Verfasst von julia

Lesetext - Teil 2

Lesen 3. Erinnerungen an die Unfreundlichkeit - Die Fortsetzung der Geschichte

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Bitte lesen Sie nun die Fortsetzung der Geschichte.

[...]

Noch immer öffnete man Koffer. Noch immer fragte man nach Reiseziel und Aufenthaltsort.

Nichts hatte sich geändert.

Mein kleines Handgepäck hatte der eine schnell durchsucht, ein anderer mein Buch schnell als harmlos eingestuft.

„Ihr Reiseziel?“

Statt Erfurt zu sagen, sagte ich vor lauter Aufregung:

„Ich will meinen Vater im Krankenhaus besuchen. Er hat Krebs.“

„Ihren Vater?“

Ich nickte, weil ich vielleicht glaubte, dass die Krebserkrankung meines Vaters mir irgendwelche Sonderrechte einräumte.

„Ihr Ausweis!“

Er zog ihn mir mehr aus der Hand, als dass ich ihn reichte, und prüfte ihn genau. Dann wandte er sich an seinen gerade auf der anderen Abteilseite beschäftigten Kollegen, deutete wortlos auf etwas in meinen Papieren, beide nickten sich kurz zu, und dann ging er mit dem Ausweis kommentarlos davon.

Da der Zug in der prallen Hitze stand und die Hitze im Abteil schon jetzt unerträglich war, trafen mich erste vorwurfsvolle Blicke von Mitreisenden – so als wäre ich schuld an dieser Verzögerung.

In mich aber fraß sich ein Feuer, das im Herzen nicht Asche, sondern Eis hinterließ - die Angst.

Schließlich betrat der Grenzer – ohne den Ausweis in der Hand - mit seinem Kollegen und dem Hund wieder das Abteil und trat auf mich zu.

„Kommen Sie bitte mit!“

„Warum? Mein Pass ist in Ordnung.“

„Kommen Sie mit!“

Ich wusste, dass gleich ein vereintes Nachobenzerren folgen würde, und wollte mir und den Reisenden diese Aufregung ersparen. Also stand ich auf und verließ das Abteil und den Zug.

Auf dem völlig verwaisten Bahnsteig zog der Grenzer meinen Ausweis aus der Tasche und reichte ihn mir mit den Worten:

„Sie sind in der DDR nicht erwünscht.“

„Aber hören Sie, ich will meinen kranken Vater besuchen.“

„Sie haben keine Einreiseerlaubnis. Der nächste Zug Richtung Fulda geht in einer halben Stunde.“

„Aber er wird bald…“

„Un zwor gleich om Bohnsteich gäschenüwer“ [und zwar gleich am Bahnsteig gegenüber], unterbrach mich jetzt der andere, süffisant sächselnd.

Es war klar, dass jedes weitere Wort umsonst war und mir nur Ärger bereiten würde.

Sie hatten es mir ja gesagt. Damals. Bei der Ausreise:

Dass ich nie wieder ihr Land betreten dürfte.

Selbst in dringenden Familienfällen nicht.

Persona non grata.

Der Zug nach Fulda kam mit fast einer Stunde Verspätung und fuhr erst nach einer weiteren Stunde weiter.

Meinen Vater habe ich erst ein halbes Jahr später, gut zwei Monate nach dem Zusammenbruch der DDR, besuchen können.

Aber da war er schon kaum noch ansprechbar und erkannte mich nicht mehr.

Eine Woche darauf ist er gestorben.

[...]

Wortschatz Wortschatz

  • der Aufenthaltsort: der Ort, an dem sich eine Person befindet oder befinden wird; hier: die genaue Adresse, wohin und zu wem man fährt
  • einstufen: klassifizieren, zuordnen
  • Sonderrechte einräumen: spezielle Rechte, Freiheiten geben
  • pralle Hitze: intensive, starke Sonneneinstrahlung/Wärme
  • vorwurfsvoll: mißbilligend, tadelnd, beschuldigend
  • die Verzögerung: etwas geschieht später; dauert länger als geplant; läuft langsamer ab
  • das Nachobenzerren: jemanden gegen seinen Willen, gegen seinen körperlichen Widerstand mit großer Anstrengung nach oben ziehen
  • verwaist: ein Kind, dessen Eltern gestorben sind, ist verwaist; der/die Waise
  • die Einreiseerlaubnis: Genehmigung, um über die Grenze eines Landes zu kommen
  • süffisant: herablassend, überheblich, anmaßend, arrogant, eingebildet
  • sächselnd: sächsisch sprechend
  • Persona non grata: lateinisch für unerwünschte Person

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