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Von Bayern an den Hindukusch

Vor dem Waisenhaus
Das weiß-blaue Kinderhaus öffnete im März 2010 für mehr als vierhundert afghanische Waisen seine Türen. Foto/Quelle: Kinderhilfe Afghanistan
Eine engagierte Familie aus Regensburg leistet Aufbauhilfe in Afghanistan. Eine Reportage von Nadine Kaspersinski

Täglich werden im deutschen Fernsehen Familien vorgestellt. Ob nun Reality-TV oder Fake-Dokus - bevorzugt wird über die Schicksale (junger) Menschen und deren Kinder berichtet, die der unteren Bildungsschicht angehören und sich mit Problemen durch den Alltag schlagen, wie: „Wer ist der Vater meines Kindes?“ und „Wieso ist meine 12jährige Tochter schwanger?“ Diese übertrieben dargestellten und fiktiven Sendungen erzielen mit solchen voyeuristischen und banalen Themen gute Quoten. Familien, die „normal“ leben und Gutes tun, sind anscheinend langweilig geworden. Dass es diese natürlich aber noch gibt, merkt der Zuschauer, wenn er den Blick vom Nachmittagsprogramm des Fernsehers abwendet. Er entdeckt zum Beispiel die Familie Erös aus Bayern. Der Bundeswehrarzt Dr. med. Reinhard Erös lebt mit seiner Frau Annette und seinen fünf erwachsenen Kindern in Regensburg - ihre zweite Heimat ist seit über zwanzig Jahren jedoch auch Afghanistan geworden.

 

Ein Bunderwehr-Arzt im Kriegsgebiet 

 

Erös begann in den 80er Jahren im Auftrag von Hilfsorganisationen weltweit arme Menschen unentgeltlich mit medizinischer Hilfe zu versorgen. 1987 zog er mit seiner Familie für mehrere Jahre nach Peschawar, Pakistan, und behandelte in Afghanistan über 180 000 Kriegsverletzte pro Jahr. Seine Frau Annette leitete ab 1988 die „Europäische Schule Peschawar“ und unterrichtete arme und wohlhabende Kinder aus der ganzen Welt zusammen. Zehn Jahre später entstand daraus die „Friedensschule Peschawar“, in der größtenteils afghanische Flüchtlingsmädchen gelehrt werden.

 

Heutige Situation am Hindukusch

 

1998 gründete die Familie Erös schließlich die Kinderhilfe Afghanistan e.V., um mit medizinischen und schulischen Einrichtungen den schwächsten Menschen des Landes zu helfen: den Frauen und Kindern aus Ost-Afghanistan. Bedingt durch die Kriege und die Herrschaft der Taliban, existiert in dem Land eine hohe Armuts- und Analphabeten-Rate. Medizinische und schulische Gebäude wurden zerstört und viele Familien auseinander gerissen. Gerade der östliche Teil des Landes ist durch extreme Armut gekennzeichnet. Wiederaufbau hat hier fast gar nicht stattgefunden, weshalb viele Menschen ohne Strom und befestigte Straßen auskommen müssen. Zusätzlich ermöglichen die klimatischen Bedingungen keine geregelten Ernteerträge. Die Projekte der Kinderhilfe sollen den Menschen den Weg in ein relativ normales Leben ebnen, ihnen die Erfüllung ihrer Grundbedürfnisse garantieren und für eine gesicherte Zukunft des Landes durch Erziehung, Ausbildung und Hilfe zur Selbsthilfe sorgen.

 

Projekte, die allen Menschen zu Gute kommen

 

Private Spenden an die Kinderhilfe werden ausschließlich für die Projekte in Afghanistan verwendet, denn die Arbeit der Familie Erös ist komplett ehrenamtlich. Dadurch konnten schon viele Bauvorhaben verwirklicht werden. In Ost-Afghanistan wurden über 24 Friedensschulen und Gesundheitsstationen für Jungen und Mädchen erbaut, die vollständig ausgestattet sind. Ob Computerschulen, Milchstationen, Solaranlagen oder Obstfelder - die Familie Erös hilft in unterschiedlichen Bereichen. 2010 wurde ein weiteres Waisenhaus in Jalalabad eröffnet. Ohne eine gute Zusammenarbeit mit den Afghanen wäre jedoch vieles nicht möglich gewesen. Die über zweitausend Mitarbeiter helfen bei der Planung und Ausführung der Projekte und werden dafür regelmäßig entlohnt. So ist vom ersten Spatenstich bis zur Benutzung der Gebäude die Grundversorgung vieler Afghanen gesichert.

 

Ein Leben im Kriegsgebiet

Schülerinnen der 2002 gegründeten Allaei-High-School Jalalabad können seit sieben Jahren die Computer im Unterricht benutzen. Foto/Quelle: Kinderhilfe Afghanistan
Khazan Gul Tani. Foto/Quelle: Nadine Kaspersinski
Mädchenschule
Unterricht an der Bibi Hawa Mädchenschule in Jalalabad, die 2004 gegründet und 2009 aufgrund der hohen Nachfrage schon um einen Anbau erweitert wurde. Foto/Quelle: Kinderhilfe Afghanistan

Khazan Gul Tani: Eine wichtige Kontaktperson in Afghanistan 

 

Einer der wichtigsten afghanischen Helfer vor Ort war bis vor Kurzem Khazan Gul Tani aus der östlichen Provinz Khost. Er stand der Kinderhilfe jahrelang als Baumeister und technischer Direktor zur Seite. 2005 eröffnete und leitete Khazan Gul Tani außerdem die Friedensschule Khost. In den 60er Jahren hatte er in Deutschland auf Lehramt studiert und sich seit den 70er Jahren in Afghanistan für den Bau von Schulen, die Entwicklung von Landwirtschaftsprojekten und eine gewaltfreie Zusammenarbeit der internationalen Staaten engagiert. Im Ausland hielt Khazan Gul Tani zahlreiche Vorträge, um auf sein Heimatland aufmerksam zu machen, das von den Kriegen der letzen Jahrzehnte gezeichnet ist. Leider hat sich Khazan Gul Tani in diesem Jahr überraschend aus der Aufbauarbeit zurückgezogen und engagiert sich nun auch nicht mehr für die Kinderhilfe Afghanistan. Genaue Gründe konnte auch Reinhard Erös nicht nennen.

 

Das Leben neben der Aufbauarbeit

 

Zurück in Deutschland informieren Annette und Reinhard Erös in Vorträgen und Seminaren über die Projekte der Kinderhilfe Afghanistan und die Situation in dem Land am Hindukusch. Reinhard Erös hat außerdem zwei Bücher zu diesen Themen veröffentlicht. Die Söhne Veit, Urs und Welf Erös engagieren sich ebenfalls bei der Projektarbeit in Afghanistan und die Töchter Cosima und Veda sind für die Büro-Aufgaben in Deutschland verantwortlich. Angeregt durch die herausragende Arbeit der Familie und dem Drang zu helfen, unterstützen viele deutsche Schulen, Organisationen, Verbände, Ministerien etc. die Kinderhilfe mit privaten Spenden. 

 

Der Start in einere bessere Zukunft

 

Es ist beruhigend zu wissen, dass es Familien gibt, die sich mit den wirklich wichtigen Problemen der Welt beschäftigen, die für das nachmittägliche Fernsehen anscheinend nicht interessant genug sind. Familie Erös ist ein außerordentliches Beispiel dafür, dass jeder auf irgendeine Weise helfen kann. Durch ihre Aufbau-Projekte können tausende afghanische Mädchen und Jungen wieder eine Schule besuchen und zum Beispiel einen Computer bedienen, Schulhefte beschreiben und einen geregelten Schulalltag erleben. Nicht selbstverständlich ist es, dass Mädchen wieder zur Schule gehen und unter denselben Bedingungen wie die Jungen lernen können. Die Kinderhilfe hat zahlreichen Firmen und Landwirten Arbeit beschaffen, zum Beispiel durch Druck- und Bauaufträge oder der Pflanzung von Obstbäumen. Waisenkinder können in einem der zwei Waisenhäuser leben und müssen nicht auf der Straße betteln. Eine medizinische Grundversorgung für die Dorfbewohner ist ebenfalls gegeben.

Bis heute hat die Kinderhilfe durch zahlreiche Spenden und einen eisernen Willen, Mut und Engagement über zwölf Schulen errichtet und weitere nützliche Projekte abgeschlossen. Diese helfen den zumeist ungebildeten Erwachsenen zu überleben, während die Kinder in die Schule gehen können.

Am 1. Mai 2011 fand die Grundsteinlegung für das neueste Projekt statt: der Bau einer Universität in Laghman, an der gerade jungen Frauen die Möglichkeit zum Studieren geboten werden soll.

 

Weitere Informationen und eine Kontonummer für Spenden können auf der Webseite der Kinderhilfe Afghanistan e.V.

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Redaktion
27.10.2011 21:51
 

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