Ein Obruni im Radio-Dschungel: Praktikum in Ghana
Drei Monate lang durfte ich diese völlig fremde Kultur hautnah kennen lernen, indem ich in einer afrikanischen Gastfamilie wohnte. Dieses wohlhabende Ehepaar und deren Kinder waren zwar nur wenig gastfreundlich, aber dafür hatte ich eine umso engere Beziehung mit den Hausangestellten. Mit mir im Haus wohnten noch ein bis vier weitere Praktikantinnen, sodass ich nicht ganz allein dem unbekannten Land ausgesetzt war. Die Eingewöhnungszeit war schon aufregend, als plötzlich alle Menschen auf der Straße "Obruni", das ghanaische Wort für weiße Menschen, riefen. Das ist aber keineswegs beleidigend und als ich begann "Obibini", das adäquate Wort für Schwarze, zu antworten, lächelten die Leute meist überrascht. Dennoch ist es absolut erschreckend gewesen, dass die Umwelt mir plötzlich mit einer solchen Aufmerksamkeit begegnete.
"Feel the Vibe at Vibe Fm!"
Neun Wochen arbeitete ich für den Radiosender "Vibe Fm", der hauptsächlich Musik für Jugendliche spielt. Obwohl Hip-Hop eigentlich nicht meinen Musikgeschmack traf, gewöhnte ich mich recht schnell daran. In unregelmäßigen Abständen wurden auch die Nachrichten gelesen, aber nicht häufiger als zwei Mal täglich. Manchmal stellte ich diese Meldungen dann für den Sprecher zusammen. Ich kann mich aber auch an einen Vorfall erinnern, als der Leiter des Radiosenders den einzigen funktionsfähigen Computer besetzte, weil er PC-Spiele austestete, und so mussten die "News" an diesem Tag ganz ausfallen. Die Nachrichten erreichten die Redaktion jedoch nicht über Presseagenturen wie in Deutschland, sondern wurden einfach im Internet von BBC übernommen. Vieles schockierte mich in der Anfangszeit am unorganisierten Arbeitsalltag. Der Zuständige Journalist für ein Automagazins kannte zum Beispiel kaum Automarken außer VW. Ich bekam auch eine eigene Sendezeit, zu der ich freitags die Unterhaltungsneuigkeiten vorstellte. Da behandelte ich dann Boulevardthemen wie Trennungen von Schauspielerpaaren oder große Konzerte. Das war nicht selten befremdlich, weil ausschließlich Berühmtheiten mit afrikanischen Wurzeln thematisiert werden sollten.
Ich gebe zu, dass es zu Beginn oft langweilig war, denn die ghanaische Arbeitshaltung war mir fremd gewesen. Einen ganzen Arbeitstag da zu sitzen und nichts zu tun- so etwas hatte es doch bei meinen Praktika in Deutschland noch nie gegeben! Auf einer Stuhlreihe neben der Eingangstür saßen beispielsweise einen ganzen Tag lang drei junge Männer. Ich war mir sicher, dass sie auf den Chef für ein Gespräch warteten, fragte nach einigen Stunden aber doch eine Kollegin. "Nein, die arbeiten alle hier", sagte sie lachend und konnte ihre Verwunderung über meine Deutung nicht ganz verbergen. Doch nach und nach genoss ich einfach die Gespräche mit den Kollegen und hakte öfter mal nach, um eine Aufgabe zu bekommen. Unterhaltsam war auch jeden Samstag die Call-in-Show "Young Vibes", in der ich Gast war. Wir diskutierten dort mit Jugendlichen über spezielle Themen und spielten ihre Musikwünsche. Das Highlight war der Besuch der Pressekonferenz des Sängers "Akon", über die ich dann einen Bericht verfassen durfte.
Eine "Vision" für KriegsopferDurch Zufall lernte ich die Zeitung "The Vision" kennen. Diese wird von einigen Flüchtlingen im liberianischen Flüchtlingslager der UNHCR (UN-Organisation für Belange von Flüchtlingen) nahe der Hauptstadt Accra selbst herausgegeben. Sie klärt die etwa 40000 Bewohner des Flüchtlingslagers über die Geschehnisse in ihrem Heimatland Liberia auf und behandelt Ereignisse innerhalb des Lagers. Weil die dortigen Journalisten durch den erlebten Bürgerkrieg in Liberia kaum Ausbildung genossen hatten, baten sie mich, einen Workshop mit ihnen zu gestalten. Ich konnte mir zunächst nicht vorstellen, wie ich als Abiturientin die deutlich älteren Liberianer unterrichten sollte. Doch bald zeigte sich, dass ich trotz meines Schulenglischs ihre Texte inhaltlich und sogar sprachlich überprüfen musste. Wir behandelten zusammen den Aufbau von Zeitungsberichten und Kommentaren und besprachen auch gemeinsam die Fehler in einzelnen Artikeln. So war ich zwei Tage jeder Woche im Lager und lernte dort den unmittelbaren Alltag der Bewohner kennen. Das bestätigte mein Bild aus den Medien überhaupt nicht: Kleine Häuser statt Zelte, spielende Kinder in Schuluniformen statt Hungerbäuchen und eine bewundernswerte menschliche Wärme und Solidarität. Es waren Menschen, die scheinbar alles und dennoch nicht ihren Mut verloren hatten. Mich interessierte auch die restliche Medienlandschaft in Ghana und so verbrachte ich auch zwei Tage in der Redaktion einer landesweiten Tageszeitung. Dort waren Politik und Wirtschaft natürlich wichtiger als beim Radio. Und über den Leiter der Radiostation konnte ich auch eine Live-Aufnahme einer abendlichen Talkrunde des ghanaischen Fernsehsenders besuchen, die ohne Zuschauer war. Überraschend war, dass alle Moderatoren und Nachrichtensprecher in traditionellen afrikanischen Gewändern auftraten. Das sei auf eine Initiative des Senders zurückzuführen, um die Traditionen zu erhalten. Ob die Damen der Tagesschau bald im Dirndl auf der Mattscheibe zu sehen sind? Schwer vorstellbar… Trotro statt U-BahnZur Arbeit in die Radiostation und auch ins Flüchtlingslager gelangte ich jeden Morgen mit dem Trotro. Das sind marode Lieferwägen mit unbequemen eingebauten Sitzen, die Straßenbahnen ersetzen und jedem spannende Bekanntschaften ermöglichen. Es gibt selbstverständlich keine Fahrpläne dafür, aber die Zielhaltestellen werden von einem angestellten Beifahrer laut über die Straßen geschrieen. Ging ich zum Radio, musste ich zuerst zur Straßenkreuzung "Nkrumah-Circle", indem ich den "Sörg-sörg-sörg"-Rufen folgte. Weiter ging es dann noch kurz mit dem Sammeltaxi. Offen gesagt, fällt es nach einer kurzen Eingewöhnungszeit sogar leichter, sich durch das chaotische Accra den Weg zu suchen, als unübersichtliche Fahrpläne in Deutschland zu studieren. Doch das liegt sicher auch an der Mentalität der Ghanaer, denn wenn mir schweigend ein Fragezeichen über dem Kopf stand, waren sofort Ortskundige zur Stelle. Die scheuten sich auch nicht, mich 30 Minuten lang auf dem Weg zu begleiten. Denn Hilfsbereitschaft ist dort keine Tugend, sondern einfach eine Selbstverständlichkeit. Die Freizeit gestaltete sich ganz unterschiedlich. Es gibt natürlich die ganzen westlichen Plätze in der Stadt, in denen teure Produkte und europäisches Essen verkauft werden. Am liebsten waren mir allerdings die Märkte. Schmuck, farbintensive afrikanische Stoffe und Nahrungsmittel konnte man dort erfeilschen. Und das war gar nicht einfach, denn kam man als weiße Frau zu einem Marktstand, erhöhte sich die Verhandlungsbasis drastisch. Die Währung, der ghanaische Cedi, ist einer anhaltenden Inflation ausgesetzt, sodass 10000 Cedis etwa einem Euro entsprechen. Oft machte ich auch mit anderen Praktikanten zusammen Wochenendausflüge in andere Städte und so manches Wochenende verbrachten wir am Strand. Dieser ist nicht besonders sauber, aber dafür nicht mit Touristen übersäht. Tanzen im GotteshausUnterhaltsam sind in Ghana auch die Gottesdienste, wo nicht nur gesungen, sondern auch fröhlich getanzt wurde. Generell spielen Religionen, meist das Christentum oder der Islam, im Leben der Ghanaer eine sehr große Rolle. Die kleinen Verkaufsstände trugen Namen, wie "Blood of Jesus Beauty Salon" und jedes zweite Gebäude in Accra schien eine Kirche oder Moschee zu sein. Doch wenn man durchschaut, wie viel Geld die meist armen Ghanaer der Kirche mehr oder weniger freiwillig spenden, kommen Zweifel am Sinn des Gottesdienstes auf. |
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Abends hatte man die Wahl zwischen westlichen Diskotheken oder ghanaischen Clubs. Dort staunte ich über die afrikanische Tanzkunst, denn sie unterschied sich nur minimal von den Tänzen in Hip-Hop-Videoclips. Im Grunde fand ich es ungefährlich nachts in Ghana unterwegs zu sein. Nur die Heiratsanträge der Männer sind auf Dauer anstrengend. Leider wurde ich gleich in der zweiten Woche vor dem Gartentor ausgeraubt. Das lag aber daran, dass ich in einem reichen Diplomatenviertel wohnte, das wohl zum bevorzugten Revier der Diebe gehörte. Zähneputzen mit HolzstückchenTrotz der privilegierten Lage wurde mir oft genug bewusst, dass ich mich in einem Entwicklungsland befand, denn gegen Ende meines Aufenthaltes gab es nur selten Strom. Der große Stausee Lake Volta führte wegen Regenmangels zu wenig Wasser und so wurde in der Hauptstadt Accra eben der Strom rationiert. Doch eigentlich war nach Einbruch der Dunkelheit in Ghana immer Schlafen angesagt, weil zum Sonnenaufgang um sechs wieder alle auf den Beinen waren. Da füllten sich dann Straßen mit Frauen, die Körbe auf den Köpfen und Babys im Tuch auf dem Rücken trugen. Außerdem rannten zwischen den Trotros überall Hühner und Ziegen herum. Andere Praktikanten überlegten sich gar ein Spiel für langes Warten in Trotros, wobei es für jedes Huhn und jede Ziege, welche die Straße überquerten, Punkte zu gewinnen gab. Von meiner Organisation waren noch etwa 20 andere Praktikanten in Accra. Die Mehrheit von ihnen arbeitete in Krankenhäusern oder in Kinderheimen. Während dieser drei Monate war ich die einzige Praktikantin im journalistischen Bereich. Es war eine international gemischte Gruppe mit Briten, Amerikanern, Franzosen und anderen Nationalitäten. Zu meinem Unverständnis mieden die meisten von ihnen aber den intensiven Kontakt mit den Einheimischen. Ob aus einem Gefühl der Überlegenheit heraus ist mir nicht bekannt, aber ich finde, dass gerade die Begegnungen mit den Menschen den Aufenthalt in Ghana zu einer wertvollen Erfahrung gemacht haben. Mit den Ghanaern den Alltag zu erleben, auch ein Holzstück als Zahnbürste zu benutzen und mit den Fingern den Getreidebrei Fufu zu essen kosteten manchmal vielleicht Überwindung. Aber wenn man sich erst für die so andere Kultur geöffnet hatte, wurde man mit wunderbaren menschlichen Begegnungen beschenkt. Meine Reise: Von der Savanne in den DschungelMit einer anderen deutschen Praktikantin reiste ich gegen Ende meines Aufenthalts drei Wochen lang innerhalb Ghanas. Mit einem großen Rucksack ausgerüstet fuhren wir 30 Stunden lang mit einer Fähre bis zum nördlichen Ende des Voltasees und erkundeten dann mit Trotro und Bus den Norden Ghanas. In diesen abgelegenen Gebieten waren wir fast immer die einzigen Touristen und lernten eine ganz andere Seite des Landes kennen. Wir sahen dort Dörfer, die ihre Hausfassaden noch mit mystischen Figuren bemalen, und trafen Menschen, die nur ihre Stammessprache kannten. Eine Erholung von den vielen Stunden im Trotro war der Zwischenstopp im Mole-Nationalpark. Und während wir im Hotelpool badeten, konnten wir die Elefanten in ihrem Wasserloch planschen sehen. Auf den Safaris sahen wir dann auch Gazellen, Warzenschweine, Krokodile und verschiedene Affenarten. Einige Affen kamen immer wieder auch in der Hotelanlage vorbei, um unsere Kekse zu entwenden. Eine ganz besondere Nacht hatten wir schließlich in einem Stelzendorf. Nzulezu, ein kleiner Ort, der auf Stelzen an einem Flussufer gebaut ist, ist nur über sumpfige Wasserwege zu erreichen. Also fuhren wir mit dem Kanu durch den dunklen Urwald und schliefen in einer kleinen Holzhütte direkt über dem Wasser. Die wenigen Tage bis zum Abschied genoss ich noch mal alle ghanaischen Köstlichkeiten. Doch mehr noch werde ich die Menschen vermissen, die mir die ghanaische Lebensweise gezeigt haben. Organisation: Teaching & Projects Abroad Autorin: Stephanie Zehnle |