Der Krieg der Meinungsmacher
Der deutschsprachige Boulevard liegt mit all seinen Sinnesorganen am "gemeinen Volk". Im Allgemeinen scheut dieses nicht vor populistischen Neigungen zurück. Es faucht, giert und verschlingt alles, was glitzert, glimmert und den grauen Alltag vor der eigenen Haustüre etwas aufhellt. Im Grunde ist Populismus nicht anderes als der unkommentierte Volksmund der Gesellschaft, der von Zweiten für die eigenen Zwecke genutzt wird. Seine Sprache ist oft grotesk, aufdringlich und meistens provokant. Doch im Herzen seines Charakters weist dieses Sprachrohr volkstümliche Tendenzen auf: Viele fühlen sich bestätigt oder mindestens am Rande angesprochen.
Die Bild-Zeitung versucht, so die Meinung des Nachrichtenmagazins DER SPIEGEL, dieses Sprachrohr zu sein. Von der "Mitte der Gesellschaft aus" versuche das Blatt eine Politik "zwischen allen Stühlen" (Chefredakteur Kai Diekmann). Die These aber, dass die Bild-Zeitung versucht, Ersatz für eine bisher nicht konsolidierte populistische Partei zu sein, ist mehr als gefährlich. Diese Annahme könnte Wasser auf die Mühlen derer sein, die eine solche Partei in der Mitte der Gesellschaft zu gründen versuchen - das Spiel mit den wechselhaften Emotionen der Deutschen hat erst begonnen.
Sonntag Mittag, zwölf Uhr. In der ARD, dem Wohlfühl-Programm 60plus, wird das erste mediale Wortgefecht ausgetragen. Der ARD-Presseclub, ein Forum sehr zivilisierter Diskussionen mit Journalisten überregionaler Medien, wird zum Schaulauf für die Protagonisten der ersten Konfrontation. Moderiert von Volker Herres (ARD) wird über das Thema "Fehlherr zu Guttenberg - wie ein Ruf ruiniert wird" diskutiert. Doch im Verlauf der Debatte weichen die teilnehmenden Journalisten immer weiter von der eigentlichen Fragestellung der Sendung ab. Besonders deutlich werden die Worte zwischen Markus Feldenkirchen (MF), Redakteur beim Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL und dem stellvertretenden Chefredakteur der Bild am Sonntag, Michael Backhaus (MB).
"In der Politik gelten andere Gesetze als in der Wissenschaft" (MB) - gehört Lügen und Betrügen auch dazu oder ist dies ein Nebeneffekt, quasi ein gesellschaftlich geduldetes Faktum, um politische Prozesse womöglich zu verlangsamen oder zu beschleunigen? "Wir (Bild) wollen ihn (Guttenberg) behalten" (MB). Annette Ramelsberger, Redakteurin bei der Süddeutschen Zeitung, versteht die Welt nicht mehr. Schummeln sei für die Bild-Zeitung eine schlichte Verniedlichung einer Straftat, so die Bayerin: "Wie soll ein abschreibender Minister als Vorgesetzter zweier Bundeswehr-Hochschulen noch Respekt für seine Offiziere gewinnen?" Kann ein Betrüger hierzulande noch Minister bleiben?
Für die "publizistischen Helfer" (MF) ist diese Frage sofort beantwortet: ja, natürlich! Das "Abschreiben" kann man ja nur gleichstellen mit dem Abschreiben in der Schule. Doch diese Verniedlichung, so Markus Feldenkirchen, dürfe nicht beim Abschreiben beginnen. Vor Gericht würde Herr zu Guttenberg verlieren, so seine Analyse. Soll Herr zu Guttenberg nun leiden (Bild-Zeitung) oder sich eher schämen? Für die "Schutzstaffel" (MF) des Bundesministers ist der Fall glasklar. "Wir finden jeden Tag eine Jubelgeschichte über das Ehepaar Guttenberg" - im 19. Jahrhundert hätte man eine solche Berichterstattung "Hurra, Herr Kaiser" genannt. "Eine Form von Heldenverehrung und sich hinter einen Politiker stellen, die wir in dieser Form in der Bundesrepublik selten erlebt haben." (MF)
Es stellt sich jemand in die Schussbahn und versucht zu schlichten: Sabine Adler, Leiterin des Hauptstadtstudio Deutschlandfunk, argumentiert, dass selbst Journalisten sich dem Flair des Ministers nicht entziehen konnten. Ganze Redaktionen waren zu diesem Thema gespalten. Ginge es allerdings nach der FAZ, dann sollte DER SPIEGEL erst gar nicht so laut Porzellan zerschlagen. Auch er habe "Hofberichterstattung" betrieben. In journalistischen und bürgerlichen Kreisen wundert man sich bereits schon länger über die erneute Wendung des Hamburger Nachrichtenmagazins. Im Vergleich zur Bild-Zeitung kann dieser keine stringente Berichterstattung aufzeigen. Ein solcher Eiertanz verringert journalistische Glaubwürdigkeit.
Aber auch die FAZ wird abgewatscht. Zeit-Redakteur Bernd Ulrich schreibt in einem Leitartikel vom 3. März, dass durch die Affäre Guttenberg Deutschland zum "moralischen Spiegelkabinett" geworden sei. Die FAZ, als Leitmedium des bürgerlichen Milieus, habe in dieser Sache polemisiert wie kein anderes Blatt in Deutschland - "im Namen der bürgerlichen Werte". In der Tat, zu Guttenberg war eine "spaltende Persönlichkeit" (Marc Brost (ZEIT) und Kollegen). Die "brutale Intensität" (ibid.) mit der der ehemalige Verteidigungsminister Politik betrieben hat, war Magnet und Reibungspunkt der Medien gleichermaßen. Medien bauten ihn auf und Medien brachten ihn - mehr oder minder - zu Fall. Zukünftige Medienhistoriker wird die "Causa Guttenberg" noch lange in Erinnerung bleiben, und sicherlich als Musterbeispiel und Vergleich in Seminararbeiten (mit vielen Fußnoten) herangezogen werden. Die Medien haben erst mal den Fall zu den Akten gelegt. Die Rivalität und der Dualismus zwischen den Medien werden aber nicht so schnell vergessen werden.