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Was ist und zu welchem Ende studiert man Fachjournalistik Geschichte?

Befeuert durch personelle Veränderungen auf der Dozentenseite und einen neuen Bachelor-Jahrgang, diskutieren Studierende und Lehrende der Fachjournalistik Geschichte in letzter Zeit wieder verstärkt das Profil und die Ausrichtung dieses in der Bundesrepublik singulären Studienfachs. Die Überlegungen drehen sich dabei um den Praxisbezug und die berufsfeldspezifische Verortung des Fachs. Nachfolgend äußert sich dazu der derzeitige Leiter der Fachjournalistik Geschichte.

 Von Peter Hoeres

„Überall ist Mittelalter“ proklamierte der Mediävist Horst Fuhrmann 1996. Der Satz lässt sich auf andere Epochen ausweiten: Wir sind ständig von Geschichte umgeben und werden mit ihr konfrontiert. Wer nicht gerade studiert oder an einer Universität arbeitet, wird aber weniger von der Wissenschaft, sondern von historischen Überresten in und außerhalb von Museen, vor allem aber von den Massenmedien mit Geschichte konfrontiert. Geschichts-Dokus und „Histotainment“ mit Hape Kerkeling im Fernsehen, „Kalenderblatt“ und „Zeitzeichen“ im Radio, eine ganze Wand von populären Geschichtsmagazinen am Bahnhofskiosk, Blockbuster wie „Operation Walküre“ im Kino und in Zweitverwertung auf DVD und im Fernsehen: Wir sind von historischen Repräsentationen umgeben. Unter dem Namen „Public History“ wurde diese außerwissenschaftliche Geschichtsvermittlung schon seit längerer Zeit in den USA, Australien oder Neuseeland erforscht und gelehrt. „Public History“ zielt dabei als Begriff sowohl auf das Gebiet der in die Öffentlichkeit vermittelten Geschichte als auch auf die wissenschaftliche Beschäftigung mit diesem Feld. In den genannten Ländern entstanden zahlreiche Master-Angebote zur „Public History“, daneben gibt es mit der H-Public-Liste eine elektronische Kommunikationsplattform. In Deutschland bieten erst seit kurzer Zeit einige wenige Universitäten, etwa die FU Berlin oder die Universität Mannheim, unter Berufung auf diese Tradition ähnliche Studienfächer an.

 

Seit 1984 gibt es freilich bereits das bundesweit nach wie vor einzigartige Gießener Angebot „Fachjournalistik Geschichte“, das damals aus der Fachdidaktik heraus entwickelt wurde. 2007 wurde das Fach als modularisiertes BA-Studienfach in Kombination mit dem Fach Geschichte oder Osteuropäische Geschichte reformiert. In einem in die Methoden und Inhalte des Fachs einführenden Basismodul, je zwei thematisch spezifizierten Grundlagen- und Vertiefungsmodulen, zwei Praxismodulen und einem Modul zur außerfachlichen Medienanalyse sollen die Theorie und Praxis der medialen Geschichtsvermittlung und nicht zuletzt die Geschichte des medialen Umgangs mit Geschichte und die allgemeine Mediengeschichte studiert werden. Für eine Vertiefung und Spezialisierung wirkt die Professur Fachjournalistik Geschichte auch am Geschichtsmaster mit, die Professur zeichnet für das systematische Mastermodul verantwortlich und betreut medienbezogene Thesisprojekte. Ein eigenständiges Masterfach wäre bei einer entsprechenden personellen Ausstattung sicherlich ebenfalls wünschenswert.

 

Das Studium unterscheidet sich von „Public History“ durch seine Konkretion auf die journalistische Geschichtsvermittlung und die Mediengeschichte.

Das Studium unterscheidet sich von „Public History“ durch seine Konkretion auf die journalistische Geschichtsvermittlung und die Mediengeschichte. Dadurch entgeht es der Gefahr, sich in einem zunehmend entgrenzten Feld – überall ist öffentliche Geschichte – zu verlieren. Fachjournalistik Geschichte beschäftigt sich mit allen journalistischen Genres und Formen. Ob Print, Radio, Fernsehen, Online, ob Dokumentation, Reportage, Feature, Porträt, ob Text, Fotografie oder Film, ob mono- oder crossmedial – das ganze journalistische Geschichtsangebot soll betrachtet und ausprobiert werden.

 

Dabei darf ein wissenschaftliches Studium freilich nicht stehenbleiben, das Suffix „istik“ im Namen des Faches weist darauf hin: Das Ausprobieren und die Einübung in den zwei Praxismodulen und in zunehmendem Maße auch in den eher historischen und theoretischen Modulen soll durch Reflexion, geschichtliche Herleitung und Erörterung der Forschung untermauert werden. Dies unterscheidet den Studiengang von einer rein berufspraktischen, das eigene Handeln nur selten hinterfragenden Ausbildung. Es wird ein Bewusstsein für die historische Genese und die stete Veränderlichkeit des Berufsfelds, der Medienlandschaft, der Mediennutzung, der Medienwirkung, des Zuschnitts von Öffentlichkeit(en) sowie der Ausprägung der Darstellungsformen geschaffen, das gegen Betriebsblindheiten schützt und die Fähigkeiten zur bewussten Ausgestaltung und Weiterentwicklung des journalistischen Arbeitens in der Zukunft unterstützt.

 Das Studium der Fachjournalistik Geschichte soll Kenntnis der diversen Medienformate, ihrer kulturellen Bedingtheit und historischen Entwicklung vermitteln.

Die titelgebende, Schillers Antrittsvorlesung entlehnte Frage, soll dabei etwas profaner als weiland in Jena beantwortet werden: Das Studium der Fachjournalistik Geschichte soll Kenntnis der diversen Medienformate, ihrer kulturellen Bedingtheit und historischen Entwicklung vermitteln. Es soll zudem, flankiert von zwei Pflichtpraktika, mit dem journalistischen Arbeiten vertraut machen und darüber wissenschaftlich reflektieren. Die neuere Mediengeschichte bildet dabei ein zentrales, in die Lehre vermitteltes Forschungsfeld. Daneben sollte aber immer stärker die massenmedial konkretisierte „Public History“ und der transnationale Kulturvergleich des Geschichtsjournalismus treten. So kann das eingeführte Gießener Fach seine Stärken ausbauen und anschlussfähig an die Debatten auch der kulturwissenschaftlichen Nachbardisziplinen bleiben. Dabei gilt es, die geschichtswissenschaftlichen Kernkompetenzen – Heuristik, Quellenvielfalt, Quellenkritik, historische Interpretation und Kontextualisierung sowie die entsprechende Theorieorientierung – zu nutzen und mit kommunikations- und medienwissenschaftlichen Ansätzen systematisch zu verbinden. Ein solches Fundament für die journalistische Praxis ist im Berufsstress kaum mehr zu errichten, dafür fehlt dann einfach die Zeit und Geduld. Wie wir aus vielen Gesprächen mit unseren Gästen aus der Praxis wissen, schätzen daher erfolgreiche Journalisten ein solides Studium, das Allgemeinbildung, wissenschaftliche Reflexion und Praxisanteile verbindet.

 

Die Absolventen sind damit idealiter breit und fundiert orientiert: Der eingeübte quellenkritische Blick, nicht nur auf Texte, sondern auch auf Fotos, Tondokumente und Filme, die Kenntnis der medienhistorischen und kulturellen Bedingtheit journalistischen Handelns und die reflektierte Auseinandersetzung mit wissenschaftlicher Forschung vermitteln grundlegende Kompetenzen und spezifisches Wissen für journalistische Berufe. Dabei ist das Studium nicht so verengt, dass die Absolventen auf das Berufsbild des Journalisten festgelegt sind. Auch Pressesprecher und Öffentlichkeitsarbeiter werden zunehmend mit historischen Fragen, dem Umgang mit Geschichte konfrontiert. Auch hier bietet die Kombination aus Theorie und Empirie, Geschichte und Reflexion eine gute Voraussetzung für die berufliche Praxis.

 

Was heißt das nun alles konkret? Universitas semper reformanda – obwohl nach den Bologna-Reformen und deren Nachjustierungen („Reform der Reform“) ein Bedürfnis nach einer gewissen Reformpause bzw. Kontinuität zu verspüren ist. Einige Änderungen im Sinne des verstärkten Praxisbezugs wird es aber schon bald geben. So wird im kommenden Semester eine Veranstaltung zu historischen Reportagen angeboten, ferner eine Übung zur Theorie und Praxis des Interviews und eine journalistische Schreibwerkstatt, in deren Rahmen u. a. Journalisten des Spiegel, der Bild und der taz Einblicke in ihr Schreiben und Arbeiten geben. Das Online-Magazin UNIversum wurde ja bereits mit guter Beteiligung unter einer neuen Chefredaktion in diesem Semester „reloaded“. Und Seminare wie „Geschichtsdarstellungen in populären Geschichtsmagazinen“, „Medienereignisse im 19. und 20. Jahrhundert“ oder „Reportagen aus der Weimarer Republik“ verbinden im kommenden Semester die praktische und historisch-theoretische Dimension des Studiums im oben skizzierten Sinne. Nicht zuletzt kommt es aber auch auf die Initiative jedes Einzelnen an. Es ist wie im Journalismus: Wer gute Ideen hat, Arbeitsaufwand und Recherche nicht scheut, kann seine eigene Arbeit verbessern und das Endprodukt beleben. Auch für diese Eigeninitiative gibt es erfreuliche Anzeichen. In diesem Sinne sehe ich das Unikat „Fachjournalistik Geschichte“ in und an der JLU gut aufgestellt.

 

 

Hatte Hillary Clinton hier tatsächlich gerade einen allergisch bedingten Niesanfall, wie sie später angab? Oder war es doch die Anspannung, die ihre Hand vor das Gesicht führte, als die amerikanische Administration der Tötung Osama Bin Ladens in Echtzeit verfolgte? Warum ist nur ein Dokument auf dem Schreibtisch gepixelt (das andere kann durch Bildbearbeitung lesbar gemacht werden), welche Medienstrategie steckt hinter der Freigabe dieser Fotografie durch das Weiße Haus? Eine Visual History, wie sie in Gießen im Rahmen der Fachjournalistik Geschichte gelehrt wird, soll den Blick schärfen und einen quellenkritischen Umgang mit Bildern einüben.

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Redaktion
01.12.2011 17:58
 

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