Teilprojekt E11 Visualisierung und Virtualisierung von Erinnerung. Geschichtspolitik in der medialen Erlebnisgesellschaft.

Leiter: Claus Leggewie



Ziel des Teilprojektes ist die empirische Bestandsaufnahme und Analyse des Einflusses von digitalen und interaktiven Medien auf Erinnerungskulturen am Beispiel der Vergegenwärtigung von Nationalsozialismus und Holocaust. Dabei werden anhand exemplarischer Angebote die Darstellungsmodalitäten untersucht und die Bedeutung des Medienwandels im Hinblick auf die institutionelle Verfasstheit von kommemorativen Arrangements reflektiert. Die dabei verfolgte Frage nach Veränderungen bei der Vermittlung und Verbreitung von Vergangenheitswissen lässt sich von geschichtspolitischen, kultursoziologischen und medienwissenschaftlichen Annahmen leiten. Für das Verständnis der gesellschaftlichen Organisation der Weitergabe von Erinnerungen werden geschichtspolitische Setzungen als Ergebnis von Aushandlungsprozessen über historische Deutungen als relevant erachtet. Die kollektive Verbindlichkeit solcher Setzungen ist in pluralistischen Gesellschaften jedoch nicht umstandslos gegeben, sondern stets umstritten. Für die konkrete Ausgestaltung der Sphäre öffentlicher wie offizieller Kommemoration gilt deshalb, dass nicht nur ein – in diesem Fall geschichtspolitisch definierter Zweck erfüllt wird, sondern, dass erinnerungskulturelle Angebote zusätzlich auch einen subjektiven Erlebniswert aufweisen müssen um Publikumswirksamkeit zu erzielen. Die Hierarchisierung von Vergangenheitswissen, die als Ziel von Geschichtspolitik begriffen werden kann, erfolgt somit in der Erlebnisgesellschaft nicht nur über inhaltliche Kriterien, die die Faktizität und Angemessenheit historischer Deutungen zum Gegenstand haben, sondern auch über „sachfremde“ Faktoren einer Konkurrenz um Aufmerksamkeit. Welche Darstellungsstrategien sich dabei durchsetzen können, ist nicht zuletzt von den für die Vermittlung genutzten Medien abhängig.

Von diesen Prämissen ausgehend fokussiert das Teilprojekt die erinnerungskulturellen Auswirkungen eines durch Digitalisierung evozierten Medienwandels am Beispiel von Online-Angeboten, CD-ROMs und computergestützten Anwendungen in Ausstellungen. Die in dieser Perspektive bereits erzielten Ergebnisse des Teilprojekts lassen sich folgendermaßen zusammenfassen: Die vor allem vor dem Hintergrund der massenmedialen Repräsentation von Nationalsozialismus und Holocaust insbesondere in Film und Fernsehen verfolgte Hypothese von der Visualisierung und Virtualisierung von Erinnerung bedarf im Hinblick auf die Neuen Medien einer deutlichen Differenzierung. Tendenzen der Dramatisierung, Fiktionalisierung und Unterhaltungsorientierung stellen nur einen, in den verschiedenen Formaten zudem unterschiedlich stark ausgeprägten Aspekt dar. Viele der analysierten Angebote weisen geradezu eine gegenläufige Tendenz auf, nämlich eine stark textgebundene Möglichkeit zur Spezifizierung von Informationen seitens der Rezipienten. Die Attraktion von Aufmerksamkeit sowie die Evozierung von Erlebnisqualitäten realisieren Neue Medien im untersuchten Gegenstandsbereich also vielfach in anderer Weise als konventionelle Massenmedien. Auch das medienübergreifende Darstellungsprinzip der Personalisierung weist in dieser Hinsicht differente Ausprägungen auf: Biografische Zugänge in Neuen Medien orientieren sich zwar auch am Faktor der Prominenz, bei anderen Angeboten besteht das Interesse aber gerade darin, sich vormals „namenloser“ Opfer zu erinnern. Die Möglichkeit „individualisierter Massenkommemoration“ ist somit ein signifikanter Aspekt des in Frage stehenden erinnerungskulturellen Wandels.