Projektbereiche
Teilprojekt E12 Geschichte(n) als Argument in der Biomedizin: Vergegenwärtigungen der nationalsozialistischen "Euthanasie" zwischen Politisierung und Historiographie, ca. 1945-2000
Leiter: Volker Roelcke
Als Reaktion auf die Medizin im Nationalsozialismus entwickelten sich in unterschiedlichen medizinischen Kontexten verschiedene Erzählmuster, jeweils verknüpft mit expliziten oder impliziten Geschichtsbildern. Im geplanten Teilprojekt werden die Formen der Vergegenwärtigung der NS-"Euthanasie", ihre Historizität und Politisierung in der deutschen Nachkriegsgesellschaft sowie in der internationalen medizinischen und bioethischen community analysiert. Ziel ist es, die formalen und inhaltlichen Charakteristika der Bezugnahme auf die Vergangenheit in Medizin und Bioethik in ihrer Bedeutung für den Medizin- und Bioethik-internen Diskurs zu rekonstruieren, sowie einen Vergleich mit anderen Erinnerungskulturen (insbesondere solchen, die sich auf die Zeit des Nationalsozialismus beziehen), zu ermöglichen.
Die nationalsozialistische Vergangenheit hat die deutsche, aber auch die internationale Medizin seit dem Ende des 2. Weltkrieges in unterschiedlichster Form beschäftigt. Einige Teile der Ärzteschaft erlebten die Thematisierung der nationalsozialistischen Medizinverbrechen als Angriff, andere als Anlass zur Auseinandersetzung mit ethischen und epistemologischen Prämissen von medizinischer Forschung und Praxis. Aus der Konfrontation mit dieser Vergangenheit entwickelten sich in unterschiedlichen Kontexten sowohl identitäts-stiftende als auch identitäts-destruierende Erzählmuster, die auf explizite oder implizite Weise bestimmte Geschichtsbilder transportieren.
Die Formen der Vergegenwärtigung speziell der nationalsozialistischen "Euthanasie", ihre Historizität und Instrumentalisierung bzw. Politisierung in unterschiedlichen Entwicklungsphasen der deutschen und internationalen medizinischen und bioethischen community sollen im diesem Teilprojekt aus zweierlei Perspektiven thematisiert werden: Erstens werden die Formen der Erinnerung und Auseinandersetzung mit der "Euthanasie" in der deutschen Medizin und Medizinhistoriographie durch die wechselnden (professions-) politischen Kontexte der Bundesrepublik bis hin zu den Grundsätzen der Bundesärztekammer zur Sterbebegleitung 1998 rekonstruiert.
Zweitens wird ein erklärungsbedürftiges Phänomen fokussiert: Der Umstand, dass außerhalb Deutschlands in der Bioethik fast ausschließlich in den Debatten zur Problematik der Humanexperimente, nicht aber in Bezug auf die Euthanasie/Sterbehilfe auf die Zeit des Nationalsozialismus rekurriert wird. Diese selektive Bezugnahme soll anhand der unterschiedlichen Rezeption der deutschen, der französischen und der amerikanischen "Dokumentationen" des Nürnberger Ärzteprozesses analysiert werden. Dabei soll insbesondere der selektive Charakter, sowie der sich wandelnde Stellenwert der Bezugnahme auf die nationalsozialistische "Euthanasie" im bioethischen Diskurs in Abhängigkeit von den wechselnden politischen Kontexten der Nachkriegszeit, sowie in den verschiedenen nationalen Traditionen rekonstruiert werden.