Nachruf für
Wolfgang
Hilligen

Wolfgang Hilligen gestorben

A
m 13. Januar verstarb in Wiesbaden Professor Wolfgang Hilligen im Alter von 86 Jahren. Hilligen gehörte zu den renommiertesten und einflussreichsten Wissenschaftlern in der Politikdidaktik. Hilligen war nach dem Zweiten Weltkrieg lange Lehrer und Schulrat in Frankfurt am Main. Es mag mit diesem Berufsweg zusammenhängen, dass viele seiner Arbeiten zur politischen Bildung, besonders seiner frühen Arbeiten, eng mit der Praxis verbunden waren. Bekannt wurde er zunächst durch die Schulbuchreihe „Sehen – Beurteilen – Handeln“ für die Sekundarstufe I, die in mehreren Überarbeitungen und zahlreichen Ausgaben von den 1950er- bis zu den 1980-Jahren erschien; Generationen von Schülern sind mit einem „Hilligen“ im Schulranzen aufgewachsen. Weitere Schulbücher kamen hinzu – für die Grundschule, die Berufsschule, den Geschichtsunterricht. 1970 erschien erstmals das von Hilligen gemeinsam mit Hanno Drechsler und Franz Neumann herausgegebene Jugendlexikon „Gesellschaft und Staat“, das bis heute weite Verbreitung gefunden hat und inzwischen in 9. Auflage vorliegt. Auch die erste größere wissenschaftliche Arbeit Hilligens, das Buch „Plan und Wirklichkeit im Wirklichkeit im sozialkundlichen Unterricht“ (1955), bezog sich auf Praxisprobleme des Fachs; es enthielt eine Analyse zum hessischen Lehrplan für Realschulen, eine Befragung von Schülern und Lehrern sowie den Entwurf eines alternativen Lehrplankonzepts.
Seine eigene politikdidaktische Konzeption wurde dann erstmals 1961 in dem Aufsatz „Worauf es ankommt“ mit einer größeren Breitenwirkung entfaltet. 1966 wurde Hilligen mit 50 Jahren an die Universität Gießen berufen, wo er in den 1970er-Jahren maßgeblich zur Profilierung des Instituts für Didaktik der Gesellschaftswissenschaften als Zentrum der politikdidaktischen Theoriebildung in der Bundesrepublik beitrug. Hilligen entfaltete nach seiner Berufung und weit über seine Emeritierung im Jahr 1982 hinaus eine geradezu rastlose wissenschaftliche Tätigkeit. Sein Hauptwerk, das voluminöse Werk „Zur Didaktik des politischen Unterrichts I“, erschien 1975; ein zweiter Band mit einer Sammlung älterer Schriften wurde ein Jahr später publiziert, 1985 erschien in der Schriftenreihe der Bundeszentrale eine überarbeitete 4. Auflage des Werks. 1992 hat Hilligen noch einmal in Kleinen Reihe Politische Bildung eine Zusammenfassung seines didaktischen Denkens in kurzer Form vorgelegt. Dieses Denken ist besonders mit dem Prinzip der Problemorientierung verbunden. Was bei ihm „fundamentale Probleme“ und „Herausforderungen“ hieß, hat später unter der Bezeichnung „Schlüsselprobleme“ im öffentlichen Diskurs weit über das engere Fachgespräch hinaus Karriere gemacht.
Hilligen hat bis ins hohe Alter am wissenschaftlichen Fachgespräch teilgenommen. Noch 2000 hat er, mit 84 Jahren, ein ausführliches Interview zu seinem didaktischen Denken gegeben. In der Todesanzeige seiner Familie heißt es: „Ein erfülltes Leben hat sich vollendet.“
Wolfgang Sander