Vor 75 Jahren verbrannten Studierende in Deutschland unliebsame Bücher und setzten an den Hochschulen den Nationalsozialismus durch. In Gießen spielten heute noch bestehenden Burschenschaften dabei eine bedeutende Rolle.
Im Jahre 1933, zumeist am 10. Mai, mal früher mal später, wurden an den meisten deutschen Hochschulstädten von Studierenden „zersetzende Schriften” verbrannt. Diese „Aktion wider den undeutschen Geist” wurde vom damaligen Dachverband der Studierendenschaften, der „Deutschen Studentenschaft“, organisiert.
Als „zersetzend” galten den deutschen Studierenden dabei Schriften von liberalen und linken Wissenschaftler_innen und Autor_innen sowie vor allem: Schriften von Jüdinnen und Juden. Die landesweit koordinierten Bücherverbrennungen waren somit nicht nur ein weiterer öffentlichkeitswirksamer Auftakt zur politischen Verfolgung von Nazigegner_innen, sondern auch ein Vorspiel zum Holocaust. Dieses Jahr jähren sich die Bücherverbrennungen zum 75. Mal.
Bücherverbrennung und Nationalsozialismus in Gießen
An der Ludwigs-Universität Gießen erhielt die öffentliche Verbrennung unliebsamer Autor_innen am 8. Mai 1933 nicht den selben hohen Stellenwert. Hier hatte man schließlich wichtigeres zu tun: Die Bücherverbrennung wurde als Teil eines Festaktes zur Begrüßung des neuen Staatspräsidenten Ferdinand Werner, ehemaliger Student der Ludoviciana, alter Herr der Landsmannschaft Chattia und rabiater Nationalsozialist, begangen. Hierzu luden Rektor und Studentenschaft gemeinsam ein, um die Universität sowie Studierende auf die neue nationalsozialistische Linie einzuschwören.
Die Treue zu den neuen Nazi-Größen im Staatsapparat dürfte den meisten Gießener Studierenden nicht besonders schwer gefallen sein: Sie verschafften den völkisch-nationalen Listen schon ab 1929 satte Mehrheiten im Gießener AStA. Dieser forderte 1930 die „Errichtung von Lehrstühlen für Rasseforschung“ und und forderte 1931 den Ausschluss jüdischer Studierender von der Hochschule. Diese Forderung hatte die medizinische Fachschaft für das Studium der Medizin schon 1919 erhoben.
Die Gießener Ortsgruppe des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes (NSDStB), der ab 1933 den AStA dominierte, wurde vorwiegend von Burschenschaftlern der Alemannia und Frankonia gegründet. Bei der Huldigungsfeier zu Ehren Werners standen Studtenten der Landsmannschaft Chattia in vollem Wichs Garde vor der Bühne; das Hauptgebäude wurde mit den Fahnen der Chattia beflaggt (neben der Hakenkreuzfahe). Gießener Studentenschaftsführer Adam erklärte in seiner Rede: „Kapitalisten und Liberalisten, Juden und Marxisten haben an der deutschen Hochschule nichts mehr zu suchen. Darum werden wir nicht ruhen noch rasten, bis auch die letzte Universität zu Hochschule des deutschen Sozialismus geworden ist.“
Von einer erzwungenen Gleichschaltung kann in diesem Falle keine Rede sein.Vielmehr machten sich die Gießener Korporationen sowie Universität aus freien Stücken zu willigen Helfern des deutschen Nationalsozialismus. „Das Geschehen und Verhalten an der Ludoviciana während des Nationalsozialismus kann man im allgemeinen als durchschnittlich – das heißt vielfach als bedrückend und beschämend – ansehen“ schreibt die Uni heute in ihrer Selbstdarstellung. Ein geschichtlicher Irrläufer war es aber nicht, der von außen unvorhergesehen und ungewollt über sie herein brach. Die antisemitische, rassistische Diskriminierung sowie die Berufsverbote für „unliebsame“ Dozenten als „durchschnittlich“ im Rahmen der überall üblichen Schikanen darzustellen, lässt die völkische Hetze der vergangenen Tage schon fast als „zeitgemäß“ erscheinen. Das eigentliche Problem wird damit aber freilich nicht benannt: Eine Uni und Studierendenschaft, die sich der Sache der Nazis verschrieben und sich so an deren Verbrechen beteiligten.
Quellen zur Bücherverbrennung und Nationalsozialismus in Gießen (unvollständig!)
- Jakobi, H.; Chroust, P.; Hamann, M.: Aeskulap & Hakenkreuz: zur Geschichte der Medizinischen Fakultät in Gießen zwischen 1933 und 1945.
- Kah, R. (Hrsg.): Kleine Geschichte des Faschismus und Rechtsradikalismus in der Provinz : ein antifaschistischer Stadtführer für Gießen
- Kailer, T.; Schwöbel, C.: Unterwerfung mit Schriftenverbrennung: Die “Große nationale Kundgebung” der Ludwigs-Universität am 8. Mai 1933. In: Mitteilungen des Oberhessischen Geschichtsvereins 92 (2007), S. 81-115.
- Reimann, B.: Avantgarden des Faschismus: Studentenschaft und schlagende Verbindungen an der Universität Gießen 1918 – 1937. Frankfurt/Main 2002, 2007.
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