Projektbereiche
Mitarbeiter
Teilprojekt F07 Professionelle Erinnerung an der Börse: Die Markt-Zeit der Globalisierung
Leiter: Andreas Langenohl
Das Teilprojekt untersucht professionelle Deutungsmuster finanzmarktlicher Vorgänge, die auf gesellschaftlich institutionalisierten Zeitverlaufsvorstellungen basieren und sich in konkreten Erinnerungsformen und Vergangenheitsdeutungen an der Börse äußern, und fragt nach dem inneren Zusammenhang dieser Temporalitätsvorstellungen mit der Deutungschiffre 'Globalisierung'. Damit behandelt es Fragen, die sich im Anschluss an die Ergebnisse des Vorgängerprojekts 'Erinnerung an der Börse' ergeben haben und diese Ergebnisse in einem erweiterten Forschungskontext interpretierbar machen. Diese Ergebnisse besagen, dass 'Börsianer' (FondsmanagerInnen und AktienanalystInnen) bestimmte Deutungen der Vergangenheit unterhalten - sozusagen ein 'Börsianer-Gedächtnis' (s. unten stehende Working papers). Dieses ermöglicht ihnen eine Orientierung in einem von krisenhaften Entwicklungen und Unsicherheiten geprägten Arbeitsalltag. Das entscheidende Merkmal dieses Gedächtnisses bildet ein vergangenheitsbezogenes Deutungskontinuum zwischen Marktnähe und Marktferne: Je näher sich Finanzprofessionelle in ihrem Berufsalltag an den Finanzmärkten verorten, desto stärker rekurrieren sie auf ein Deutungsmuster von 'Markt-Zeit', d.h. einer außeralltäglichen Zeitlichkeitsordnung des Finanzmarktes. Diese Ergebnisse sind an die internationale soziologische Finanzmarktforschung (etwa von Karin Knorr-Cetina) anschließbar.
Das Teilprojekt untersucht die gesellschaftliche Reichweite und Institutionalisierung dieses Deutungsmusters der 'Markt-Zeit' und insbesondere seine Verknüpfung mit der Deutungschiffre der 'Globalisierung'. Dabei gehen wir zunächst von den bereits durchgeführten qualitativen Interviews mit Finanzprofis aus, erweitern diesen Datenkorpus aber um empirische Analysen, welche die gesellschaftlich institutionalisierten, im Zuge der Globalisierung veränderten Legitimitätserwartungen an finanzmarktliches Handeln zum Gegenstand haben. Es handelt sich dabei um
a) einen diskursanalytischen Vergleich der Kommentierungen der Aktienmarktkrisen 1987 und 2000 in der Fachpresse, der eine Konturierung der Deutungschiffre 'Globalisierung' seit den 1990er Jahren und ihres Bezuges zu Erinnerungspraktiken im Horizont der Markt-Zeit erlaubt, und
b) um eine auf Experteninterviews und Dokumentanalysen basierende Rekonstruktion rechtlicher, organisationaler und technologischer Umstrukturierungsprozesse der Börse Frankfurt im selben Zeitraum, die die veränderten Vergangenheitsrepräsentationen, in denen sich Markt-Zeit äußert, in der professionellen Bewertung finanzmarktlichen Handelns kenntlich machen soll.
Wir betrachten Erinnerung also als eine kulturelle Orientierungsleistung, die den Alltag von Börsenprofis strukturiert. Diese kulturellen Rahmen der Erinnerung an der Börse untersuchen wir mit Hilfe von Leitfadeninterviews mit AnalystInnen, FondsmanagerInnen und AnlageberaterInnen. Dies bindet unsere Interviewpartner in den Untersuchungsprozess ein und gibt uns die Möglichkeit, auf unsere eigene Rolle als ForscherInnen und ProduzentInnen von Erinnerungsdiskursen zu reflektieren.
Working Papers
'In the long run we are all dead': The Imagery of Long-Term Efficiency in Financial Market Narratives (Working paper No. 6, October 2005)
This paper explores the institutional and imaginary dimension of time in professional narratives about the financial markets. In doing so, it introduces the notion of 'market time' as an inductive condensation of the empirical fact that such narratives on the financial market, regardless of whether they are found in broadsheet newspapers, the quality press, at press conferences, in do-it-yourself manuals, or in the statements of professional actors and financial representatives, maintain that the financial markets are characterized by a specific time regime distinguishing its logic from that of the rest of the economy. Empirically the paper proceeds from qualitative interviews with financial professionals in Frankfurt/Main conducted between June 2003 and May 2004. These are methodologically treated as semi-narrative text, thus making possible the exemplary interrelation of the institutional and imaginary dimension of financial market narratives: it will be argued that it is the professional quality (in Talcott Parsons' sense) of their everyday work that allows for a theory-guided reconstruction of the relationship between the institutionalization and societal imagination of market time. The paper then moves on to empirical results from the interview project and ends on a speculation about the meaning of the imagery of market time as important element of the symbolic structuring of informational capitalism.
Neo-Institutionalismus und Konstruktivismus: Zur qualitativen Rekonstruktion konfligierender institutioneller Logiken in Unternehmen der Finanzwirtschaft (Working paper No. 5, Juni 2005)
Das Papier zeichnet empirisch Prozesse der Delegitimierung, also des Entzugs von Loyalität, innerhalb von Bankorganisationen in Deutschland im Zuge der jüngsten Krise an den Finanzmärkten nach und bringt diese mit der Problematik der externen Legitimation dieser Bankorganisationen in Verbindung. Dies geschieht vor dem Hintergrund des theoretischen Versuchs einer konstruktivistischen Tiefenschärfung des neo-institutionalistischen Ansatzes in der Organisationsforschung, der Organisationen als legitimitätsbedürftig gegenüber gesellschaftlich verankerten normativen Erwartungen ansieht. Ausgehend von einer Diskussion des Begriffs der 'institutionellen Logik' wird argumentiert, dass solche Logiken in den normativen Orientierungen der Organisationsmitglieder eine reflexive Dimension annehmen und auf dieser Grundlage rekonstruierbar sind. Eine solche Rekonstruktion wird auf der Grundlage qualitativer Interviewdaten exemplarisch anhand der Frage nach dem Zusammenhang zwischen wiederstreitenden institutionellen Logiken in der Finanzbranche und Delegitimierungserscheinungen bei MitarbeiterInnen in Banken und Fondsgesellschaften durchgeführt.
Langenohl u. Schmidt-Beck - Reflexion Wissen & Erfahrung (Working paper No.4, Dezember 2004)
In dem vorliegenden Papier geht es um die Bedeutung, die Professionelle im Bereich Finanzdienstleistungen der Verarbeitung von Erfahrung, dem Dazu-Lernen im Alltag und der Verbesserung ihrer eigenen Performance beimessen.
Langenohl u. Schmidt-Beck - Striving for Excellence (Working paper No.3, August 2004)
Compliance and identification of professionals with their company are function not only of their interest in their organization's objectives and success but are also a result of their own narrative and discursive work that provides the organization's structures and strategies with legitimacy. It is especially narrative work and its implications for attempts at professionalization in the financial sector that this paper focuses on.
On the basis of qualitative interviews with financial professionals that refer to topics like the recent crisis and strategic consequences, it tries to delineate a part of that ongoing narrative process in banking organizations: How do analysts and asset managers relate their understanding of individual professionalization, learning processes and coping strategies to representations of their companies' 'biographies' in times of crisis?
Langenohl u. Schmidt-Beck - Buying the First Stock (Working paper No.2, April 2004)
This paper focuses on processes of professional (re-)orientation in the financial sector in Germany. Over the last few years, the dwindling economic expectations of the Western economies have had an impact on the professional situation of financial experts like asset managers and analysts and put into question their traditionally excellent career xpectations.
Langenohl u. Schmidt-Beck - Börsianer erinnern sich (Working paper No.1, März 2004)
Das im Titel dieses Vortrags zitierte Statement ist einem Interview entnommen, das mit einem
Analysten geführt wurde und in dem es um die subjektive Bedeutung der Repräsentation der Vergangenheit für den beruflichen Alltag der 'Börsianer' ging. Das Statement weist eine Paradoxie auf: Einerseits stellt der Respondent fest, dass die Vergangenheit für die Operationsweise der Börse keine Rolle spielt; aber durch das Wörtchen 'mehr' drückt er zugleich aus, dass dies einmal anders war.