist“ - „Brillant und kühn“ - „Einzigartig in der Geschichte der Kriegsdarstellungen überhaupt“, um nur eine kleine Auswahl von damaligen Kommentaren zu zitieren.
Der Film wurde zu einem wahren Medienereignis, zentriert auf dieses anfängliche Schlachtszenario. Und so lang sich die Rezeption darüber hinzieht, so schnell ist dagegen die Handlung des Filmes erzählt: Captain John Miller, gespielt von Hollywoodstar Tom Hanks, landet mit seiner Einheit am 6. Juni 1944 am Omaha Beach. Kaum hat er die Invasion überstanden, erhält er einen neuen Auftrag: Miller soll zusammen mit einem achtköpfigen Spezialtrupp den in der Normandie verschollenen Private James Ryan finden und ihn in Sicherheit bringen. Alle drei Brüder von James Ryan sind bereits im Zweiten Weltkrieg gefallen, der letzte gerade am Omaha-Beach. Damit nicht noch der vierte Sohn der Familie „auf dem Altar der Freiheit geopfert“ wird, gibt höchst fiktiv der allzu menschliche General George Marshall persönlich den Befehl zu der rührseligen Rettung, die sich jedoch für die Soldaten der Einheit selber zum Himmelfahrtskommando entwickelt. In einem kleinen Normandiestädtchen spürt Millers Einheit schließlich den gesuchten James Ryan, gespielt von einem noch pausbäckigen Matt Damon, auf. Dort kommt es dann zum finalen Showdown mit deutschen SS-Truppen. So „realistisch“ die Schlachtszene wirkt, so banal und überkonstruierter erscheint die Handlung. Ausgeklügelte Spezialeffekte, brutale Gewaltszenen und eine Handkamera mitten im Geschehen machen noch keinen guten Film aus. Spezialeffekte top, Geschichte ein Flop. So erscheint es wenig erstaunlich, dass Saving Private Ryan auf die Omaha-Beach Sequenz reduziert wurde.
Reduzierungen sind normalerweise negativ. Sie marginalisieren Sachverhalte und werden dem Thema meist nicht gerecht. Nicht so bei Saving Private Ryan. Gerade die Reduzierung auf die Invasion in der Normandie brachte dem Film seine Publizität ein, erklärte ihn zum Meisterwerk und bescherten ihm fünf Oscars (Beste Regie, Ton, Kamera, Schnitt und Toneffektschnitt), die sich nahezu allein auf die erste Szene zurückführen lassen. Fünfundzwanzig Minuten dauert die Schlachtsequenz, das macht bei gut zwei Stunden und vierzig Minuten Filmlänge einen Anteil von fünfzehn Prozent aus. Somit ist Saving Private Ryan eben nur zu fünfzehn Prozent ein Meisterwerk.
Von Ragna Ruhaas |