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Der Technokrat und sein Verführer?

Filmszene aus "Speer und Er"
Albert Speer (Sebastian Koch, r.) präsentiert Hitler (Tobias Moretti) das Modell der "Großen Halle" in der geplanten Welthauptstadt "Germania". (Quelle: WDR/Stefan Falke)

Heinrich Breloers Dokudrama „Speer und Er“ (2005) brachte nicht die versprochene Kehrtwende in der Sicht auf Hitlers Architekten und Rüstungsminister, sondern vor allem solide Unterhaltung.

Als einen „Engel, der aus der Hölle kam“ bezeichnete der Verleger Wolf Jobst Siedler einmal Albert Speer – ein Mann, der sich im Nachkriegsdeutschland vielen als Identifikationsfigur anbot. Brav bekannte er sich beim Nürnberger Kriegsverbrecherprozess zu einer gewissen Mitverantwortung am NS-Unheil und setzte sich damit effektvoll von den Mitangeklagten ab: Deren dreistes Leugnen und halsstarrige Rechtfertigungen überzeugten keinen. Von den grausigen Details, vom ganzen Umfang der Verbrechen wollte er jedoch im Einzelnen nichts gewusst haben. Speer entkam so dem Galgen und verbreitete später die Geschichte vom „Gentleman-Nazi“ in hunderttausendfach verkauften Erinnerungen. Wenn er nichts wusste, wie hätte ich etwas wissen können, schienen sich viele zu sagen.

 

„Ein realistisches Speer-Bild zu entwickeln“, die Lügen zu enttarnen, war Breloers Ziel bei der Entwicklung seines Mehrteilers. Der erste Teil handelt von Speers Aufstieg im NS-Staat, der zweite von der Kriegszeit und dem Nürnberger Prozess. Der dritte Teil schildert Speers zwanzigjährige Haftstrafe. Eine Zusatzfolge, die stärker von ‚Doku‘ als von ‚Drama‘ geprägt ist, beschäftigt sich dann detaillierter mit Speers raffinierter Selbstdarstellung.

 

Reichlich Vorschusslorbeeren lieferte schon lange vor der Erstausstrahlung und den überwiegend positiven Kritiken der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher: Er lud ein, „einen Film zu sehen, der unser Geschichtsbild in wesentlichen Teilen verändern wird“. Das ist nun vielleicht doch übertrieben. Speers Mitverantwortung an der „Vernichtung durch Arbeit“ und sein billigendes Wissen um Auschwitz gelten zumindest unter den meisten Historikern seit Längerem als erwiesen.

 

Vom fraglichen Neuigkeitswert einmal abgesehen: Ja, der Film handelt auch von Speers Schuld, wirklich eindeutig wird er dabei in den drei ersten Teilen jedoch nicht. Eine Schlüsselszene, die mehrfach als albtraumhafter Flashback wiederkehrt, zeigt Speers Schock, als er in dem unterirdischen Rüstungswerk Dora-Mittelbau mit den Lebensbedingungen der Sklavenarbeiter konfrontiert wird. Konnte er davon überrascht sein? Gilt sein Entsetzen der eigenen Schuld oder der plötzlich erkannten Grausamkeit des Regimes? Das wird nicht klar. Dokumente, die Speer mit der „Entjudung“ Berlins oder dem Ausbau von Auschwitz in Verbindung bringen, kommen am Rande vor, ohne dass seine führende Rolle dabei weiter gezeigt wird.

 

Ein zentrales Thema ist vor allem die streckenweise geradezu erotisch aufgeladene Beziehung zwischen Speer und Hitler. Der Möchtegern-Architekt Hitler wird zum Gönner und ermöglicht Speer einen rasanten Aufstieg. Ein Verführer und sein Opfer, das angesichts der Karrierechancen nur einfach nicht widerstehen kann?

 

Nun könnte man dem Film auch gerade zu Gute halten, dass er Speer ambivalent zeigt und Deutungen für den Zuschauer offenlässt, so wie sie auch für zeitgenössische Beobachter lange offen waren. Angesichts des selbst gestellten Anspruchs einer Entzauberung des Speer-Mythos ist es aber ärgerlich, dass die eindeutige Aufdeckung von Speers Schuld und seiner Täuschungsmanöver in der Hauptsache auf den dokumentarischer gestalteten vierten Teil verschoben wird. Da dieser im Gegensatz zu den anderen auf einem Randplatz im Programm gesendet wurde, dürften viele eindeutige Erkenntnisse an den meisten Zuschauern vorübergegangen sein.

 

Beschränkt man sich aber darauf, die ersten drei Teile als abwechslungsreich gestrickte Unterhaltung zu sehen, ist nichts zu beanstanden, im Gegenteil. Nicht umsonst ist Breloer wohl spätestens seit Todesspiel (1997) und Die Manns – ein Jahrhundertroman (2001) so etwas wie der deutsche Dokudrama-Papst. Das erstklassige Filmteam sorgt für ein Filmerlebnis auf hohem Niveau, ebenso die Schauspieler: Sebastian Koch, bei Breloer schon mehrfach zu sehen, gibt einen undurchsichtigen Speer, der Österreicher Tobias Moretti einen charmant-verführerischen und träumerisch-weltfremden Hitler, der sich interessant von Bruno Ganz‘ Kreuzung aus tobendem Rumpelstilz und gütigem Opa in „Der Untergang“ abhebt.

 

Darüber hinaus ist der Film, wie schon Die Manns, bis in die Nebenrollen mit hervorragenden Darstellern wie Axel Milberg, André Hennicke und Florian Mertens besetzt. Fazit: Vor allem ein guter Spielfilm, aber nicht das versprochene bahnbrechende Dokudrama.

 

Von Jan Braunschweig

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Redaktion
11.04.2010 16:32
 

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