NetzLabor - Rezensionen
[Sammelbesprechung Florian Rötzer & Georg Franck]

Info:

Florian Rötzer: Digitale Weltentwürfe. Streifzüge durch die Netzkultur. Edition Akzente, Hanser Verlag, 280 Seiten, 34 DM.
Georg Franck: Ökonomie der Aufmerksamkeit. Ein Entwurf. Edition Akzente, Hanser Verlag, 256 Seiten, 36 DM.

Die Rezension von Christoph Bieber und Eike Hebecker ist zuerst erschienen in junge Welt (August 1998).


Die Aufmerksamkeit der Ökonomie
Hansers Edition setzt Akzente und macht auf sich aufmerksam

Der Begriff der "Aufmerksamkeit" hat in letzter Zeit eine steile Medienkarriere hinter sich - ob im martialischen "Krieg um Augäpfel", als immaterielle Konkurrenz zum Steuerungsmedium Geld oder schlicht als knappe Ressource in der stets steigenden Informa tionsflut - Aufmerksamkeit, respektive die Fähigkeit, sie zu erzeugen oder zu ergattern steht im Mittelpunkt. Auch die "Edition Akzente" im Hanser Verlag wurde auf diese Entwicklung aufmerksam und hat nun im Doppelpack zwei Bände herausgebracht, die sich dem heiß umkämpften Gut auf theoretische Weise zu nähern suchen.

Die Literatur über das Internet und Multimedia hat sich mittlerweile zu einem eigenständigen Genre entwickelt, in dem alle Aspekte von der Praxis bis zur Theorie der Informationsgesellschaft thematisiert werden. Von daher verwundert es, wenn uns Floria n Rötzer im Untertitel zu seinem neuen Buch "Digitale Weltentwürfe wieder einmal zu Streifzügen durch die Netzkultur einladen will und uns nochmals den Zapper als benjaminischen Flaneur verkauft. Die unspannende Überschrift ist jedoch wohl eher der Vorsicht geschuldet, die größere Verlage walten lassen, wenn sie die Netzliteratur in ihre Programme integrieren, wie es Hanser in der Edition Akzente praktiziert. Auf der Suche nach den digitalen Weltentwürfen mixt der Autor alles, was im Zuge des P aradigmawechsels hin zur Biologie als neue Leitwissenschaft des dritten Jahrtausends gegenwärtig an der Theoriebörse gehandelt wird. Neurologie, Genetik und vor allem die Evolutionstheorie gelten als Modelle mit denen kulturelle, gesellschaftliche und ziv ilisatorische Prozesse in einer globalisierten, postnationalen und postideologischen Welt erklärt werden können, die mit ihren Kommunikationsoptionen in die neue Dimension des Cyberspace vorgestoßen ist: Die Netze als globales Gehirn.

Die Memetik spielt in diesen Überlegungen als neue Wissenschaft eine besondere Rolle. Der Begriff wurde bereits vor geraumer Zeit von dem Evolutionsbiologen Richard Dawkins geprägt und beschreibt Meme als grundlegende Informationseinheiten, die sich ähnli ch der egoistischen Gene reproduzieren und verbreiten, nur daß sie nicht in einem materiellen Code vorliegen, sondern als virtuelle Viren Wahrnehmungs- und Verhaltensveränderungen hervorrufen. Wie die Computerviren dringen sie als Parasiten in ein System ein, schreiben sich aber nicht in dem Code fort, sondern verändern die Kognition und verbreiten sich als Idee weiter. Medien aller Art sind ihre effizientesten Übertragungswege, besonders unter der Bedingung digitaler Informations- und Telekommunikationst echnik. Die neue Fragestellung in der Kognitions-, Kultur- und Gesellschaftswissenschaft lautet deshalb nicht mehr, wie kommen die Menschen zu Ideen und setzen diese um, sondern, wie kommen die Ideen zu den Menschen und benutzen diese als Wirte. Ob es dur ch die euphorische Zuwendung zu nicht ganz so neuen Konzepten der Biologie gelingt, die in den globalen Netzwerken vermutete künstliche Intelligenz zu beleben - oder sie in diesen Zustand zu definieren, muß jedoch hinterfragt werden. Gleiches gilt für den Erkenntnisgewinn, der bei der Übertagung biologischer Modelle auf "genuin" gesellschaftliche Forschungsfragen zu erwarten ist, zumal die Geisteswissenschaften von der Ideengeschichte bis zur Diskursanalyse die Verbreitung von Gedanken sowie deren Wirkung sweise und Funktion in der Gesellschaft analysiert haben.

Ebenso wie die Evolution in Sprüngen voranschreitet und Veränderungen im Wettbewerb erprobt, bestimmt ein neues Medium nicht gleich ein neues Forschungsparadigma. Zurecht stellt Rötzer fest, daß die Evolutionstheorie in der Wissenschaft "deswegen so anstö ßig und faszinierend ist, weil sie letztlich zur Fatalität und zur Akzeptanz des Schicksals im Strudel der Innovation führt." Die egoistischen Gene und Meme führen hingegen wie die Elementarteilchen in der Physik, "ins Nebulöse, in ein Reich zwischen Fikt ion und Realität", das jedoch, wie die Science-Fiction bereits gezeigt hat, durchaus in der Lage ist, der Wissenschaft den Weg zu Weisen.

Wesentlich konkreter lassen sich die Überlegungen zur Aufmerksamkeit an, die in der Informationsgesellschaft zum knappen Rohstoff wird, dessen Aufnahmekapazität vor allem zeitlich begrenzt ist. Aufmerksamkeit ist die Währung der Medien, wer sie erregen, b ündeln und aufrecht erhalten kann, kann sie wie eine Ware verkaufen.

Eine vertiefte Behandlung erfährt die "Ökonomie der Aufmerksamkeit" in einem weiteren Band aus der Edition Akzente, wenngleich Georg Franck im Untertitel ("Ein Entwurf") sofort die Reichweite seiner Überlegungen zurücknimmt. Der Ordinarius f ür EDV-gestützte Methoden in Architektur und Raumplanung an der TU Wien legt ein erstes Fundament für die zuletzt stark nachgefragte Diskussion um die Möglichkeiten und Grenzen von Selektion und Orientierung in einer stetig steigenden Informationsflut. Da bei leugnet er seine Herkunft aus einem ökonomisch-technischen Umfeld nicht, und verweist auf die Möglichkeit des Überstülpens rationalistischer Theorieentwürfe auf subjektive und wissenschaftlich nicht analysierbare Mechanismen, die die Zuwendung von Auf merksamkeit innerhalb individueller Erlebniswelten strukturieren: "Die Ökonomie wird mit dem meß- und wägbaren Aspekt des Lebens assoziiert, wogegen das aufmerksame Dasein gerade denjenigen Zug am leiblichen Dasein darstellt, der sich dem Messen und Wiege n entzieht. Trotzdem hat die Aufmerksamkeit ihre neue Bedeutung dadurch gewonnen, daß sie in den hochtechnisierten Zivilisationen als produktive Ressource und als Form es Einkommes ins Zentrum rückt." Diese Entwicklung rechtfertigt Franck, "die Unterstell ung rationaler Vorteilsuche auf den Umgang mit der knappen eigenen und der begehrten anderen Aufmerksamkeit auszudehnen."

Neben der Verortung eines Aufmerksamkeitskreislaufes versucht sich Franck auch an einer vergleichsweise detaillierten Begriffsklärung, wenngleich hier die prinzipielle Unerforschlichkeit subjektiver Prozesse bedacht werden muß. Im Bezug auf das trennschär fere englische Begriffsdoppel "awareness" und "attention" stellt Franck eine deutsche Doppeldeutigkeit heraus: "Mit Aufmerksamkeit wird immer sowohl die Kapazität zu selektiver Informationsverarbeitung als auch der Zustand der Geistesgegenwart angesproche n sein". Somit wird der Blick sowohl auf die nach außen gerichtete Aktivität der Zuwendung, wie auch einen verinnerlichten Prozeß der Verarbeitung gelenkt. In derartigen Feinheiten unterscheidet sich Franck von vielen anderen Annäherungen an den vermeintl ichen "Rohstoff der Informationsgesellschaft" (Rötzer).

Zur ökonomischen Entlarvung grundlegender Umgangsformen mit Aufmerksamkeit zieht Franck den Wissenschaftsbetrieb als "Musterbeispiel einer geschlossenen Ökonomie der Aufmerksamkeit" als erste Illustration seiner Überlegungen heran. Dabei dokumentiert er e xemplarisch die Funktionsweise der Forschungswelt und beschreibt die Aufmerksamkeitskreisläufe unter Geistesarbeitern, die er als entscheidende Triebfeder für die Aufrechterhaltung der Wissensproduktion ausmacht: "Die Wissenschaft ist ein einziger Tanz um Aufmerksamkeit. Es ist nämlich keineswegs nur das eigene Staunen und die eigene Neugierde, die einen zum Wissenschaftler werden lassen. Es ist auch das Staunen, das man bei anderen zu erregen, es ist auch das Interesse, das man auf die eigene Person zu l enken hofft." Aus der zugewendeten Aufmerksamkeit kann eine ökonomisch verwendbare Reputation entstehen, die den sozialen Aufstieg im Forschungsbetrieb oder die akademische Besitzstandswahrung ermöglicht - sie ist das "konsolidierte Einkommen an kollegial er Aufmerksamkeit".

Die größte Zuwendung der aktuellen Diskussion erlangt Francks Entwurf dann, wenn er sich der Frage widmet, ob Aufmerksamkeit tatsächlich zur "neuen Währung der Informationsgesellschaft" taugt, wie dies beispielsweise Verlagskollege Florian Rötzer proklami ert oder eilfertige kalifornische Herolde einer aufkommenden "attention economy" längst schon attestiert haben. Aus seiner differenzierten Herangehensweise heraus leitet Franck drei Forderungen an die neue Währung ab: Aufmerksamkeit muß als universeller T auschwert fungieren, ihr Wert muß ein verbindliches Maß annehmen und das knappe Gut muß akkumulierbar sein. Für Franck steht zwar fest, daß ein "Wechsel der lebenspraktischen Leitwährung" bevorsteht, jedoch hat Aufmerksamkeit nocht nicht den Status einer vollwertigen "Währung" erlangt. Die weitere Entwicklung wird aber mehr als nur angedeutet, indem Ruhm, Prominenz, Reputation und Prestige als unterschiedliche Stufen einer "Hortung" von Aufmerksamkeit identifiziert werden: "Im Bekanntheitsgrad der Person nimmt die eingenommene Beachtung, entgegen dem ursprünglichen Anschein der Unmöglichkeit, eben doch Schatzfunktion ein."

Georg Franck dehnt seine Überlegungen zur Ökonomie der Aufmerksamkeit mit einer Verlagerung auf die "mikroökonomische" Ebene aus, auf der die "Sicht der jeweiligen individuellen Teilnehmer rekonstruiert" wird. Im weiteren spürt er dabei mögliche Ansatzpun kte für eine umfassendere ökonomische Theorie der Aufmerksamkeit auf, untersucht den "Kapitalmarkt der Beachtlichkeit" und landet schließlich folgerichtig bei einer politischen Ökonomie der Aufmerksamkeit, die "zum Ausgang der Art systematischer Zwänge ge worden ist, wie sie einmal ganz den materiellen Produktionsverhältnissen zugeschrieben wurde." Dabei werden geschickt intelligente Andeutung und Auslassung aneinandergefügt, auf konkrete Beispiele fehlen weitgehend - große Teile von Übertragungs- und Refl exionsarbeit verbleiben beim Leser und lassen viele Schnittstellen im weiten Raum der Informations- und Netzkultur offen. So bleibt die "Ökonomie der Aufmerksamkeit" bisweilen zwar etwas schemenhaft und ihrem Entwurfscharakter verhaftet, liefert aber sehr nützliche Gedankengänge für eine vertiefte Auseinandersetzung mit einem bisher noch kaum durchdachten Strukturierungsmechanismus der Informationsgesellschaft.

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Date of Publishing: Jul-98