Revolutionsappeal im Do-It-Yourself-Verfahren
|
Gianni Vattimo entdeckt sein "starkes Denken" und den "abgeschwächten Marx"
Hammer, Sichel und Stern zum Ausschneiden prangen auf einem leuchtend roter Hintergrund, darüber eine der radikalsten Fragen, die Menschen des hochkapitalistischen Zeitalters fragen können: "Wie werde ich Kommunist?" Gianni Vattimo, Leiter des Lehrstuhls für Theoretische Philosophie der Universität Turin, versucht dieser Provokation ganz individuell zu begegnen und sieht im libertären Kommunismus die Lösung seiner Frage.
"Wie werde ich Kommunist?" - Die unmissverständliche Frage erweckt beim Leser den Eindruck, als wolle der italienische Intellektuelle und zeitweilige Europaabgeordnete Gianni Vattimo einen ultimativen Do-it-Yourself-Ratgeber liefern, der dabei hilft, zum Vorkämpfer Marxsche Theorien zu werden. Doch was Vattimo abgeliefert hat, ist vielmehr ein verkapptes Selbsthilfebuch. Das Missverständnis liegt wohl in der allzu reißerischen Übersetzung des Originaltitels "Ecce commu. Come si ridiventa ciò che si era" (zu deutsch: “Seht den Kommi. Wie man wieder wird, was man war“) begründet. Vattimo hilft dabei nur Einem: Sich selbst!
Ein "natürliches Europa"
In Anlehnung an Rudi Dutschkes berühmte Forderung der langwierigen Unterwanderung der kapitalistischen Staatsmaschinerie steht der erste Teil unter der plakativen Überschrift "Ein langer Marsch durch die Opposition". Vattimo reiht hier mehr oder minder zusammenhängend Wiederveröffentlichungen verschiedener Zeitungsartikel aneinander, die er während seiner Zeit als Abgeordneter der Linksdemokraten Italiens zwischen 1999 und 2004 verfasst hat. Es verwundert deshalb wenig, wenn sich der Autor dem Themenkomplex „Europa“ besonders widmet. Vattimo diagnostiziert der „alten Welt“ sowohl eine (system)interne Diskussion um die politische Richtung und Selbstdarstellung als auch eine latente Orientierungslosigkeit gegenüber Amerikas Anspruchs, als „Weltpolizei“ gegen einen wie auch immer gearteten antiwestlichen Terror islamischer Prägung vorzupreschen. Europa sei noch zu wenig ein Projekt der kontinentalen Linken, Dieses Manko führt er auf die Übermacht jener bürgerlichen Euroskeptiker zurückführt, die einer naturalistischen Vorstellung von Geschichte und Politik aufsitzen. Marxismus und Christentum definiert der Autor als radikal unnatürliche Denkrichtungen, die den Menschen dazu antreiben, die stumpfe Verwaltung des Vorhandenen zu überwinden und gestaltend in Aktion zu treten. Verschärft werden die inneren Widersprüche zwischen Fortschritt und Reaktion bzw. Stillstand durch den weltweit geführten „Krieg gegen den Terror“. Wenig konkretisiert werde „der Terror“ zu einem Kampfbegriff der bürgerlichen Weltpolitik unter der Regie der Weltmacht USA, er zwinge ganz Europa zu einer richtungsweisenden Entscheidung: entweder wendet sich das fortschrittliche Europa dem weltweiten Subproletariat zu – hierzu zählt Vattimo jene Personen, die unter der Ar-mut neokolonialer Staaten ihr Leben fristen – oder es entscheidet sich, eine „belagerte Festung“ zu sein, die ganz auf der antiterroristischen Denkweise der USA aufbaut. Diese Frage stellt sich 2011 so deutlich wie kaum zuvor, hängen doch der politische Wandel in der Maghreb-Region Afrikas, die Flüchtlingsströme und das militärische Engagement des Westens unmittelbar mit dem unausgefochtenen Selbstverständnis Europas zusammen.
Die Sache mit dem Postkapitalismus
Gianni Vattimos bekennt sich zur Überwindungspflicht des „natürlich“ gedachten Europas, eines Kontinents, der unter der Hegemonie der „Pax Americana“ den Krieg gegen den „Terror“ unhinterfragt unterstützt und dabei bewusst verschleiert, dass der Krieg zum Großteil ein Kampf um Raum und Rohstoffe in den ehemaligen Kolonien darstellt. Doch gerade in Fragen der wirtschaftlichen Machtstrukturen bleibt der italienische Philosoph zu oberflächlich. Zwar wendet er sich gegen die utopische Überhöhung der Selbstregulierungskräfte der Marktwirtschaft und fordert die externe Regelung der Märkte, doch seine Zielvorstellungen einer postkapitalistischen Gesellschaft bleiben höchst schwammig. Eine „fundamental andere Ökonomie“, die ein „gutes Leben“ ermögliche, weiter führt er die wirtschaftliche Perspektive der Menschheit in Zeiten schrumpfenden Rohstoffvorräte und wachsenden Umweltprobleme nicht aus. Spricht Vattimo vom Kommunismus, lehnt er den Kommunismus sowjetischer Prägung ab. Er sieht in dem scheinbar zwanghaften Versuch der stalinistischen UdSSR, sich mittels scharfer Industrialisierung dem westlichen Fortschritt anzunähern, eine wesentliche Schwäche. Die staatliche Führung der Wirtschaft nach sowjetischem Vorbild sei keine Option für die Zukunft, vielmehr gelte es, die Grenzen des Wachstums zu erkennen und dementsprechend die Gesellschaft zu entwickeln.
Mit und gegen Italiens moderne Linke
Vattimos Analyse politischer Notwendigkeiten im Lichte einer kommunistischen Wende ist dezidiert italien-zentriert. Damit der Leser diese Erfahrungen und Thesen für den außeritalienischen Gebrauch fruchtbar machen kann, muss er die komplexe politische Entwicklung Italiens seit 1922 (Machtergreifung der Faschisten) genau kennen. Der italienische Sonderweg prägt die heutige Linke des Stiefelstaats noch immer: unter dem Einfluss des kommunistischen Vordenkers Antonio Gramsci (1891 – 1937) und der Leitung Palmiro Togliatti (1893 – 1964) entwickelte sich die Kommunistische Partei Italiens nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer Massenpartei, die auf eine offene Revolutionspolitik verzichtete. Mit der Wende zum „Eurokommunismus“, dass heißt der ideologischen Loslösung von der sowjetischen Auslegung und Deutungshoheit des Marxismus und dem compromesso storico (historischer Kompromiss, i.e. die Zusammenarbeit der KP mit konservativen Kräften zur Rettung des italienischen Staates 1973) machte sich die KP Italiens in orthodoxen marxistischen Kreisen des reformistischen Verrats an den revolutionären Idealen verdächtig. Der Terror der Brigate Rosse (Rote Brigaden), einer der RAF ideologisch verwandten Terrororganisation und der Zusammenbruch der KPI um 1991 erschütterten die Grundfeste linken Denkens und sind unter anderem daran Schuld, dass die moderne italienische Parteienlandschaft sehr kurzlebig und wandelbar erscheint. Auch Vattimo kann sich der Eindrücke der linken Vergangenheit seines Heimatlandes nicht entziehen. Durch diese regionale Zentriertheit wird die Reichweite des Buches geschmälert und reduziert es auf eine private Auseinandersetzung Vattimos mit seiner Vergangenheit. So kritisiert der italienische Philosoph den Reformismus der Democratici di Sinistra (DS) und verdammt deren Verankerung in einer korrupten Demokratie, gegen die die Partei keine revolutionären „Heiligen“ aufstellen kann und dementsprechend kampflos dem Kapitalismus zu Diensten ist. Eine Ideologiefeindlichkeit im Sinne des Philosophen Karl Popper habe die italienische Linke gemäßigter Richtung befallen, katalysiert und begleitet von einem tiefgründigen Misstrauen der politischen Rechten gegen jedes gesellschaftliche Programm, dass über ein „zurück“ zu Zucht und Ordnung hinausgeht. Nur schwer lassen sich die italienischen Erkenntnisse Vattimos abstrahieren und selbst wenn es gelingt, geht seine Kritik nicht über den üblichen Vorwurf des sozialdemokratischen Reformismus hinaus.
Abkehr von "schwachen Denken" stark genug umgesetzt?
Weltanschaulich gibt sich Gianni Vattimo geläutert, indem er sich vom pensiero debole (schwachen Denken) distanzieren möchte. Das pensiero debole basiert auf einer schwachen, dass heißt antimetaphysischen Lesart der Philosophie Martin Heideggers und Friedrich Nietzsches. Zentral ist dabei, dass ein allumfassender Wahrheitsanspruch, eben das totalitäre „starken Denkens“, negiert wird. Vattimos vermeintliche Rückkehr zum „starken Denken“ ist jedoch im Hinblick einer Kritik des stalinistischen Kommunismus nur in Ansätzen zu erkennen. Verwirrend ist die Wahl jener philosophischen Ecksteine, auf denen Vattimo seine Rückkehr zum Kommunismus aufbauen möchte. Seine Entscheidung für den „philosophischen Nihilismus“ steht neben seiner Forderung nach einem Liberalkommunismus, der fernab des überlebten Stalinismus und seiner mutierten „Diktatur des Proletariats“ auf einem neuen Proletariat aufbauen soll. Das neue, minimalistische Proletariat stellt eine Multitude aller Menschen dar, die „spüren, dass die Welt zerfällt“, ohne konkretes Projekt oder Klassenbewusstsein existieren und trotzdem vereint der Zerfallsentwicklung entgegensteuern wollen. Statt einem wissenschaftlichen Dogmatismus zu folgen, sollte diese Multitude die „Fähigkeit des Zuhören“ erlernen sowie zum „abgeschwächten Marx“ zurückkehren. Das Attribut „abgeschwächt“ versteht Vattimo in diesem Fall keineswegs als reformistisch oder versöhnlerisch, sondern als ergebnisoffen und nicht doktrinär. Seine Idee eines „anarchistischen Kommunismus“ schließt in einem nicht näher genannten Ausmaß das Misstrauen gegen Institutionen, gegen die Staatlichkeit und die Ablehnung der bestehenden kapitalistischen Eigentumsverhältnisse ein. Allerdings bleibt es beim Aufblitzen der Kapitalismuskritik; zum wie, wo, wann schweigt Vattimo. Er möchte die Ideologie der Sowjets mit einer maßvollen technischen Entwicklung verbunden wissen. Die „hochenergetische Demokratie“ soll die parlamentarische Demokratie unserer Tage ablösen, in der die politische Macht korrupt sei und bestimmte Gruppe die ausgeprägten Kommunikationswege für Kapital- und Einzelinteressen missbrauchten (Beispiel Berlusconismus, i.e. Medienkonzentration in Verbindung mit Missbrauch des Staates). Das hermeneutische Gerippe aus Trier?
Die im Buch „Wie werde ich Kommunist“ vorgebrachten Überlegungen zur zukünftigen Entwicklung der Menschheit sind vielleicht ein großer Schritt für Vattimo, jedoch nur ein kleiner für alle fortschrittlich denkenden Menschen. Zwiespältig ist die Rolle der kommunistischen Theorien Karl Marx´ für die angekündigte weltanschauliche Rückwärtsrolle Vattimos. „Ich war nie Kommunist“, erklärt der Philosoph und meint damit, dass er nie Anhänger der zweiten großen Kirche Italiens, der Kommunistischen Partei, gewesen sei. Folglich möchte er zu einen Kommunismus zurück, den er als katholische Jugendlicher kannte, basierend auf den Prinzipien der christlichen Nächstenliebe. Wenn Vattimo trotzdem von Marx redet, den man wiederentdecken müsse, nutzt er die wissenschaftlichen Theorien des Trierers zu hermeneutisch: Das Marxsche Gespenst geistert als Welterklärungsinstrument der Philosophie und der Soziologie durch die Moderne, seine politische und ökonomische Dimension wird zumeist unter den Teppich gekehrt. Zwar poltert Vattimo, man müsse die alte Ordnung zerstören, die Wirtschaft fundamental umbauen und den Reformismus der gemäßigten Linken überwinden, doch angesichts der weltanschaulichen Planlosigkeit erscheint der Aufruf zu verbalsozialistisch und wortrevolutionär zu sein, um wirklich glaubwürdig zu sein. Was ist der Anarcho-Kommunismus, wahlweise auch Katho- oder Liberalkommunismus, den der Italiener als Alternative anbietet? Ist es ein vormarxistischer, utopischer Sozialismus, ein bakunistischer Anarchismus oder etwas vollständig Neues, und was sollte man von Marx übernehmen, was über Bord werfen?
Fazit
Ein Programm politischer Arbeit gelte es laut Gianni Vattimo noch in kollektiver Arbeit zu entwerfen: „Meine Thesen werden notwendigerweise noch abstrakt erscheinen und sollten von praktisch-politischer Arbeit begleitet werden, auch wenn sie bei Wahlen minoritär bleiben müssen“. Wenig Hoffnung für den Kommunismus Vattimo´scher Prägung? „Wie werde ich Kommunist“ überzeugt mit seiner weltanschaulichen Unordnung und seiner sophistischen Geschlossenheit wohl nur einen wirklich: Gianni Vattimo. Er geht nicht auf Filzpantoffeln zum Kommunismus, sondern barfuß und ohne Karte.
Gianni Vattimo: Wie werde ich Kommunist. Rotbuch Verlag, Berlin 2008. S. 128, ab ca. 5,00 Euro.
Von Valentin Hemberger |