Exposé und Leitperspektiven
I.
Bei dem Stichwort ‚Dinge in der Literatur’ fällt mit guten Gründen zunächst die Empfindsamkeit in den Blick mit ihren zahlreichen Gaben, ihren emotionalen Besetzungen von oft kleinen und ephemeren Memorialgegenständen, mit denen ein intrikates Spiel von Anwesenheit und Abwesenheit inszeniert wird. Die Aufmerksamkeit auf die Atmosphäre, Raumästhetik, Geselligkeit, Erotik und Ekstase dieser empfindsamen Praxis lenkt den Blick zugleich auf vorgängige unempfindsame Kontexte, in denen wie in Popes „Lockenraub“ die Dinge als Streitsache und Trophäe verhandelt werden. Auf der Suche nach prominenten Fällen, in denen Dinge in der Literatur zu Hauptakteuren avancieren, liegt es nahe, auf Novellen und Romane des Poetischen Realismus und die ‚Dingsymbolik’ im Fin de siècle zu verweisen. In den Erzählungen des Poetischen Realismus werden die phänomenologisch ausdifferenzierten Dinge des Biedermeier in neuen sozialen Konstellationen narrativ erprobt und auf diese Weise in Kontexte des Kriminalistischen, Historischen, Exotischen und Folkloristischen übersetzt (Storm, Droste-Hülshoff, Auerbach, Keller, Raabe). Am Ende des Jahrhunderts verschiebt sich die Aufmerksamkeit von der Speicherfunktion des dinglichen Erinnerungsmediums auf seine Gründungsszene, von der abgeschlossenen Narration auf unabschließbare Aufladung, die dem Dingmedium einen quasi kultischen Wert unterstellt. Rilke hat dieses Verfahren als „Vorglaube“ beschrieben und es vom Fetischismus abgegrenzt. Hofmannsthals Sprachskepsis und Dingevidenz dürften hingegen an mystische Traditionen des ‚beredten Schweigens’ anzuschließen versuchen.
Und die Dinge in der Romantik? Außer wenigen Andeutungen zu Andacht und Andenken bei Schleiermacher und Novalis schweigt dazu auch die Forschung. Die erinnerten, erzählten und erscheinenden Dinge werden eher dem Terrain des Klassizismus zugerechnet. Oder man bemüht ein biedermeierliches Revival der Empfindsamkeit in der Spätromantik. Diese Lücke, dieses Desiderat reizt uns, die Frage zu stellen: Was geschieht mit den Dingen in der romantischen Literatur?
Ein Blick auf die bildende Kunst der Romantik verschärft unsere Fragestellung noch: von Caspar David Friedrich bis William Turner wird man eher von einer Ausräumung der Dinge sprechen können – oder von einer kalkulierten Isolierung der Gegenstände im Interieur. In der Literatur der Romantik haben bislang stärker die Scheinbilder, die Imagos, die Déjà-vu-Bilder Aufmerksamkeit gefunden, also eine Perspektive, für die die Entmaterialisierung eine Voraussetzung zu sein scheint. Plastizität und Materialität scheinen hingegen ein Charakteristikum des Klassizismus zu sein. Könnte es sein, dass die Romantik diese im Klassizismus unterstellte Festigkeit und Formbarkeit von Materialität in Frage stellt? Oder könnte es sein, dass, da das haptische Ding sich nicht restlos dem zeichentheoretischen Zugriff erschließt, das Ding doch auch in der Romantik zum besonderen Faszinosum einer Literatur wird, die ihre eigene Medialität reflektiert?
II.
Im Folgenden möchten wir einige Perspektiven nennen, unter denen man die Dinge in der Romantik diskutieren könnte:
1. Erinnerung und Nostalgie der Dinge (Andenken, Eingedenken)
2. Frechheit, Frivolität, Widerständigkeit und Komik der Dinge
3. Frömmigkeit der Dinge (Andachtsmedium, Talisman, Reliquie)
4. Exotik und Kitsch der Dinge
5. Fetisch und Fetischismus
6. Das Kuriose, Archaische und Luxuriöse der Dinge
7. Das Geschlechterverhältnis und die Dinge
8. Gelegenheit, Zufall und Situativität der Dinge in der Poesie
9. Text-Ding-Verhältnisse (Intermedialität, Emblematik, Ekphrasis)
10. Die Dinglichkeit des Textes, des Buches, der Schrift
11. Dinge als Akteure und Performativität der Dinge
12. Evidenz, Indexikalität und Materialität der Dinge
13. Der Beziehungssinn und Anspielungshorizont der Dinge (Trophäe, Indiz, usw.)
14. Das romantische Interieur und die Dinge
15. Narrativität von Dingen
16. Das Narrativ des Sammelns
17. Die Dinge in den romantischen Wissenschaften
Diese Vorschläge können und sollen für die Romantik um Fragen der literarischen Gattung (Märchen, Lyrik, Drama, Novelle, Anekdote, Roman, Legende), der Beziehung zu und Abgrenzung von Rokoko, Empfindsamkeit, Biedermeier und frühem Poetischen Realismus erweitert und ergänzt werden. Wünschenswert sind auch wissenspoetische Beiträge, die Austauschprozesse der Darstellung von Dingen in den romantischen Wissenschaften und in der romantischen Literatur nachgehen. Man sieht: ein weites Feld. Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge.
Tagungsprogramm
Das Programm können sie hier als PDF-Datei herunterladen:
Programm-Dingkulturen
Auswahlbibliographie
- Ananieva, Anna: „Garten, Andenken und Erinnerungskultur zwischen Pawlowsk und Weimar“, in: Joachim Berger u. Joachim von Puttkamer (Hg.): Von Petersburg nach Weimar: kulturelle Transfers von 1800 bis 1860. Frankfurt am Main u.a.: Peter Lang 2006, S. 261-285 (=Jenaer Beiträge zur Geschichte; 9).
- Asendorf, Christoph: Batterien der Lebenskraft. Zur Geschichte der Dinge und ihrer Wahrnehmung im 19. Jahrhundert. Weimar: VDG 2002 [Erstdruck 1984].
- Bal, Mieke: „Vielsagende Objekte. Das Sammeln aus narrativer Perspektive“, in: dies.: Kulturanalyse. Frankfurt/Main 2006, S. 117-146.
- Berndt, Frauke: Anamnesis: Studien zur Topik der Erinnerung in der erzählenden Literatur zwischen 1800 und 1900 (Moritz - Keller - Raabe. Tübingen 1999.
- Böhme, Hartmut: Fetischismus und Kultur. Eine andere Theorie der Moderne. Reinbek 2006.
- Brandstetter, Gabriele / Neumann, Gerhard: „Gaben. Märchen in der Romantik“, in: Claudia Christophersen u. Ursula Hudson-Wiedenmann: Romantik und Exil. Festschrift für Konrad Feilchenfeldt. Würzburg 2004, S. 17-37.
- Brown, Bill: „Thing Theory“, in: Critical Inquiry 28/1 (2001), S. 1-22.
- Daston, Lorraine: Things that talk. Object Lessons from Art and Science. New York 2004.
- Ecker, Gisela (Hg.): Dinge: Medien der Aneignung, Grenzen der Verfügung. Königstein/Taunus 2002 (Kulturwissenschaftliche gender studies; 1).
- Ecker, Gisela / Scholz, Susanne (Hg.): Umordnungen der Dinge. Königstein 2000 (Kulturwissenschaftliche gender studies; 1).
- Frank, Michael C. u.a. (Hg.): Fremde Dinge. Zeitschrift für Kulturwissenschaften, H. 1 (2007).
- Korff, Gottfried: „Sieben Fragen zu den Alltagsdingen“, in: G.M. König (Hg.): Alltagsdinge. Erkundungen der materiellen Kultur, hg. v., Tübingen 2005, S. 29-43.
- Hoefer, Natascha N. / Oesterle, Günter: „Über teure Andenken, unheimliche Überbleibsel und versteckte Erinnerungen in Literatur und Alltag des 19. Jahrhunderts“, in: Tobias L. Kienlin (Hg.): Die Dinge als Zeichen. Kulturelles Wissen und materielle Kultur – Perspektiven einer kulturwissenschaftlichen Synthese. Bonn 2005, S. 231-238.
- Holm, Christiane / Oesterle, Günter: „Andacht und Andenken. Zum Verhältnis zweier Kulturpraktiken um 1800“, in: Günter Oesterle (Hg.): Erinnerung, Gedächtnis, Wissen. Studien zur kulturwissenschaftlichen Gedächtnisforschung. Göttingen 2005, S. 433-448.
- Holm, Christiane: „Andenken und Fetisch in Goethes "Wilhelm Meisters Wanderjahre". Zur erzählerischen Reflexion von affektiven Erinnerungspraktiken“. In: Übung und Affekt. Aspekte des Körpergedächtnisses. Hg. v. Bettina Bannasch u. Günter Butzer. Berlin 2007, S. 205-226.
- Hunfeld, Barabara / Schneider, Sabine (Hg.): Die Dinge und die Zeichen. Dimensionen des Realistischen in der Erzählliteratur des 19. Jahrhunderts. Würzburg 2007.
- Kimmich, Dorothee: „‚Wir sehen nur was uns anschaut.’ Walter Benjamin und die Welt der Dinge“, in: Schrift, Bilder, Denken. Walter Benjamin und die Künste. Katalog zur Ausstellung im Haus am Waldsee, Berlin 2004/2005. Hrsg. v. Barbara Straka u. Detlev Schöttker. Frankfurt/Main 2004, S. 156-167.
- Koschorke, Albrecht: Körperströme und Schriftverkehr: Mediologie des 18. Jahrhunderts. 2., durchges. Aufl. München 1999.
- Latour, Bruno: Das Parlament der Dinge. Für eine politische Ökologie. Frankfurt/Main 2001.
- Macho, Thomas: „Stifters Dinge“, in: Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken, H. 676 (2005/8), S. 735-741.
- Mersch, Dieter: Was sich zeigt. Materialität, Präsenz, Ereignis. München 2002.
- Müller, Thomas: „Der Realienunterricht in den Schulen August Hermann Franckes“, in: Schulen machen Geschichte. 300 Jahre Erziehung in den Franckeschen Stiftungen zu Halle, Halle 1997, S. 43-65.
- Oesterle, Günter: „Die Attraktivität der Dinge im komischen Epos des Rokoko, insbesondere in der Wilhelmine von Moritz August von Thümmel“, in: Kronauer, U. / Kühlmann, W. (Hg.): Aufklärung. Stationen – Konflikte – Prozesse. Festgabe für Jörn Garber. Eutin 2007, S. 231-246.
- Oesterle, Günter: „Eingedenken und Erinnern des Überholten und Vergessenen. Kuriositäten und Raritäten in den Werken Goethes, Brentanos, Mörikes und Raabes“, in: Gerhard Schulz / Tim Mehigan (Hg.): Literatur und Geschichte 1789-1988. Frankfurt/Main 1989, S. 81-111.
- Öhlschläger, Claudia: „Die Macht der Bilder. Zur Poetologie des Imaginären in Joseph von Eichendorffs Die Zauberei im Herbste“, in: Gerhard Neumann u. Günter Oesterle (Hg.): Bild und Schrift in der Romantik. Würzburg 1999, S. 279-300.
- Ottmann, Dagmar:„‚Das stumme Zeichen’. Zum dramatischen Requisit in Kleists Friedrich von Homburg“, in: Christine Lubkoll u. Günter Oesterle (Hg.): Gewagte Experimente und kühne Konstellationen. Kleists Werk zwischen Klassizismus und Romantik. Würzburg 2001, S. 249-276.
- Rheinberger, H. J.: Experiment, Differenz, Schrift. Zur Geschichte epidemischer Dinge. Marburg 1992.
- Schneider, Sabine: „Die stumme Sprache der Dinge. Eine andere Moderne in der Erzählliteratur des 19. Jahrhunderts“, in: Elisabeth Bronfen u. Christian Kiening (Hg.): Mediale Gegenwärtigkeit. Zürich 2007, S. 265-281.
- Schneider, Ulrich (Hg.): Der Souvenir. Erinnerung in Dingen von der Reliquie zum Andenken. Ausst.-Kat. Museum für Angewandte Kunst Frankfurt (29.06.-29.10.2006). Köln 2006.
- Scholz, Susanne: Objekte und Erzählungen. Subjektivität und kultureller Dinggebrauch im England des frühen 18. Jahrhunderts. Königstein/Ts 2004.
- Söntgen, Beate: „Frauenräume – Männerträume. Interieur und Weiblichkeit im 19. Jh.“, in: Schulze : Innenleben, Frankfurt 1998, S. 203-211.
- Schulze, Sabine (Hg.): Innenleben. Die Kunst des Interieurs. Vermeer bis Kabakov. Ausst.kat. Städel Frankfurt (24.9.1998-10.1.1999).
- Stadler, Ulrich: Die theuren Dinge: Studien zu Bunyan, Jung-Stilling u. Novalis. Bern/München 1980.
- Steiner, Uwe C.: „‚Gespenstige Gegenständlichkeit’. Fetischismus, die unsichtbare Hand und die Wandlungen der Dinge in Goethes Herrmann und Dorothea und in Stifters Kalkstein“, in: DVjs 74 (2000), S. 627-653.
- Wagner, Monika: „Turners Orte der Erinnerung. Über die Undarstellbarkeit von Geschichte“, in: Stefan Germer u. Michael F. Zimmermann (Hg.): Bilder der Macht – Macht der Bilder. Zeitgeschichte in Darstellungen des 19. Jahrhunderts. München 1997, S. 231-240.
- Weder, Christine: Erschriebene Dinge: Fetisch, Amulett, Talisman um 1800. Freiburg/Br. 2007.
Vortragsexposés
Uwe C. Steiner
Die Tücken des Subjekts und der Einspruch der Dinge. Romantische Krisen der Objektivität bei Novalis, Eichendorff und Hoffmann
„Inwiefern ist der Begr[iff] Ding – Gegenstand einer besondern Wissenschaft – hat er WissenschaftsRecht?“ So fragt Novalis im Allgemeinen Brouillon. Frühromantik sucht, den Blüthenstaub-Fragmenten zufolge, „überall das Unbedingte“, findet aber peinlicherweise „immer nur Dinge“. Heinrich von Ofterdingen muß, um Dichter zu werden, die „sparsam vertheilten Kleinodien“ eines Zeitalters „liebliche(r) Armuth“ zurücklassen. Die kritische Poesie oder Transzendentalpoesie statuiert gleichsam kantkonform den Primat des Produzierenden über das Produkt, der Darstellung über das Dargestellte. Es scheint mithin, als wäre auch und gerade die Romantik ganz vom Sog der kopernikanischen Infragestellung von Dingen erfaßt. Ihnen wird der Prozeß gemacht: Epistemische und juridische Fragen verdrängen ontologische. Welt soll nirgends sein als innen. Wo bleiben da die Dinge? Und warum rehabilitiert Eichendorff ausgewählte Gegenstände als substantielle Zeugnisse transsubjektiven Seins? Spätestens aber, wenn Dinge bei Hoffmann eine mitunter Vischers Objekttücken vorwegnehmende Agency an den Tag legen, erhellt, daß der scheinbare transzendentale Primat sei es des Subjekts, sei es des poetischen Prozesses auf die Geschichte einer zunehmend autonom geratenden Dingwelt verweist. In ihr ist die Romantik zu verorten.
Jürgen Link
Empirisch-transzendentale Objekte in der Romantik und die empirisch-transzendentale Dublette Mensch
Ausgehend von teilweise bekannten Kennzeichnungen des romantischen Blicks auf die Dinge (Dualismus, Subjektivierung, Fokussierung) soll eine diskurs- und interdiskurstheoretische Rekonstruktion versucht werden. Foucaults Konzept der „empirisch-transzendentalen Dublette Mensch“ in den Humanwissenschaften dient als Schlüssel zur Lektüre romantischer Texte: Wie wird das einschlägige positiv-empirische Wissen (etwa prä- und protonormalistischen, insbesondere auch physiologischen Typs) transzendental verfrenmdet? In einem strukturellen Viereck aus „Verworrenheit“ der Dinge – gespenstischen Dingen – empirischen Dingen („normalen“ Dingen avant la lettre) – und „ursprünglichen Dingen“ (in transzendentaler Konstitution) beunruhigt als symptomatisches Subjekt-Ding das „Hirngespinst/Hirngespenst“. Wie sich in Gehirn-Darstellungen von Görres-Brentano und Hoffmann zeigt, arbeitet sich der romantische Blick auf die Dinge mit seiner Un/Ordnung vielfältig an der Aporie der Dublette und des strukturellen Vierecks ab - und das sowohl bei den „philosophischen“ wie bei den ‚naiv-poetischen’ Autoren wie Eichendorff.
Frauke Berndt
Creuzer oder Aus der Beletage der Ästhetik in den Keller der Kultur
"Und die Dinge in der Romantik?“– Sie werden historisch! Den Problemen, die eine solche Historisierung in theoretischer wie praktischer Hinsicht aufwirft, stellt sich Friedrich Creuzer in "Symbolik und Mythologie der alten Völker, besonders der Griechen" (1810–1812). In einem der ersten kulturwissenschaftlichen Monumentalwerke der Moderne stellt er das 'Ding‘, das in der klassizistischen und romantischen Ästhetik unter dem Stichwort des 'Symbols‘ Kontur gewonnen hat, gewissermaßen vor Ort vom metaphysischen Kopf auf die physikalischen Füße.
Georg Friedrich Creuzer, Ideen zu einer Physik des Symbols und des Mythus, in: ders., Symbolik und Mythologie der alten Völker, besonders der Griechen, Vierter Teil, Dritte verbesserte Ausgabe, Leipzig/Darmstadt 1843 (=Volkskundliche Quellen. Neudrucke europäischer Texte und Untersuchungen, hg. von Hermann Bausinger, Mathilde Hein u.a., V Sitte und Brauch, hg. von Hermann Bausinger, Hildesheim/New York 1973), S. 524-569.
Claudia Liebrand
Die Dinge und ihr Surplus. Objekte in Hoffmanns Texten
In den Blick genommen werden Hoffmanns Texte – exemplarisch "Der Sandmann", "Das Gelübde", "Die Königsbraut", die "Kreisleriana" – in einer Doppelperspektive, die Hoffmanns Umgang mit Dingen in Rekurs auf sein Kunstprogramm und seine implizite Zeichentheorie thematisiert: Einerseits werden Strategien von Hoffmanns Protagonisten, sich widerständige Dinge anzueignen, sich als deren Schöpfer ,zu setzen', sie zu vivifizieren und zu Derivaten des eigenen Selbst zu machen, fokussiert. Betrachtet werden andererseits Konfigurationen, in denen die Dinge von den Protagonisten nicht kontrolliert und in ihrer Widerständigkeit eliminiert werden (um dann umso nachhaltiger von den Protagonisten Besitz zu ergreifen), sondern agieren und sich frech in das Leben der Heldinnen und Helden drängen.
Johannes F. Lehmann
"Das Vorhandenseyn einer Körperwelt" - Widerständige Dinge zwischen Komik und Zufall in (Kunst-)Märchen und Komiktheorie der Romantik
Die "Tücke des Objekts" als die komische Hypothese von der feindlichen Belebtheit widerständiger Dinge und der Wut auf diese hat erst Friedrich Theodor Vischer in seinem Roman "Auch einer. Eine Reisbekanntschaft" (1879) entwickelt. Die affektpsychologischen und komiktheoretischen Voraussetzungen hierfür werden aber schon um 1800 entwickelt. Vischer selbst bezieht sich auf die Komiktheorien von Jean Paul und vor allem Stephan Schütze ("Theorie des Komischen" von 1817). Der Vortrag geht dieser Spur nach und fragt nach dem Erscheinen und der narrativen Funktion widerständiger Dinge in Komiktheorien und (Märchen-)Texten um 1800. Einerseits entdeckt die Komiktheorie "das Vorhandenseyn einer Körperwelt" (Schütze) als Grundlage des Lächerlichen, andererseits geht es um den katastrophischen Zusammenstoß zwischen Menschen und materiellen Dingen, der entweder der "Tücke [...] des Zufalls" oder aber einem "verborgenen Dämon" (Schütze) zugeschrieben wird. An Hand der Texte von Arnim, Brentano, den Grimms und Hoffmann soll gezeigt werden, dass die toten Dinge (und ihre Komik/Katastrophik) als die Kehrseite der Simulierbarkeit des Lebens entdeckt werden.
Rudolf Helmstetter
Verlorene Dinge, die Poesie der Siebensachen, die Dichtung des Plunders und der Realismus der Requisiten (Bernstein, Keller, Stifter, Fontane)
Ausgehend von einem Essay Aaron Bernsteins über „Verlorene Dinge“ (1867) thematisiert der Beitrag einige der Zäsuren, die seit Mitte des 19. Jahrhunderts den Status der Dinge und das Verhältnis zu den Dingen verändern. Damit ist keine eindeutige Epochengrenze gemeint, die ein romantisches von einem realistischen und dann modernen Verhältnis zu den Dingen trennt, sondern ein Komplex von Provokationen, zu denen die Literatur sich ganz unterschiedlich verhalten kann. Die durchaus nicht einheitliche Poetik der Dinge im literarischen Realismus wird durch Lektüren exemplarischer Texte von Stifter, Keller und Fontane skizziert.
Heinz Brüggemann
Mitgespielt: Vom Handeln, Sprechen und Schweigen der Dinge. Thema mit Variationen in Texten der Romantik
Prozesse eines „Verwachsens“ mit den Dingen bzw. ihres „Anverwandelns“ würden in der Moderne zunehmend unwahrscheinlich, heißt es in einer neueren kultursoziologischen Studie (Hartmut Rosa, Beschleunigung, Ffm. 2005). Der Befund einer Auflösung der Intimität mit Dingen durch rapide Veränderung der nächsten Lebenswelten ist ein Thema schon in der Vorrede der Brüder Grimm zu den KHM. Heine hat es in der Harzreise ohne explizite Referenz aufgegriffen und seinerseits aus dem „tiefen Anschauungsleben“, aus der Unmittelbarkeit zu den Dingen eine Eigentümlichkeit der deutschen Märchenfabel hergeleitet - die, daß „nicht nur Tiere und Pflanzen, sondern auch ganz leblos scheinende Gegenstände sprechen und handeln“. Er nennt u.a. Nähnadel und Stecknadel (aus Lumpengesindel und Herr Korbes), die, scheint mir, in einem eher paradoxen, asymmetrischen Verhältnis zum beschworenen unmittelbaren Anschauungsleben stehen.
Um diese Asymmetrie (wenn es denn eine ist) und um solche sprechenden und handelnden Dinge soll es gehen, indem ich in meine Überlegungen auch andere Texte der Romantik (u.a. Tieck, Brentano, E.T.A. Hoffmann) einbeziehe. Ihr theoretisches Spannungsfeld ist zum einen bestimmt mit Walter Benjamin, der das narrative Potential der Dinge herausstellt, zugleich aber das Schicksal der vergangenen Dinge in der Moderne als inventarisierte tote Habe beschreibt. Zum andern durch Adorno/Horkheimers Dialektik der Aufklärung, die den kulturtheoretischen Horizont des Themas mit dem Satz umreißen, der Animismus habe die Sache beseelt, der Industrialismus versachliche die Seelen. Ich versuche, aus beiden Perspektiven die eigentümliche Gestalt und Funktion der sprechenden und schweigenden Dinge in den Blick zu nehmen.
Michael Niehaus
Wandernde Edelsteine. Der Diamant und Der Rubin von Friedrich Hebbel
Bewegliche Dinge können den Besitzer wechseln. Und Geschichten können davon erzählen, indem sie das jeweilige Ding zur Hauptfigur machen. Dann wird das Ding gleichsam zum Subjekt der Geschichte. Im Regelfall wird es aber umgekehrt sein: Die Geschichten interessieren sich für die Wirkungen, die das Ding auf das es besitzende Subjekt hat, und sie interessieren sich für die Verknüpfungen, die durch sein Wandern zwischen den beteiligten Subjekten entstehen. Dies definiert ein Feld, in dem wandernde Dinge auf sehr verschiedene Weise vorkommen können. In beiden Fällen wird das Ding als vom Subjekt ablösbar, aber doch auf Subjekte bezogen gedacht. Das Ding fungiert etwas, was zwar in einem Besitzverhältnis steht, aber nicht im Eigentumsverhältnis aufgeht. Man kann vermuten, dass die Romantik in besonderer Weise offen dafür ist, diese Seite des Dings in ihrer latenten Poetizität wahrzunehmen. Ein Beispiel für ersteres wären etwa die Zauberdinge im Märchen; ein Beispiel für letzteres Schleier, Rose und Schürze in Brentanos Geschichte vom braven Kasperl und dem Schönen Annerl.
Hier soll das Strukturmotiv des wandernden Dings anhand von zwei – im Hinblick auf sein Gesamtwerk eher ungewöhnliche – Dramen von Friedrich Hebbel entfaltet werden, die zwar ein romantisierendes Lokal entwerfen, aber nicht mehr zur Romantik gehören. Die Komödie Der Diamant (1841) und das Märchenlustspiel Der Rubin (1849) rücken schon vom Titel her einen Edelstein in den Mittelpunkt des Geschehens. In diesen beiden Dramen setzt Hebbel – so die Arbeitshypothese – die romantische Sicht auf das wandernde Ding voraus, verwendet es jedoch auf eine veränderte Weise. In beiden Fällen ist das wandernde Ding ein Edelstein, also das begehrte Objekt par excellence. Die Frage, welche Funktion einem wandernden Ding innerhalb einer von menschlichen Figuren handelnden Geschichte zukommen kann, wird in den beiden Dramen gleichwohl auf eine entgegengesetzte Weise beantwortet.
Christine Weder
Die (Ohn-)Macht der Objekte: Romantische Dinge zwischen Magie und Profanität
Heinrich v. Kleist: Michael Kohlhaas, E.T.A. Hoffmann: Der Zusammenhang der Dinge
In der romantischen Literatur spielen Dinge mit einem unklaren Status, der so historisch-spezifisch erscheint wie er besonders gerne erzählstrategisch ausgekostet wird, eine wichtige Rolle: Entgegen einer simplifizierenden Sicht dominiert nicht die poetische Wiederverzauberung der aufklärerisch-‚entzauberten’ Gegenstände, sondern vielmehr deren Ambivalenz zwischen magischer Wirkmacht und profanem i.S.v. nicht-magischem Charakter. Diese Ambivalenz impliziert zugleich eine Spannung zwischen einem passivem Objektstatus, der häufig mit Repräsentationsfunktionen (für agierende Subjekte) einhergeht, und einer Akteur-Rolle, die insofern äußerst performativ ist, als die Dinge in ihrer Materialität eigentätig (auf Subjekte) wirken. Dieser Spannung, welche die Gegenstände bestimmt, entspricht im Kontext der jeweils erzählten Geschichte auf thematischer wie erzähllogischer Ebene oftmals ein Schwanken zwischen schicksalhaftem Zusammenhang und Kontingenz. Deshalb erweisen sich die Dinge in ihrem ambivalenten Status als poetologische Figuren jener Unentschiedenheit, die nicht einfach ein weltanschauliches Credo, sondern vor allem ein zentrales Prinzip romantischen Erzählens ist.
Diesen Zusammenhängen möchte ich exemplarisch anhand von zwei sehr verschiedenen Texten nachgehen: Kleists Michael Kohlhaas und Hoffmanns Der Zusammenhang der Dinge. In beiden Fällen spielt ein »Amulett« bzw. »Talisman« eine entscheidende Rolle, dessen magische Wirksamkeit unklar bleibt und dessen Beschriftung eine zusätzliche selbstreflexive Dimension erzeugt. In beiden Fällen ist dieses Ding in die von der Erzählung aufgeworfene Frage nach dem Zusammenhang der Dinge verstrickt.
Sandra Bauer
Die Poetik der dinglichen Andenken in Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre
Mit einer Verengung der Perspektive auf die dinglichen Andenken in den Lehrjahren soll ein soziokulturelles Phänomen in den Blick genommen werden, das als Teil der Alltagskultur in die Peripherie unserer Wahrnehmung gerückt ist. Dabei erweist sich die innovative Konzeption des Romans, der sich durch sein stetes Changieren zwischen Bildungs-, Theater-, Liebes-, Reise- und Geheimbundroman einer eindeutigen Kategorisierung immer wieder aufs Neue zu entziehen vermag, als produktive Werkstatt, in der über eine Auseinandersetzung mit den mentalen und dingbezogenen Erinnerungspraktiken um 1800 eine umfassende Phänomenologie der dinglichen Erinnerungsmedien entfaltet wird. Im reflektierten Umgang mit den intimen Andenken, die sich über eine spezifische Materialität, Medialität, Temporalität und Narrativität definieren, erfahren und erforschen die Akteure in einem sinnlich-ästhetischen Prozess ihre Wahrnehmungen, ihre Obsessionen und ihre Erinnerungen. In diesem Kontext werden die Topoi Liebe und Geheimnis als konstitutiver Bestandteil des Bildungsganges eingesetzt, wobei die Dinge als Übergangsobjekte fungieren.
Annegret Pelz
Dinge auf dem Tisch und auf dem Boden. Romantische Dispositive
Sobald es einen Unterschied macht, ob sich die Dinge auf einem Tisch oder unmittelbar auf dem Boden befinden, wird Mittelbarkeit – das Gattungsmerkmal der Erzählung – zur Aufgabe Dinge. Diese wirken dann nicht als Objekte der Erkenntnis im Sinne einer Durchgangsstation für die lebendige Stimme eines schauenden und bewertenden Erzählers, sondern durch die Art und Weise, wie sie den Raum strukturieren. Was die produktive Schöpferkraft der Romantiker vorzugsweise in loser Fügung auf den Tisch bringt - Novellen-Mappen (de la Motte-Fouqué u.a. 1843) und Romantische Ausstellungen (J. C. L. Haken ca. 1820), profitiert von dem Vermögen der Dinge, den Text maßgeblich zu formen. Das Geschehen auf dem Boden hingegen, etwa in dem 1801 anonym erschienenen Roman Florentin oder in Clemens Brentanos Die mehreren Wehmüller und ungarischen Nationalgesichter (1817), vermitteln die Dinge so, dass auch die persönliche Erzählstimme in einen fremdartigen Zustand gerät, der ein anderes Sprechen und Handeln ermöglicht.
Beate Söntgen
Entleerung und Re-Möblierung.
Die Einrichtung des Innenraums in der Malerei der Romantik und des Biedermeier
Im ausgehenden 18. Jahrhundert werden die häusliche Umgebung, die Gegenstände der Einrichtung zum sprechenden Ausdruck ihrer Bewohner, die ihrerseits das private Interieur als Rückzugsort und als Resonanzraum ihrer Befindlichkeit betrachten - eine Vorstellung, die in der Romantik als Innerlichkeit ausformuliert wird. Innen-Außen-Differenzierungen und Subjekt-Objekt-Beziehungen werden in der Malerei indes vorrangig anhand von Naturphänomenen artikuliert. Dort, wo Innenräume vorkommen, sind sie meist kaum ausgestattet. Erst im Übergang zum Biedermeier füllen sich die dargestellten Interieurs erneut mit Möbeln und Dingen, zeigen sich die Bewohner im Spiegel ihrer Einrichtung. Funktion und Besetzbarkeit der Dinge im Interieur zeigen sich im Zusammenspiel von Innenraum, Bewohner und Gegenständen, wie es in der Malerei in Szene gesetzt wird.
Veranstalter
Sonderforschungsbereich Erinnerungskulturen, Teilprojekt D12: "Andenken und Eingedenken. Ein ästhetisch-soziales Wechselspiel zwischen poetisierten Gärten und Intérieurs"
Stiftung für Romantikforschung
Tagungsleitung:
Prof. Dr. Günter Oesterle (Gießen)
Dr. Christiane Holm (Halle)