NetzLabor - TextTerminalInfo:
Der Artikel ist eine kurze Beschreibung der britischen Online-Aktivitäten im Vorfeld der General Election 1997 und entstand im Rahmen des Seminars "Ein neues athenisches Zeitalter? Elektronische Demokratie." Der Text dient außerdem als Grundlage für eine Veranstaltung im Rahmen der Berliner Volksuni und wird - soweit möglich - in unregelmäßigen Abständen aktualisiert. Zu beachten ist die (kurze) Verfallszeit der angegebenen WWW-Sites, zuletzt geprüft wurden die Adressen am 12. Mai 1997.
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Christoph Bieber
Nachrichtenfutter aus dem Internet
Die Online-Berichterstattung zur britischen Unterhauswahl
Rotierende Landkarten, aus dem Nichts wachsende Säulengrafiken und ein virtueller Parlamentssaal - Nach dem Schließen der Wahllokale um 22 Uhr Ortszeit begann im britischen Fernsehen ein heftiges Mediengewitter, das schon bald die Kunde vom "landslide victory" des bisherigen Oppositionsführers Tony Blair in die Welt trug. Die TV-Networks produzierten mit enormem Personal- und Technikeinsatz eine nahezu lückenlose Berichterstattung. Dauereingeblendete Ergebniszeilen zeigten die aktuelle Sitzverteilung, in Fernschreibermanier und mit den jeweiligen Parteifarben unterlegt wurden die allerneuesten Auszählungsresultate aus den einzelnen Wahlkreisen präsentiert, eine scheinbar frei im Raum schwebende Karte zeigte die geografische Verteilung der Ergebnisse. Doch all die grafischen, computergenerierten und -animierten Präsentationswerkzeuge waren nicht die avanciertesten Versuche, der britischen Wählerschaft die Nachricht vom Sturz des Premierministers John Major nahezubringen. Die unmittelbare Konkurrenz der Fernsehjournalisten saß nicht selten im eigenen Haus, umgeben von Unmengen von Computermonitoren und einem Wust digitaler Kommunikationstechnologie: Bataillone eifriger HTML-Programmier strickten am Grundmaterial für die eigentliche Mediennovität des Abends, der "live news feed" via Internet. Ähnlich wie im vergangenen November anläßlich der Präsidentschaftswahlen in den USA fand die Wahlberichterstattung ihre Fortsetzung im Internet.
Schon im Vorfeld der Wahl richteten die großen britischen Medienkonzerne umfangreiche "Election-Sites" ein, um via Internet eine dauerhafte und detaillierte "news coverage" der Unterhauswahlen garantieren zu können. Die verschiedenen Wahlkampfseiten funktionierten zumeist nach einem ähnlichen Schema: Die aktuelle politische Berichterstattung von Zeitungen und Fernsehsendern wird als tagesaktueller Grundstock ins Netz übertragen, angereichert von zuweilen reichhaltigen Datenbanken zu Wahlkreisen, Kandidaten, Parteien, Wahlkampfthemen, Meinungsumfragen und Hintergrundmaterialien. Dabei finden sich die Hauptakteure der britischen Medienlandschaft im Internet als Konkurrenten um einen neuen Nachrichtenmarkt wieder. Neben den Fernsehsendern wie BBC, Channel 4 oder ITN greifen nun allerdings auch Printmedien in die Live-Berichterstattung ein, so unterhielten etwa Guardian und Observer ein gemeinschaftliches Angebot im World Wide Web. Zusätzlich formieren noch neuartige Informationsallianzen mit exklusiven Web-Angeboten, unter dem Dach von GE ´97 firmierten etwa UK News, der Online-Dienst Compuserve und die Suchmaschine Yahoo. Doch auch nicht-kommerzielle Datendienste bieten Neues von der General Election, so etwa die Keele University oder das regionale Hebden Bridge Web.
Entstanden ist so ein recht breit gefächteres Angebot von technisch und grafisch ausgereiften Election-Sites. Der hohe Aufwand schien sich durchaus zu lohnen, denn in der Wahlnacht wurden die Datendienste verstärkt nachgefragt, was sich in teilweise sehr langen Ladezeiten niederschlug. Die hohe Nutzerakzeptanz steigerte die Werbewirksamkeit der Election-Sites und trug mitunter zu einer anteiligen Refinanzierung bei, wenngleich die WWW-Seiten aufgrund einer noch begrenzten Reichweite als Nebenschauplatz eines weitgehend in den "alten Medien" tobenden Konkurrenzkampfes angesehen werden müssen. Verläßliche Zahlen über die Nutzung der Election-Sites liegen bislang noch nicht vor.
Grundsätzlich teilten sich die Angebote der Election-Sites in zwei Phasen der Berichterstattung: Während in der Vorwahlzeit ein Schwerpunkt der Angebote auf dem Bereich der "Wählererziehung" lag, wandelten sich die Datendienste in der Wahlnacht zu umfangreichen Ergebnisdatenbanken mit experimenteller Live-Berichterstattung.
Per Datenbank und Datenflug zum Wahlkreis:
Digitale Wählererziehung im Vorfeld der General Election
Der Wahlcountdown im Netz mutete zuweilen an wie die Dauerproduktion gedruckter Wahl-Sonderbeilagen und pausenloser Wahl-Sondersendungen - neben den Schlagzeilen vom Tage schien ein lückenloser Wahlkampf-Almanach das Ziel fast aller Election-Sites zu sein, die Besucher der Netz-Präsentationen erhielten meist dicke Datenpakete zur Hand gereicht. Die digitale Wahlkampf-Nachhilfe umfaßte in der Regel Basisinformationen zu politischem System und Wahlrecht, Lebensläufe der "leading candidates", sowie die "manifestos" der Parteien. Besonders heikle Wahlkreise erhielten eine Sonderberichterstattung (wie etwa Tatton, wo der BBC-Reporter Martin Bell als politischer Saubermann gegen den korruptionsverdächtigten Tory-Abgeordneten Neil Hamilton antrat). Nicht fehlen durfte ein ausführlicher "guide to the issues", in dem die wichtigsten Sachthemen des längsten Wahlkampfes der britischen Geschichte erläutert und die jeweiligen Positionen der prominenten Akteure vorgestellt wurden. Nahezu alle Informationen wurden in Form von Datenbanken bereitgestellt, mittels verschiedener Suchanfragen konnten sich Benutzer die gewünschten Daten zusammenstellen lassen.
Der reine Umfang des Info-Materials hätte - verabreicht im fußgängerzonen-kompatiblen Papierformat - sicherlich ausgereicht, um mehrere Einkaufstüten zu füllen und hätte daher die meisten Wahlbürger in die Flucht geschlagen. Die Internet-Angebote versuchten sich im Vorfeld an einer großangelegten politischen Bildungsinitiative, gespickt mit aktuellem Nachrichtenmaterial und kleinen Werbehäppchen - sie inszenierten ein politisches Edutainment im Zeitalter digitaler Produzierbarkeit. In einigen Fällen rückte dabei videospielartige Effekthascherei den tatsächlichen Nutzwert der Angebote in den Hintergrund. Der hohe Anteil grafischer Elemente bestätigt dabei nur den Trend zur Visualisierung in Form von Info-Grafiken, Karten und Diagrammen und ist auch in den klassischen Medien weitverbreitet.
Neue Elemente im Datenraum waren jedoch "interaktive" Telespielereien, wie etwa das "Vote-O-Meter", ein Service der Guardian/Observer-Website. Anhand zehn ausgewählter Sachthemen sollten unentschlossene Wähler ihre Parteipräferenzen ausloten - zunächst mußte jedem Sachthema (Wahlrechtsreform, Mindestlohnregelung, Europafrage) das Außmaß persönlichen Interesses zugeordnet werden ("unwichtig", "wichtig", "sehr wichtig"), danach standen drei Grundsatzaussagen zur Auswahl, die Akzeptanz, Abweisung und Unentschiedenheit repräsentieren sollten ("Soll das Oberhaus ein gewähltes Gremium werden?", "Sollten Mindestlöhne eingeführt werden?"). Nach zwanzig Mausklicks stand dann ein "Meinungsprofil" fest - verglichen mit den Wahlkampfaussagen der Parteien erzeugten die Eingaben der Benutzer den "Vote-O-Meter-Score": Die Übereinstimmungen und Abweichungen zu den drei großen Parteien wurden mittels unterschiedlich langer roter (Labour), blauer (Conservatives) und gelber (Liberal Democrats) Markierungsbalken angezeigt. Solche Beispiele zeigen, daß der Grat zwischen neutraler Bildung und suggestiver Beeinflußung sehr schmal ist - der Berechnungsmodus blieb ebenso verborgen wie die Gewißheit einer korrekten Bildschirmausgabe.
Neben solchen Spielereien spielten simulierte "Vorab-Wahlen" eine große Rolle im Angebot der Election-Sites, häufig konnten interessierte Datentouristen Wahlergebnisse prognostizieren und erhielten meist opulente, politisch eingefärbte Landkarten mit den Resultaten ihrer persönlichen "Virtual Election". Dabei überzeugten die WWW-Angebote nur durch den Einsatz neuester Internet- Technologien - animierte und automatische aktualisierte Java-Applets waren beinahe überall zu finden, dann und wann war sogar ein Daten-Flug durch eine VRML-Umgebung möglich. Diese neue Codierungssprache für Grafiken erlaubt dreidimensionale Bewegungen durch Grafiken im Stile von Flugsimulator-Computerspielen. Die Notwendigkeit zum Einsatz dieser High-End-Techniken war hingegen nur selten zu erkennen - schneller war der eigene Wahlkreis oder ein lokaler Kandidat aus einer Textdatenbank zu ermitteln. Nur selten wurden solch avancierte Präsentationsformen zur Veranschaulichung "wichtiger" Daten verwendet, wie etwa zur Darstellung der Bevölkerungsdichte eines Wahlkreises oder der dort erwarteten Stimmenverteilung.
Der verspätete Machtwechsel:
Die Online-Berichterstattung in der Wahlnacht
Das für die Wahlnacht bei fast allen kommerziellen Election-Sites angekündigte "live-tracking" der Ergebnisse ist nicht in allen Fällen gut gelungen. Die technische Zusatzarbeit der Übertragung eingehender Auszählungsergebnisse in die HTML-Codierungssprache der WWW-Seiten führt noch immer zu Verzögerungen bei der Online-Präsentation. Zudem erlauben die noch recht restriktiven Vorgaben kaum eine zeitnahe, anspruchsvolle Darstellung mittels animierter Grafiken, die inzwischen zum TV-Standard zählen. Als Notbehelf fungierten sehr schlichte HTML-Seiten, die im Stile eines Fernschreibers neue Resultate in Schlagzeilenform auf die Monitore brachten. Einige Anbieter (z.B. GE ´97) experimentierten mit einer eleganteren Form der Aktualisierung in Form von Java-Applets, die als eigenständige Fenster die aktuellen Entwicklungen einblenden sollten - allerdings funktionierte diese Art der Informationsversendung selten einwandfrei. Noch nach knapp dreistündiger Auszählungszeit (der Machtwechsel war längst beschlossene Sache) brachte die "Java-Live-News-Feed" die Meldung, daß Labour gerade mal vier Wahlkreise für sich verbuchen konnte, während die anderen Parteien noch auf jeglichen Sitzgewinn warteten. Dennoch: Das Zusammenschalten verschiedener Angebote unterschiedlicher Info-Anbieter auf dem heimischen Computer-Monitor läßt durchaus "Wahlstudio-Atmosphäre" aufkommen. Allerdings kommen bislang nur "bookmark"-geschulte Anwender mit Multimedia-Terminal und ISDN-fähigem Netzanschluß voll auf ihre Kosten - erst dann gelingt es, diverse News-Ticker, Landkarten, Audio- und Video-Sequenzen, Live-Chats, Diskussionsforen und erste Pressestimmen zu einem Nachrichtenmix zusammenzumischen, der ansatzweise mit der professionellen Berichterstattung der TV-Networks konkurrieren kann.
"Onlive"-Berichterstattung:
Experimentierfeld auf beiden Seiten des Monitors
Was bisher nur für äußerst geduldige Netzpioniere (mit gleichzeitig eingeschaltetem Fernseher) als do-it-yourself Wahlberichterstattung funktioniert, trägt den Keim der digitalen Medienzukunft in sich: Ähnlich wie bei den Pilotprojekten zum Digitalfernsehen - etwa der Übertragung eines Formel-Eins-Rennens mit der Möglichkeit zur Wahl des Kamerastandortes - eignet sich das Internet derzeit zur Spielwiese einer zunehmend individualiserten Mediennutzung. Dabei üben sich auf der einen Seite des Bildschirms die Nachrichtenproduzenten in der Ausarbeitung neuer Präsentationskonzepte, auf der anderen die Nachrichtenempfänger in der Entwicklung neuer Navigationsmuster im immer dichter werdenden Informationsteppich.
Aufgebrochen wird so die Phalanx der Anbieter von Wahl- und Wahlkampfinformationen - nicht mehr allein die "gatekeeper" der klassischen Medien tragen zur Bildung der politischen Öffentlichkeit in Wahlkämpfen bei, die herkömmlichen Massenmedien müssen ihre Rolle als meinungsmächtiger Aufmerksamkeitsverstärker mit einem wachsenden Feld kleinerer, teilweise nicht-kommerzieller Datendienste teilen.
Obschon das Internet im komplizierten Prozeß der Öffentlichkeitsproduktion in Wahlkämpfen gegenwärtig nicht mehr als einen kleinen Spartenkanal für einen besonders gut informierten, privilegierten und nicht-repräsentativen Bevölkerungsteil darstellt, ist eine genaue Beobachtung solcher Online-Aktivitäten sinnvoll. Die Möglichkeit zur Überbrückung der herkömmlichen Massenmedien, als Filter und Verstärker zwischen politischen Akteuren und Wählerschaft geschaltet, ist nämlich auch in kleinen Maßstäben gegeben. Zumindest theoretisch besteht die Chance zu einer "direkteren" Kommunikation zwischen Politiker und Wähler via Internet, doch lassen sich bisher die wenigsten Wahlkämpfer darauf ein. Zu ungewiß sind offenbar die Folgen einer solchen Umgehung klassischer Medienkanäle, deren Regeln und Gesetze den Bereich der Politik längst durchdrungen haben und inzwischen nicht nur die Präsentation von Kandidaten und Programm bestimmen.
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Date of Publishing: May-97