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Im Zeitalter des Electronic Commerce spielt die sichere und anonyme Bezahlung in öffentlichen Netzen wie z.B. dem Internet ein entscheidende Rolle. Das Konzept der digitalen Geldbörse bietet sowohl Fälschungssicherheit als auch Anonymität; dabei ist eine digitale Geldbörse eine Kombination von Software und Hardware, die die Gesamtsicherheit des Systems gewährleisten soll. Dieses Projekt behandelt im wesentlichen zwei Punkte:
Stand der Forschung
Digitale Signatur und digitales Bezahlen
Die Informations- und Kommunikationstechnik wird in den nächsten Jahren die Wirtschaft, aber auch das Privatleben in bislang unvorstellbarem Ausmaß prägen. Ein wesentlicher Bereich der zukünftigen Entwicklung werden digitale Transaktionen (electronic commerce) sein. Dazu ist es unabdingbar, adäquate Zahlungssysteme zu entwickeln. Solche Zahlungssysteme müssen vor allem zwei Eigenschaften erfüllen: Zum einen müssen sie die digitale Übertragung des Geldwertes ermöglichen, zum anderen müssen sie das gleiche Sicherheitsniveau bieten wie herkömmliche nichtdigitale Zahlungsmittel.
Grundsätzlich ist zu jedem nichtdigitalen Zahlungsmittel,
sei es eine Kreditkarte, ein Scheck, ein Gutschein oder Bargeld, ein digitales
Pendant denkbar. Besonders einfach ist die Umsetzung von Scheck- oder
Kreditkartensystemen, weil hierbei anders als bei Münz- oder Scheingeld
nur mit Daten bezahlt wird, genauer gesagt werden die Kreditkartendaten
des Zahlenden übertragen.
Die Sicherheit einer solchen Zahlung läßt sich dadurch erreichen,
daß der Kommunikationskanal kryptographisch abgesichert wird, so
daß Authentizität, Vertraulichkeit und Verbindlichkeit (non-repudiation)
gewährleistet sind. Ein Beispiel für ein solches Zahlungssystem
ist das bekannte Protokoll Secure Electronic Transaction (SET) von MasterCard
und VISA.
Der wichtigste Grundbaustein einer solchen kryptographischen Absicherung ist die digitale Signatur. Basierend auf einer Idee von Diffie und Hellman aus dem Jahr 1976 haben R. Rivest, A. Shamir und L. Adleman 1978 ein Verfahren vorgeschlagen, das sich mathematische Mechanismen zunutze macht, um ein digitales Äquivalent zur handschriftlichen Unterschrift zu erreichen. Der RSA-Algorithmus, so benannt nach seinen Erfindern, ist der wohl bekannteste und meist verwendete der modernen Kryptographie. Jeder Teilnehmer eines Kommunikationsnetzes besitzt hierbei einen ge-heimen Signierschlüssel, mit dem er Unterschriften erzeugen kann, und einen öffentlichen, jedem anderen Teilnehmer zugänglichen Verifikationsschlüssel, anhand dessen die Echtheit einer Signatur geprüft wird. Das Charakteristikum eines derartigen Verfahrens ist, daß es für jeden Teilnehmer ei-nen öffentlichen Schlüssel gibt; sie werden daher im Gegensatz zu den Methoden der klassischen Kryptographie, die nur geheime Schlüssel kennt, Public-key-Verfahren genannt.
Zusammen mit den Public-key-Verschlüsselungsverfahren ermöglicht die digitale Signatur sichere Kreditkartensysteme. Die Daten werden vom Anwender signiert und anschließend verschlüsselt, so daß nur der befugte Empfänger in der Lage ist, die Daten zu entschlüsseln und zu lesen und sich außerdem anhand der Signatur von der Authentizität überzeugen kann.
Bezahlungen mit Kreditkarte besitzen jedoch einen wesentlichen Nachteil, denn sie finden niemals anonym statt. Kreditkarteninstitute können über ihre Kunden detaillierte Profile erstellen. Es stellt sich die Frage, ob sich nicht alternativ zu Kreditkartenzahlungen ein Weg finden läßt, in einem offenen Computernetz in einer Weise zu bezahlen, die analog zum Bezahlen mit Bargeld ist. Ein solches Analogon zu Münz- und Scheingeld muß die folgenden Eigenschaften haben:
Ein digitales Zahlungssystem, das diese drei Merkmale
besitzt, bezeichnet man in Anlehnung an her-kömmliches Bargeld als
Münzsystem.
Die ersten beiden Eigenschaften lassen sich durch eine digitale Signatur
erreichen. Die Bank unterschreibt einen Datensatz, der zum Beispiel eine
Seriennummer der Münze o.ä. enthalten könnte. (Wir gehen
von einem vereinfachten Modell aus, in dem es nur eine Bank gibt.) Die
Signatur kann nur von der Bank erstellt werden, und ihre Echtheit ist
anhand des öffentlichen Schlüssels von jedem überprüfbar.
Der Besitzer der Münze hat nicht die Möglichkeit den unterschriebenen
Datensatz nachträglich zu ändern, das bedeutet, daß er
aus einer vorhandenen Münze keine neue Münze erzeugen kann.
Dabei stellt sich jedoch immer das Problem, daß der Unterzeichnende
den Datensatz kennt, den er unterschreibt, so daß sich auf diese
Weise keine Anonymität erreichen läßt.
Blinde Signaturen und digitales Geld
Die entscheidende Grundidee zur Umsetzung von digitalem Münzgeld stammt von D. Chaum aus dem Jahre 1985. Er greift dabei auf das Konzept der blinden digitalen Signatur zurück. Eine blinde digitale Signatur hat zunächst die gleichen Eigenschaften wie eine „normale” Signatur, das heißt sie ist fälschungssicher, für jeden verifizierbar und unleugbar. Der wesentliche Unterschied besteht darin, daß der Unterschreibende keine Information darüber besitzt, welches Dokument er unterschrie-ben hat und wie seine Signatur aussieht. Man beachte, daß es sich hierbei nicht um eine Blankoun-terschrift handelt, denn obwohl der Unterschreibende das Dokument nicht kennt, kann es dennoch nach dem Signieren nicht verändert werden.
Eine weitere wünschenswerte Eigenschaft eines Münzsystems ist, daß die Bezahlung mit einer Münze offline, das bedeutet ohne Zuhilfenahme der Bank, geschehen soll. Andernfalls müssen Händler für jede Bezahlung, die sie erhalten, eine Verbindung zur Bank aufbauen. Dies kostet nicht nur Zeit, sondern ist vor allem aus Kostengründen nicht sinnvoll. Für die Verifikation der Echtheit einer Mün-ze ist eine online-Verbindung auch nicht notwendig, da es für jedermann möglich ist die Echtheit der Signatur der Bank festzustellen. Allerdings fehlt den digitalen Münzen die Originalität. Jeder Besitzer einer Münze kann diese beliebig oft kopieren, wobei zwischen Original und Kopie keinerlei Unterschied besteht. Daher ist es auch möglich, daß jemand eine Münze mehrfach ausgibt, da die Emp-fänger des Geldes eine Kopie nicht erkennen können. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von einem Double-spending einer Münze.
Es gibt zwei mögliche Lösungswege für diese Situation: Zum einen kann man auf online-Verfahren zurückgreifen. Der Händler kann selbst die Echtheit einer Münzsignatur überprüfen, wohingegen er die Originalität feststellt, indem er während der Bezahlung die Bank kontaktiert. Dies bedeutet, daß der Mechanismus der blinden Signatur in einem online-System ausreicht, um ein Münzsystem zu konstruieren.
Weitaus komplexer ist die Situation, wenn dennoch
ein offline-Verfahren eingesetzt werden soll. Hierbei wird die Identität
des Münzbesitzers so in die Münze eingebettet, dass jemand,
der eine Münze mehr als einmal ausgegeben hat, nachträglich
von der Bank entdeckt werden kann.
Observer
Das Entdecken eines Double-Spending im Nachhinein
kann keine befriedigende Lösung sein. Es wäre besser, die Besitzer
von Münzen von vornherein daran zu hindern, ihre Münzen zu kopieren.
Hiermit ist nicht gemeint, daß es nicht einen Schutz vor dem Verlust
von Münzen durch technische Defekte geben sollte, wie beispielsweise
einem Back-up der Münzen. Ziel ist es, Münzen so zu speichern,
daß der Kunde keine Kopie erzeugen kann, die ihm ein mehrfaches
Ausgeben ermöglicht, sondern nur gewisse Informationen kopieren kann,
die ihm das Einlösen des Geldes bei einem technischen Ausfall gestatten.
Um das Erzeugen von Kopien zu verhindern, die für ein Double-spending
genutzt werden können, kann man die Münzen in einer Umgebung
speichern, die für die Kunden nicht auslesbar oder manipulierbar
ist. Dies könnte beispielsweise in einer Chipkarte geschehen. Dies
führt allerdings zu einer Schwächung der Anonymität, denn
der Kunde kann nicht mehr überprüfen, ob die Münzen tatsächlich
blind signiert worden sind oder nicht, da er keine Kontrolle über
die Chipkarte hat.
Dem kann man dadurch begegnen, daß man ein „tamper proof hardware
device” (TPHD, d.h. ein unmanipulierbares Medium) nicht als Speichermedium,
sondern als Observer oder Guardian einsetzt. Dieses Konzept stammt von
Chaum und Pedersen. Das tamper proof hardware device ist nicht im Besitz
der Münze, sondern speichert nur einen bestimmten Anteil der Münze.
Verschiedene Systeme wiedas von Brands oder Ferguson haben ein solches tamper proof hardware device integriert. Es handelt sich dabei stets um spezielle Lösungen, die sich nicht auf andere Systeme übertragen lassen.
Bemerkung. Häufig findet man in der Literatur den Ausdruck „digitale Geldbörse” oder „elektronische Brieftasche”, die höchst unterschiedliche Dinge bezeichnen. Das Spektrum reicht von reinen Softwarelösungen, die es ermöglichen, digitale Münzen zu erzeugen und auszugeben, bis hin zu Hardwarelösungen, das heißt Geldkarten, die einen bestimmten Betrag speichern und bei einer Bezahlung den gewünschten Wert abbuchen.
Wir verwenden den Begriff „digitale Geldbörse”, wenn
wir von Münzsystemen sprechen, die eine zusätzliche Hardware
benutzen. Innerhalb des Projektes konzentrieren wir uns auf digitale Geldbörsen,
die als zusätzliche Hardware nur einen Observer verwenden.
Zusätzliche Eigenschaften
Es gibt einige zusätzlich wünschenswerte Eigenschaften, die man sich bei digitalem Münzgeld vorstellen kann. Im wesentlichen sind das Übertragbarkeit, Teilbarkeit und Fairnessvon Münzen.
(1) Übertragbarkeit
Die meisten Münzsysteme betrachten nur einen stark vereinfachten
Kreislauf einer Münze. Der Kunde hebt sie bei der Bank ab, bezahlt
bei einem Händler damit und zuletzt löst der Händler sie
wieder bei der Bank ein.
Man kann auch ein komplexeres Modell betrachten, in dem eine Münze
erst eine Reihe von Besitzern hat, bevor sie bei der Bank eingelöst
wird. Solche Münzen nennt man übertragbar. Bei online-Verfahren
bedeutet die Übertragbarkeit automatisch einen Verlust der Anonymität
der Münzen. Jeder Empfänger einer Münze muß bei der
Bank erfragen, ob dieMünze gültig ist oder nicht. Will der Empfänger
dieselbe Münze zu einem späteren Zeitpunkt selbst ausgegeben,
so wird wiederum die Bank nach der Originalität der Münze gefragt.
Damit die Bank unterscheiden kann, ob hier der ursprüngliche Besitzer
ein Double-spending betreibt oder der neue rechtmäßige Besitzer
die Münze ausgibt, muß sie den Besitzer der Münze identifizieren
können. Daher kann die Münze nach dem Übertragen nicht
mehr anonym ausgegeben werden. Außerdem stellt sich die Frage, was
passiert, wenn jemand eine Münze erhält, die schon einmal in
seinem Besitz war. Versucht er die Münze bei der Bank einzulösen,
so wird diese ihn des Double-spending bezichtigen.
In offline-Systemen hingegen ist die Bank an den Bezahlungen nicht beteiligt,
so daß eine Übertragbarkeit von Münzen hier durchaus sinnvoll
sein kann. Die interessanteste Veröffentlichung auf diesem Gebiet
ist sicherlich der Artikel von Chaum und Pedersen, in dem gezeigt wird,
daß innerhalb eines gewissen Modells von Übertragbarkeit diese
nur auf Kosten der Effizienz und der Anonymität zu erreichen ist.
(2) Fairness
Die Anonymität, die ein Münzsystem den Kunden gewährleistet,
basiert häufig auf komplexitätsthe-oretischen Annahmen. In manchen
Systemen, insbesondere den online-Systemen, ist sie sogar bedin-gungslos
garantiert. Damit wird dieses Geld für kriminellen Mißbrauch
wie Geldwäsche, perfekte Erpressungen u.ä. attraktiv.
Normale Geldscheine verfügen über eindeutige Seriennummern,
die eine Rückverfolgung von Geld erlauben. Das bedeutet nichts anderes,
als daß im Bedarfsfall, also zum Beispiel bei einer Erpressung,
die Anonymität des Geldes aufgehoben werden kann.
In digitalen Geldsystemen ist dies so ohne weiteres nicht möglich,
denn die Anonymität läßt sich nur aufheben, wenn man ein
aus der Sicht der Komplexitätstheorie schwieriges Problem löst,
wie zum Beispiel die Faktorisierung oder das diskrete Logarithmusproblem.
In den Systemen, die eine bedin-gungslose Anonymität besitzen, gibt
es überhaupt keine Möglichkeit, die Identität eines Kunden
festzustellen.
Digitale Geldsysteme, die zusätzliche Maßnahmen ergreifen,
um die Anonymität der Kunden so sicherzustellen, daß im Verdachtsfall
eine vertrauenswürdige Instanz (TTP) sie aufheben kann, werden als
fair bezeichnet.
(3) Teilbarkeit
Man kann Münzen von verschiedenem Wert erreichen, indem die Bank
verschiedene öffentliche Schlüssel publiziert, mit denen die
Signatur der Münze verifiziert wird.
Kann ein Kunde nicht passend zahlen, so gibt es für ein System verschiedene
Möglichkeiten mit dieser Situation umzugehen:
Es gibt mehrere Systeme, die teilbare Münzen verwirklichen. Auch
dies sind nur Lösungen für Spezialfälle, die sich im wesentlichen
die Homomorphie der RSA-Signatur zunutze machen.
Sämtliche Lösungsvorschläge besitzen das folgende Problem:
Münzsysteme ohne Teilbarkeit sichern den Kunden einen sehr hohen
Grad an Anonymität, nämlich die Unverknüpfbarkeit von Münzen.
Das bedeutet nicht nur, daß die Bank von einer bestimmten Münze
nicht sagen kann, welcher ihrer Kunden sie ausgegeben hat, sondern sie
kann bei zwei vorliegenden Münzen nicht einmal entscheiden, ob sie
von derselben Person ausgegeben worden sind. Diese Unverknüpfbarkeit
von Münzen konnte bisher in Systemen mit Teilbarkeit nicht aufrecht
erhalten werden.
Ziele des Projekts
Ziel des Projektes ist es, ein Konzept für eine digitale Geldbörse zu entwerfen, das sowohl die Sicherheitsbedürfnisse der Banken nach Fälschungssicherheit und zentraler Erzeugbarkeit als auch die Sicherheitsbedürfnisse der Kunden nach Anonymität und Echtheitsüberprüfbarkeit erfüllt. Die digitale Geldbörse soll außerdem alle für die Praxis wünschenswerten Eigenschaften besitzen, das heißt sie soll kundenfreundlich sein in dem Sinne, dass sie vorteilhafte Eigenschaften wie zum Beispiel die Übertragbarkeit besitzt, und sie soll resistent gegen kriminellen Missbrauch durch Kunden wie Erpressungen oder Geldwäsche sein, wozu es notwendig ist, die Anonymität der Kunden im Bedarfsfall aufheben zu können.
Verschiedene theoretische Untersuchen haben wir bereits abgeschlossen.
Dazu gehören Konzepte für die Übertragbarkeit und Fairness von
digitalen Geldbörsen.
Da die gängigen Konzepte zur Umsetzung von Fairness nicht sehr effizient
sind, untersuchen wir im Augenblick Alternativen zu den bisher vorgestellten
Verfahren. Unser Ansatz ist, perfekt blinde Signaturen durch rechnerisch blinde
Signaturen zu ersetzen und so auf einfachere Weise Fairness integrieren zu können.
Eine Dissertation aus der Arbeitsgruppe beschäftigt sich mit der
Theorie der blinden Signaturen.
Außerdem sollen verschiedene Wechselgeldkonzepte hinsichtlich ihrer Sicherheit
und Effizienz untersucht werden.
Unsere theoretischen Arbeiten werden wir schrittweise auch
praktisch umsetzen. Auf der CeBIT 03 präsentieren wir eine Implementation
eines Münzsystems (basierend auf elliptischen Kurven) auf einem mobilen
Endgerät. Unser Ziel ist es, diese Implementierung zu eienr Geldbörse
mit Übertragbarkeit und Fairness zu erweitern.
Links
Folien zum Projekt "Digitale Geldbörse"
Deutsche Forschungsgemeinschaft
Schwerpunktprogramm Sicherheit in der Informations- und Kommunikationstechnik