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Von Schlümpfen und Professoren in Cheltenham

Cheltenham
Die Landschaft in Cheltenham. (Foto: Fabian)
Auslandssemester im Rahmen des EU ERASMUS Programms stehen bei deutschen Studenten hoch im Kurs. Dabei ist England eines der beliebtesten Länder. Mich führte es Anfang September 2007 für ein halbes Jahr in den Südwesten des Landes nach Cheltenham, an die "University of Gloucestershire".

 

Diese Hochschule ist eine der beiden englischen Partneruniversitäten des Fachbereichs für Geschichts- und Kulturwissenschaften. 

Bevor das Semester begann, bot die Universität eine Einführungswoche für ausländische Studenten an, die so genannte „Orientation Week“. Hier bekamen wir „Internationals“ Gelegenheit, die Universität und die Stadt kennen zu lernen. Cheltenham umfasst rund 110.000 Einwohner und die Universität liegt mit etwa 10.000 Studenten im Größendurchschnitt der englischen Hochschulen.

Am Anfang war das Essen

Das Buffet in der Einführungswoche
Kulinarische Weiterbildung in Sachen einglischer Küche. (Foto: Fabian)

Die Einführungswoche war einer der Höhepunkte des ganzen Semesters. Nicht nur, weil wir den ganzen Tag über mit unglaublichen Mengen an Essen verköstigt wurden, bezahlt von den Studiengebühren der britischen Studenten, sondern vor allem, weil ich innerhalb dieser Woche sehr schnell Kontakte zu anderen ausländischen Studenten knüpfen konnte. Sie hielten sich während des ganzen Semesters hindurch bis heute.

Während des Semesters veranstaltete das International Student Office regelmäßig „Café Evenings“, zu denen alle Internationals eingeladen waren und, wie kann es auch anders sein, es jede Menge Essen gab. Anscheinend war den Verantwortlichen sehr daran gelegen, dass die Austauschstudenten sich nicht nur sprachlich weiterbildeten, sondern auch kulinarisch. Das ist bei dem schlechtem Ruf der englischen Küche natürlich verständlich. 

 

Deadlines und Dozenten

Nachdem ich nur Gutes über ein ERASMUS-Auslandssemester gehört hatte – zum Beispiel, dass der Arbeitsaufwand gleich Null sei und es bei den meisten Studenten nur „das Partysemester“ heiße - ging ich meine erste Uniwoche gelassen an. Mein Stundenplan schien diesen Erwartungen zu entsprechen. Ich hatte gerade mal acht Stunden Unterricht pro Woche.

Seminare sind in England ähnlich aufgebaut wie in Deutschland, allerdings mit überschaubaren Teilnehmerzahlen. Der Umgang mit den Dozenten ist relativ ungezwungen, was vor allem daran liegt, dass man sie mit ihrem Vornamen anspricht. Hat man Probleme oder Fragen, stehen die Dozenten, in dem Fall „Neil“ oder „Ian“, immer zur Verfügung, auch außerhalb ihrer Sprechstunde. Die ersten Wochen des Semesters verliefen sehr entspannt. Für deutsche Studenten ungewohnt, müssen Studierende in England bereits zur Mitte des Semesters kürzere Essays oder kurze Hausarbeiten abgeben. Davon hatten meine Erasmus-Vorgänger wohl vergessen zu berichten. Die Essays müssen zudem genauen Richtlinien entsprechen. Hält man sich nicht genau an diese, droht sofort Punktabzug!

Ebenso muss die Deadline für den Abgabetermin eingehalten werden. Überschreitet man diese um nur eine Stunde, so kann man höchstens noch eine vier Minus für seine Arbeit bekommen. Allerdings habe ich auch von spektakulären Aktionen gehört, bei denen die Arbeiten nach Ende der Deadline noch heimlich den Dozenten zugesteckt wurden.

Die längeren Arbeiten zum Semesterende, die noch während des Semesters eingereicht werden müssen, unterliegen den selben strengen Vorgaben.

So kam es, dass sich das „Partysemester“ sehr schnell in ein „Arbeitssemester“ verwandelte, bei dem der Druck wesentlich höher war als in Deutschland. Während ich als deutsche Studentin von solch strikten Regeln verständlicher Weise eingeschüchtert war, nahmen die englischen Studenten das Ganze weitaus gelassener. Sie fingen maximal einen Tag vor der Abgabefrist an, ihre Arbeit zu schreiben.

Motto-Partys und Uni-Bälle

Cheltenhamer Studenten als Schlümpfe verkleidet
Gut gelaunte Studenten auf dem Weg zu einer "Smurf"-Party. (Foto: Fabian)

In England steht das Feiern vor dem Studieren. Der durchschnittliche Student geht vier bis fünf Mal in der Woche abends weg. Allerdings nie am Wochenende, denn da sind die Preise höher als unter der Woche.

Die verschiedenen Lokalitäten haben sich den studentischen Bedürfnissen angepasst und bieten unter der Woche ein umfangreiches Amüsierprogramm.

Erster Anlaufpunkt der Studenten in Feierlaune ist meistens die campuseigene Bar. Während die Gießener Campus Bar zehn verschiedene Kaffeesorten bietet, gibt es dort nicht einmal eine einzige, dafür aber zwanzig unterschiedliche Biersorten.

Besonders beliebt sind in England vor allem Motto-Partys. Ich war etwas irritiert, als ich zur Geburtstagsfeier einer englischen Kommilitonin eingeladen wurde, die unter dem Motto „Army Night“ stand. Alle Gäste waren ausnahmslos im Militärlook gekleidet, entsprechend geschminkt und mit Spielzeugwaffen ausgestattet. Zwei Studenten hatten sich sogar als Adolf Hitler verkleidet.

Zum Ende meines Auslandssemsters verwunderte es mich auch nicht mehr, eine Horde von Kopf bis Fuß blau angemalter Studenten mit weißen Mützen nachts auf der Straße zu treffen. Hier handelte es sich offensichtlich um eine „Smurf“(Schlumpf) Party.

Auch die Uni förderte diesen Trend, indem sie regelmäßig Bälle und Partys veranstaltete, die unter einem bestimmten Motto stehen. So gab es den „Moulin Rouge Valentines Ball“ oder den „James Bond Freshers Ball“. Wichtig bei den Mottos scheint zu sein, dass sie den Studentinnen die Möglichkeit bieten, sich freizügig anzuziehen. Als besonders beliebtes Motto sei hier die „Naughty School Girls Party“ genannt.

 

Work hard, play harder

Dieses Motto trifft auf viele englische Studenten zu. Sie arrangieren sich erstaunlich gut mit den vorgegebenen Regeln der Uni und meistern die anfallenden Arbeiten effizient und mit so wenig Zeitaufwand wie möglich. Deshalb bleibt ihnen genügend Zeit, ihrer Lieblingsbeschäftigung nachzugehen, sich zu verkleiden und zu feiern. Was Mottos und Anlässe angeht, sind sie überaus kreativ.

Für deutsche Studenten gilt: Ein ERASMUS-Auslandssemester in England erfordert mehr Arbeit für die Uni, als man anhand des Stundenplans annehmen würde. Bei einem Auslandssemester geht es jedoch auch darum, „die Kultur des Gastgeberlandes kennen zu lernen“, wie mein Professor in Deutschland sagte.  Deshalb empfiehlt es sich, neben warmen Pullovern auch möglichst viele Faschingsaccessoires mit nach Cheltenham zu nehmen. Damit ist man auf jede Eventualität vorbereitet.

 

Von Sina Fabian

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Redaktion
18.09.2009 13:37
 

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