GenerationsLabor - TextTerminal
[Die erste Cybergeneration]

Info:

Douglas Kellner ist Philosophie-Professor mit den Schwerpunkten Medienkultur und Postmoderne Theorie an der Universität Austin/Texas. In seinem Beitrag für das Kursbuch JugendKultur (Mannheim: Bollmann, 1997) konzentriert er sich auf die erste Generation am Netz. Insbesondere das Internet, so Kellner, stellt einen neuen Kulturraum dar, der Jugendlichen etliche Zukunftsperspektiven zu bieten hat.

Text-Navigator:



Douglas Kellner
Die erste Cybergeneration

Cover Kursbuch Jugendkultur wird heute durch Medien- und Computerkultur vermittelt. Die heutige Jugend ist mit dieser Kultur der Postmoderne aufgewachsen. Trotzdem sind jugendliche Subkulturen entstanden, die im Gegensatz zur herrschenden Medien- und Konsumkultur, autonome Bereiche bewahren, in denen sich Jugendliche selbst definieren, eigene Identitäten entfalten und Gemeinschaften aufbauen können. Jugendliche Subkulturen können reine Konsumkulturen sein, die nur den Hintergrund bilden, vor dem sich Jugendliche treffen, um Kulturprodukte wie beispielsweise Rock-Musik gemeinschaftlich zu konsumieren. Jugendliche Subkulturen können aber auch Gegenkulturen sein. Im Punk oder im Grunge konnten sich Jugendliche gegen die herrschende Kultur abgrenzen und selbst definieren. Sie können für die gesamte Lebensweise einschleißlich Kleidung, Stil, Einstellungen und Praktiken, bestimmend werden. Jugendliche Subkulturen können Lebensentwürfe enthalten, die alle Aspekte umfassen. Es sind zumindest potentiell Schutzräume des Widerstands. Sie können die verschiedensten Formen annehmen, von der anarchistischen und apolitischen Punkkultur, aktivistischen Umweltkommunen bis zu rechstextremen Skinheads. Jugendliche Subkulturen können also Elemente der Opposition und des Widerstands gegen den Mainstream enthalten, solche Gegenkulturen sind aber keineswegs notwendig progressiv. Sie müssen einzeln betrachtet und auf ihre politischen Einstellungen und Wirkweisen hin abgeklopft werden. Natürlich muß zwischen einer von Jugendlichen selbst entwickelten postmodernen Kultur, die eigenen Visionen, Leidenschaften und Ängsten Ausdruck verleiht und einer von Erwachsenen für den Konsum durch Jugendliche produzierten Medienkultur unterschieden werden. Man muß auch zwischen unmittelbar und aktiv gelebten jugendlichen Subkulturen und einem vermittelten Kultur- und Konsumerleben trennen. Jugendkultur umspannt meist beide Pole. Aber man sollte sich ebenso dagegen verwahren, Jugendkulturen auf bloße Konsumkulturen zu reduzieren oder sie zu reinen Horten des Widerstands zu erklären. Stattdessen sollte den Widersprüchen nachgegangen und die Mechanismen aufgespürt werden, in denen Jugendkulturen durch die Medien- und Konsumentenkultur künstlich hergestellt werden. Und schließlich sollte man sich der Frage widmen, wie es Jugendlichen im Gegenzug trotzdem gelingt, eigene Kulturen zu schaffen.

Der Kulturraum Internet

Das Internet trägt die postmoderne Kultur direkt in die Wohnungen und das Leben der heutigen jungen Generation. Einzelne Menschen erhalten über das World Wide Web Zugang zu fremden Kulturformen. Sie beteiligen sich an Diskussionen, schaffen eigene kulturelle Formen und Schauplätze, bauen Beziehungen zu anderen auf und nehmen in einem vollkommen neuartigen Raum Identitäten von gänzlich anderer Art an. Die Internetkultur ist im ganzen fragmentierter, vielfältiger und interaktiver als die Medienkultur. In dem Maß, in dem Bild und Ton zu wesentlichen Bestandteilen der Interneterfahrung werden, begeben sich Individuen in eine Erfahrungswelt, die sich ganz wesentlich von der vorgängigen Print- und Medienkultur unterscheidet. Das Abenteuer Postmoderne zeitigt unvorhersehbare Ereignisse und treibt Menschen in völlig neue kulturelle Räume. Die heutige Jugend ist die erste Cybergeneration, die erste Gruppe, die von Beginn an Kultur als Medien- und Computerkultur kennengelernt hat. Jugendliche spielen Computer- und Videospiele, ihnen steht ein Überangebot an Fernsehkanälen zur Verfügung, sie surfen durch das Internet, schaffen Gemeinschaften, soziale Beziehungen, Gegenstände und Identitäten in einem ganz und gar neuen und originären kulturellen Raum, der durch den Begriff "postmodern" semiotisch markiert wird.

Postmoderne Pädagogik für die Techno-Kultur

Das Internet, die neuen Computertechnologien und Kulturformen haben den Kreislauf von Informationen, Bildern und die verschiedenen Erscheinungsformen von Kultur radikal verändert. Die jüngere Generation benötigt neue technologische Fähigkeiten, um in der High-Tech Informationsgesellschaft überleben zu können. In dieser Situation müssen Schüler und Studenten lernen, wie die Computerkultur für die Forschung und das Sammeln von Informationen nutzbar gemacht werden kann. Sie sollten aber auch lernen, sie als kulturelles Terrain zu betrachten, das Texte, Ereignisse, Spiele und interaktive Medien enthält, die eine „kritische Computerbildung“ erfordern. Die Ausbildung am Computer darf nicht auf technisches Können und Wissen beschränkt bleiben. Sie beinhaltet auch die Fähigkeit, Informationen zu überblicken, sich mit einer ganzen Reihe unterschiedlicher Kulturformen auseinanderzusetzen und kreativ auf die neue Computerkultur einzuwirken.

Während Jugendliche größtenteils von der herrschenden Medienkultur ausgeschlossen sind, stellt die Computerkultur einen diskursiven und politischen Ort dar, an dem Jugendliche Einfluß nehmen, sich an Diskussionsgruppen beteiligen, ihre eigenen Web-Seiten anlegen und neue multimediale Formen für den kulturellen Austausch erfinden können. Computerkultur ermöglicht Individuen, aktiv an der Kulturproduktion teilzunehmen. Das Spektrum reicht von Diskussionen über Themen öffentlichen Interesses bis zur Entwicklung eigener Kulturformen. Dabei können nun auch diejenigen an der Kulturproduktion teilnehmen, die bisher davon ausgeschlossen waren.

Eine Forderung an eine postmoderne Pädagogik muß daher lauten, neue kritische Formen der Schrift-, Medien- und Computerbildung zu entwickeln. Eine solche Pädagogik ist von ganz entscheidender Bedeutung für die neue Techno-Kultur der Gegenwart und der rasch herannahenden Zukunft. Die Kultur der Gegenwart zeichnet sich durch eine ständig wachsende Zahl von „Bilder-Maschinen“ aus. Permanent entstehen daher in unserer Lebenswelt eine Vielzahl von Schrift-, Bild- und Tonerzeugnissen. In dieser Zeichenvielfalt müssen wir uns zurechtfinden, wenn wir uns einen Weg durch diesen Dschungel von Symbolen bahnen wollen. Wir müssen lernen, solche Bilder zu entschlüsseln, diese faszinierenden und verführerischen Kulturformen, von denen wir noch gar nicht wissen, welche Auswirkungen sie auf unser Leben haben. Es ist selbstverständlich Aufgabe der Erziehung, eine Medien-, Computer- und Techno-Kulturbildung zu vermitteln, die lehrt, wie diese Bilder und Erzählungen zu lesen sind. Eine neue, kritische Pädagogik hat den Auftrag, Individuen zur Kritikfähigkeit zu erziehen. Jeder Einzelne sollte in der Lage sein, die gerade entstehende Techno-Kultur zu analysieren und zu kritisieren, aber auch an ihren kulturellen Foren teilzunehmen. Die Herausforderung, der sich Erziehung heute stellen muß, besteht in der Förderung einer auf Computer und Medien spezialisierten Bildung, damit Studenten und Bürger die neuen Technologien zur Steigerung ihrer Lebensqualität und zum Aufbau einer besseren Kultur und Gesellschaft nutzen können. Nichtsdestotrotz besteht die Gefahr, daß Jugendliche vollkommen in die neuen Welt der High-Tech Erfahrungen eintauchen werden, daß sie den Bezug zur Gesellschaft verlieren, ebenso wie ihre Kommunikationsfähigkeit und die Bereitschaft, auf andere Menschen einzugehen. Die Statistiken machen deutlich, daß sich inzwischen immer mehr Jugendliche Zutritt zum Cyberspace verschaffen können und daß College-Studenten, die an das Internet angeschlossen sind, teilweise über vier Stunden täglich im neuen Reich der technologischen Erfahrungen zubringen. Die Medien haben wegen der vermeintlich wachsenden Gefahren im Cyberspace eine Welle der moralischen Entrüstung losgetreten. Hier wurden Schauermärchen über Jungen und Mädchen verbreitet, die im Internet zu gefährlichen sexuellen Praktiken oder zum Ausreißen animiniert wurden. Zudem finden sich zahllose Berichte über die Verbreitung von Pornographie im Internet. Konservative Politiker, in der Regel ohne jegliche Computerkenntnis, haben Aufrufe zu verschärfter Kontrolle, Zensur und Überwachung der Kommunikation im Internet gestartet.

Natürlich birgt der Cyberspace, wie jeder andere Ort auch, Gefahren für Jugendliche. Die Bedrohungen durch Gewalt und Mißbrauch innerhalb und außerhalb der Familie sind jedoch bedeutend größer als die Gefahr, von Fremden im Internet verführt zu werden. Da der Handel mit Pornographie im Internet blüht, wird dasselbe Material auch in Videoläden und an Zeitungskiosken immer besser zugänglich. Es erscheint nicht gerechtfertigt, das Internet zu verteufeln. Versuche einer Zensur im Internet können als jugendfeindlicher Eingriff verstanden werden, der darauf zielt, das Recht auf Unterhaltung und Information zu beschneiden. Jugendlichen soll das Recht auf eigene Subkulturen genommen werden. Gerätschaften wie der V-Chip, der Sex und Gewalt von den Fernsehbildschirmen verbannen oder den Zugang zu bedenklichem Material im Internet blockieren soll, entspringt der Hysterie und moralischen Entrüstung Erwachsener. Sie sind den tatsächlich lauernden Gefahren für Jugendliche, die zwar gewiß existieren, aber in der wirklichen Welt unmittelbarer spürbar sind als in der Hyperrealität, keinesfalls angemessen. Zweifellos enthält der Cyberspace mindestens ebensoviele Banalitäten und Dummheiten wie das wirkliche Leben und man kann auch dort sehr viel Zeit vergeuden. Aber im Vergleich zu der trostlosen und brutalen Welt der Großstädte, wie sie in der Rap-Musik und in Filmen wie Kids ins Bild gesetzt werden, sind die technologischen Welten Zufluchtsstätten der Information, Unterhaltung, Interaktion und Begegnung. Hier erlernen Jugendliche wertvolle Fähigkeiten, erlangen Wissen und Macht, die für das Überleben im Abenteuer Postmoderne unverzichtbar sind. Jugendliche bauen im Cyberspace und den neuen Subkulturen und Gemeinschaften ein neues vielschichtiges und flexibles Selbst auf. Es ist wirklich aufregend, im Net zu surfen und zu entdecken, wieviele interessante Web-Sites von jungen Menschen dort eingerichtet wurden. Dabei findet sich auch oft wertvolles Material für Erziehungsfragen. Natürlich besteht die Gefahr, daß unternehmerische und kommerzielle Interessen im Internet die Oberhand gewinnen. Aber es ist ebenso wahrscheinlich, daß es dort weiterhin Räume geben wird, in denen Individuen selbst Fähigkeiten, Gemeinschaften und Identitäten ausbilden können. Es ist eine wichtige Herausforderung für Jugendliche (und andere), das Internet für positive kulturelle und politische Projekte und nicht ausschließlich für Unterhaltung und passiven Konsum zu nutzen.

Leben in der Cybersociety

Bedenkt man die wachsende Bedeutung von Computern und neuen Technologien, wird deutlich, daß es für Jugendliche von allergrößter Bedeutung ist, verschiedene Arten von Bildung zu erwerben. Sie müssen sich, ebenso wie ihre Eltern und Lehrer, für die neue Cybersociety wappnen.

---------------------------------------------------------
Unter Cybersociety (oder virtueller Gesellschaft) versteht man eine Gesellschaft, in der Produktion, Distribution und Kommunikation weitgehend in virtuellen Räumen stattfinden, im Cyberspace. Die virtuelle Gesellschaft ist eine Gesellschaft, in der der virtuelle Raum den realen Raum überlagert, mit ihm vielfältige neue assoziative Formen bildet, ihn tendenziell aber auch verdrängt und substituiert, ihn jedoch niemals als Ganzes ersetzen kann.

Um in einer postmodernen Welt zu überleben, müssen sich Individuen aller Altersstufen in den Medien und am Computer bilden, um den Umgang mit dem Überfluß an Medien, Bildern und Ereignissen zu lernen. Wir alle müssen technologische Fähigkeiten erwerben, um die Medien- und Computertechnologien so nutzen zu können, daß wir eine Chance haben, in der neuen High-Tech-Ökonomie zu bestehen und unsere eigenen Kulturen und Gemeinschaften zu gestalten. Jugendliche benötigen in ganz besonderem Maß „Straßenschläue“ und Überlebensgeschick, um mit Drogen, Gewalt und Unsicherheit in der heutigen räuberischen Kultur zurechtzukommen.

Es ist außerordentlich wichtig für die Sicherung einer demokratischen Zukunft, daß Jugendliche aller Klassen, Rassen, Geschlechter und Regionen Zugang zu den neuen Technologien erhalten. Sie benötigen Medien- und Computerkenntnisse, um Chancen auf dem Berufsmarkt im High-Tech-Zeitalter zu haben und Eintritt in die zukünftige Gesellschaft zu finden. Nur so können wir die Verschärfung der Klassen-, Geschlechter- und Rassenunterschiede verhindern. Trotzdem ganz neue intellektuelle Fähigkeiten notwendig sein werden, ist gerade im Cyberzeitalter von Textverarbeitung, Informationsanhäufung und elektronischer Kommunikation, die traditionelle Schriftbildung umso wichtiger. Die Ausbildung in Philosophie, Ethik, Wertedenken und den Geisteswissenschaften ist nötiger als je zuvor. Wie das Internet genutzt wird, hängt davon ab, ob Jugendliche eine umfassende Ausbildung erhalten und wie sie ihre Fähigkeiten und Interessen in die neuen Technologien einbringen. Diese können genutzt werden, um an wertvolles Bildungs- und Kultur-Material zu gelangen, aber auch um an Pornographie und die Banalitäten der Einkaufsmeilen im Cyberspace zu gelangen.

Natürlich ist das Leben im Cyberspace nur eine Erlebnisdimension und man muß lernen, in der "wirklichen Welt" mit Schule, Beruf, Beziehungen, Politik und anderen Menschen umzugehen. Jugendliche - besser gesagt wir alle! - müssen lernen, uns in den Dimensionen sozialer Realität auszukennen. Wir müssen uns eine Vielzahl von Bildungsformen und Fähigkeiten aneignen, die uns in die Lage versetzen, Identitäten zu schaffen, Beziehungen und Gemeinschaften aufzubauen, die unsere Möglichkeiten voll ausschöpfen und der Befriedigung unserer Bedürfnisse dienen. Das Leben ist heute multidimensionaler als je zuvor und es ist Teil des Abenteuers Postmoderne, lernen zu müssen, in einer Vielzahl sozialer Sphären zu leben und sich an tiefgreifende Veränderungen und Transformationen anzupassen. Die Erziehung muß sich diesen Herausforderungen stellen und die neuen Technologien nutzen, um die Ausbildung zu fördern und neue Strategien zu erdenken, wie die neuen Technologien genutzt werden können, um eine demokratischere, gleichere, multikulturelle Gesellschaft zu schaffen.




[Top of Text] - [TextTerminal] - [Mail]
[LabMap] - [VInCI-Homepage] - [Kursbuch JugendKultur]

VInCI by SPoKK is located at the Justus-Liebig-Universität Giessen.
Date of Publishing: Apr-97