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Der entzauberte König

Titelbild
Cover (Bildmaterial Siedler Verlag)
Dieses Jahr hätte er seinen 300. Geburtstag gefeiert. Friedrich der Große starb 1786, aber das hat ihn nicht davon abgehalten, die Deutschen stets zu beschäftigen. Eine Rezension von Maximilian Kliem.

Für Hitler schien der Preußenkönig eine Art Vorbild zu sein, jedenfalls bezog er sich mehrfach in „Mein Kampf“ auf ihn. Außerdem gab es Postkarten, die Friedrich in einer Linie mit Bismarck und Hitler zeigten. Selbst in der DDR war Friedrich Vorbild, wenn auch in einem anderen Sinne; Honecker bezeichnete ihn einst als den ersten deutschen Sozialisten. Friedrich ist von jedweder politischen Couleur instrumentalisiert worden, aber auch für den gemeinen Durchschnittsdeutschen ist der Preußenkönig eines dieser (wenigen) Wesen der deutschen Geschichte, auf das man stolz sein darf. Ein aufgeklärter Philosophenfürst soll er gewesen sein, ein Freund Voltaires, der erste Diener seines Staates, der Mann, dem wir die Kartoffel zu verdanken haben. Eine angebliche Tat, die sich so tief in das kollektive Gedächtnis der Deutschen integriert hat, dass selbst heute noch Menschen zu Friedrichs Grab pilgern und dort Kartoffeln niederlegen. Über die Jahrhunderte ist Friedrich glorifiziert und auch verklärt worden, wie kaum ein anderer. Zu seinem 300. Jubiläum erschienen nun, wie könnte es auch anders sein, zahlreiche Bücher und selbst im RTL-Dschungelcamp fand sein Geburtstag Erwähnung, auch wenn man das Jubiläum hier einen Tag zu früh ausrief. 

Ein aufgeklärter Philosophenfürst soll er gewesen sein, ein Freund Voltaires, der erste Diener seines Staates, der Mann, dem wir die Kartoffel zu verdanken haben. 

Eines der neu-publizierten Bücher ist Jürgen Luhs „Der Große. Friedrich II. von Preußen“. Der Autor ist promovierter Historiker, er schrieb bereits zur Geschichte des Heiligen Römischen Reiches, Preußens und zur Militärgeschichte. Der Titel seines neuen Werkes scheint darauf hinzuweisen, dass dies wieder ein Buch ist, das all die Großtaten abfeiern wird, die es im Zusammenhang mit Friedrich zu berichten gilt. Aber schon der Titel des ersten Kapitels zeigt dem Leser, dass es diesmal anders sein wird. „Ruhmsucht“ heißt es darin und bildet zugleich auch die Hauptthese, die der Autor auf 288 Seiten darlegt. Friedrich war nicht der selbstlose „erste Diener des Staates“, als der er so oft bezeichnet wird, sondern eher ein Mann, dem es stets darum ging, sich einen Platz in den Geschichtsbüchern zu sichern – einen möglichst ruhmvollen obendrein. Luh beschreibt in seinem Buch den Charakter Friedrichs und legt dar, wie der junge Kronprinz zu der Einsicht gelangte, Ruhm sei das Einzige, das sich lohne zu erstreben. Die Freundschaft zu Voltaire wird zu einem reinen Zweckbündnis degradiert, von dem Friedrich sich erhoffte (und was ihm ja auch gelang), Ruhm als Philosoph zu ernten. 

So schrieb Friedrich zunächst in seinem Antimachiavell, dass ein Fürst nicht nur der erste Diener des Staates sei, sondern darüber hinaus auch in der Außenpolitik Gerechtigkeit obwalten lassen müsse. Was der König meinte, war: Kriege dürften nur dann geführt werden, wenn sie auch gerechtfertigt seien, dafür wurde der König von Voltaire gefeiert und der Philosoph drehte für den König ordentlich die Werbetrommel. Die Vorsätze aus dem Antimachiavell brach Friedrich jedoch 1740 mit dem Einmarsch in Schlesien, als es dem König lohnenswert erschien, Ruhm als Feldherr zu erlangen. 

Selbst der berühmte Fluchtversuch des jungen Prinzen wird bei Luh zu einer PR-Aktion. Es sei nicht wirklich das Ziel Friedrichs gewesen, zu fliehen, sondern er hätte erwischt werden wollen. Sein Kalkül soll darauf gezielt haben, durch den Fluchtversuch in Europa bekannt zu werden. 

Luh gibt in seinem Buch viele weitere Indizien dafür, dass Friedrich mit absoluter Hartnäckigkeit sein ganzes Leben darauf ausrichtete, Ruhm zu erlangen. Manchmal ist diese Argumentation jedoch etwas gewagt, so etwa die Deutung über Friedrichs  Fluchtversuch. 

Selbst das Friedrich-Porträt, welches das Buchcover ziert, zieht Luh als Indiz heran. Aus seinem Feldlager hatte der König einst geschrieben, er sei ganz grau geworden und habe ein eingefallenes Gesicht. Friedrich, der wusste, dass seine Briefe von vielen gelesen wurden, wollte sich durch seine pseudo-privaten Schriften nun als König darstellen, der sich so sehr für sein Land einsetzt, dass sogar seine Gesundheit darunter leiden würde. Dass der tatsächlich bedenkliche Gesundheitszustand des Königs nicht auf dem Porträt zu sehen ist, das einige Jahre nach dem Brief gestaltet wurde, stellt für Luh einen Beleg dafür dar, dass der König in seinen Ausführungen gelogen habe. 

Von einigen Ausrutschern abgesehen, ist Luhs Argumentation aber schlüssig und interessant. Im Verlauf des Buches arbeitet sich Luh mehrfach durch des Königs Leben, ohne sich dabei jedoch zu wiederholen und beleuchtet es jeweils von einem anderen Standpunkt aus. Zunächst liefert er Belege und Gründe für die Ruhmsucht Friedrichs, dann beschreibt und belegt er die Hartnäckigkeit, mit der der König seine Ziele verfolgte, um schließlich die Eigensinnigkeit oder vielmehr den Egoismus des Königs zu skizzieren. Im letzten Kapitel sucht der Autor dann nach der späten Einsicht des Königs und fragt, ob Friedrich, nun alt geworden, Fehler einsehen und zugeben konnte, bezeichnenderweise ist dieses Kapitel das kürzeste. 

 

 Friedrich sei nicht der selbstlose „erste Diener des Staates“ gewesen,  sondern eher ein Mann, dem es stets darum ging, sich einen Platz in den Geschichtsbüchern zu sichern.

Nun könnte man geneigt sein zu denken, Luh würde versuchen uns Deutschen unseren liebsten König abspenstig zu machen und sicherlich wirkt das Buch zu Beginn auch so, als ob man unsanft aus einem schönen Traum geweckt würde. Jedoch merkt man schnell, dass hier ein wesentlich menschlicheres Bild des Königs gezeichnet wird, als die verklärte Traumansicht, zu der andere sonst neigen. Allerdings bleibt bisweilen der Eindruck, dass Luh bei seiner Beweisführung etwas über das Ziel hinausschießt, jede Winzigkeit wird hier zum Beweismittel für des Königs Beweggründe, das wirkt manchmal gewagt, wertet das Buch als Ganzes jedoch nicht ab. Dennoch sollte man bereit sein, das eigene Friedrichbild zu überdenken. Für die Lektüre des Werkes ist zudem ein wenig Vorwissen zwar nicht unbedingt notwendig, aber zweifelsohne hilfreich. Jürgen Luh ergeht sich nämlich nicht in langen Erklärungen der einzelnen Stationen von Friedrichs Leben, sondern setzt voraus, dass seine Leser sich schon mit Friedrich beschäftigt haben. Damit ist das Buch auch weniger eine Biografie für Einsteiger, als vielmehr weiterführende Literatur für Fortgeschrittene. 

Luh stützt seine Argumentation durch zahlreiche Zitate, die zumeist der Korrespondenz Friedrichs entstammen. So vermag es der Autor, die Sicht des Königs auf die Welt vor unserem geistigen Auge entstehen zu lassen und zugleich seine Argumentation mit ihnen zu stützen. Wären diese zahlreichen Zitate jedoch nicht durch Anführungszeichen gekennzeichnet, wäre es ein Leichtes, auch Luhs eigene Ausführungen streckenweise als einen direkten Wortlaut aus einem fast 300 Jahre alten Brief misszuverstehen. Der Autor verfällt nämlich gelegentlich in einen Schreibstil, der direkt aus dem 18. Jahrhundert zu stammen scheint, dass Buch bleibt aber trotzdem gut und flüssig lesbar. Sollte jedoch der interessierte Leser einmal nachsehen wollen, woraus der Autor zitiert hat, so muss er hinten im Buch nachschlagen, auf Fußnoten wurde nämlich ganz verzichtet und alle Anmerkungen finden sich erst auf den letzten Seiten. Wer sich also bereits mit Friedrich beschäftigt hat und nun auch mal eine etwas andere Sicht auf den König bekommen möchte, ist mit diesem Buch gut beraten und kann es wahlweise als gedruckte Version für 19,99 € oder als digitale Version für 15,99 € erwerben. 

von Maximilian Kliem
 

Jürgen Luh, Der Große. Friedrich der II. von Preußen,Siedler Verlag, München 2011, 288 S., geb., 19,99€.

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Redaktion
22.05.2012 16:54
 

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