Die Rechte der Kids im digitalen Zeitalter
[Grundlagentext von Jon Katz]

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Jon Katz ist Redakteur von Wired, dem kalifornischen Kultmagazin in Sachen Cyberkultur, und Autor des Buches "Virtuous Reality". In seinem Beitrag zum Kursbuch JugendKultur (Mannheim: Bollmann Verlag, 1997) ist er sicher, daß auch Kinder Rechte haben - und das insbesondere im digitalen Zeitalter, in dem erwachsene Bevormundung neue Urstände feiert.

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Jon Katz
Die Rechte der Kids im digitalen Zeitalter

Artikel I:Kinder führen die Revolution an

Cover Kursbuch Kinder stehen im Epizentrum der Informationsrevolution, am absoluten Nullpunkt der digitalen Welt. Sie haben geholfen, diese Welt aufzubauen, und sie verstehen sie besser als jeder andere. Die digitale Welt läßt junge Menschen nicht nur anspruchs- und niv eauvoller werden, indem sie ihre Vorstellungen von Kultur und Bildung verändert, sie stellt außerdem Verbindungen her, die ihnen ein neues politisches Selbstverständnis geben. Kinder sind im digitalen Zeitalter weder unsichtbar noch unhörbar, vielmehr ist das Gegenteil der Fall. Sie besetzten eine neue Art kulturellen Raumes. Sie sind Bürger einer neuen Ordnung, Gründer der digitalen Nation.

Nach Jahrhunderten manchmal gutmütiger, manchmal brutaler Unterdrückung lösen sich Kinder jetzt aus der wohlmeindenden Kontrolle ihrer Eltern und finden sich gegenseitig im großen Bienenstock, dem Internet. Ebenso wie digitale Kommunikation schier undurch dringliche Grenzen durchbrechen kann und ungehindert von Regierungen und Zensoren um die Welt rikoschettieren kann, können Kinder zum ersten Mal über die erstickenden Grenzen sozialer Konvention hinwegreichen. Zudem können sie die starren Vorstellungen ih rer Eltern von dem, was gut für sie ist, übergehen. Die Kinder werden nicht mehr so sein wie früher - und das gilt auch für den Rest von uns.

Junge Menschen sind die letzte soziale Entität Amerikas, die noch völlig unter der Kontrolle anderer zu stehen scheint. Obwohl die Gesellschaft in den letzten Jahren endgültig dazu übergegangen ist, Kinder vor Ausbeutung und Mißbrauch zu schützen, so sind sie doch diejenige Gruppe unserer sogenannten Demokratie, die keine eigenen politischen Rechte und keine Stimme im politischen Prozeß hat. Vor allem Teenager, die schon beinahe erwachsen sind, sehen sich manchmal unannehmbaren Kontrollen in fast allen Be reiche ihres Lebens gegenüber.

Zum Teil geschieht das, weil die Gefahren für Kinder so vielfältig sind. Sie reichen von tatsächlicher Gefahr (körperlichen Angriffen, sexuellem Mißbrauch, Kidnapping) bis zu den als Gefahren wahrgenommenen - aber oft nicht nachweisbaren - Schäden durch p ornographische Bilder oder Gewaltdarstellungen, neuen Technologien, die in die Abhängigkeit führen oder den mutmaßlichen Verfall von Zivilisation und Kultur.

In einigen Teilen Amerikas, vor allem in der städtischen Unterschicht, in der Gewalt und wirtschaftliche Engpässe die Ausmaße einer Epidemie angenommen haben, scheinen solche Ängste nicht nur berechtigt zu sein, sie werden nicht selten heruntergespielt un d verharmlost. Doch für Familien der Mittelschicht, den Hauptkonsumenten der umstrittenen Massen- oder Populärkultur, erscheinen solche Ängste übertrieben und fehl am Platze. Sie werden häufig herbeigeredet, um die Kontrolle über eine Gesellschaft zu beko mmen, die sich schneller wandelt, als wir dies nachvollziehen können. Der Gedanke, daß Kinder sich unserer absoluten Kontrolle entziehen, mag für viele die bitterste Pille sein, die sie in unserem digitalen Zeitalter schlucken müssen. Die Notwendigkeit und der Wunsch, unsere Kinder zu beschützen, ist instinktgeleitet und ei n innerer Reflex. Um so schwerer ist es, dies zu ändern.

Artikel II: Ein neuer Gesellschaftsvertrag

Vor drei Jahrhunderten wurde der Welt eine faszinierende Idee vorgestellt: Keiner hat das Recht der absoluten Kontrolle über andere. Menschen haben das ihnen eigene Recht auf ein gewisses Maß an Freiheit. Über Regeln sollte abgestimmt werden, niemand soll te sie mehr vorschreiben können. Obwohl diese Vorstellung zu unserem teuersten politischen Grundsatz wurde, hat sie im 17. Jahrhundert noch nirgendwo auf diesem Planeten in der Praxis existiert. Als sie sich dann schließlich langsam verbreitete, wurde sie zuerst auf Männer bezogen - meist weiße Männer. Stück für Stück und einen mühseligen Schritt nach dem anderen hat sich die Idee anderer Gruppen bemächtigt, doch Kinder sind hiervon noch immer ausgenommen. An John Locke, den englischen Philosophen und Essayisten des 17. Jahrhunderts, erinnert man sich wegen seiner einflußreichen politischen Forderung, daß Menschen ein Mitspracherecht bei der Art und Weise, mit der sie regiert werden, haben sollten. Locke pr edigte, daß Menschen von Natur aus bestimmte Rechte hätten - das Recht auf Leben, Freiheit und Besitz. Herrscher, so schrieb er, leiteten ihre Macht nur vom Einverständnis derjenigen ab, über die sie herrschten. Demzufolge wird Regieren erst durch einen G esellschaftsvertrag möglich: Die Untertanen geben bestimmte Freiheiten auf und unterwerfen sich der Regierung, die sie im Gegenzug gerecht behandelt und die Sicherheit ihres rechtmäßigen Besitzes garantiert. Der Herrscher bleibt nur so lange an der Macht, wie er sie einsetzt, um gerecht zu regieren. Wenn dies Amerikanern bekannt vorkommt, dann darum, weil sowohl die Unabhängigkeitserklärung, wie auch die Verfassung Lockes intellektuelle Fingerabdrücke tragen.

John Lockes Vorstellung eines Gesellschaftsvertrages erfordert gegenseitigen Respekt. Wenn die Regierung das Vertrauen, das ihr von den Menschen entgegengebracht wird, verletzt, wenn Herrscher "bestrebt sind, die Macht der Menschen zu zerstören, sie ihnen zu nehmen oder sie zu versklaven", dann verliert die Regierung die Macht, die die Menschen ihr zugesprochen haben. Ein willkürlicher oder destruktiver Herrscher, der die Rechte seiner Untertanen nicht respektiert, kann "mit Recht als der gemeinsame Feind und Plage der Menschheit angesehen werden und dementsprechend behandelt werden." Die Idee eines Gesellschaftsvertrages, der statt willkürlicher Macht gegenseitigen Respekt betont, scheint besondere Relevanz für die Rechte von Kindern und das Ausmaß elterlicher Autorität zu haben, vor allem in bezug auf unseren derzeit wütenden Bürgerk rieg um Kultur und Medien.

Kinder sind in extremem Maß der Zensur und Kontrolle unterworfen - V-Chips, Blockiersoftware, mit der man Programme sperren kann, Altersbegrenzungen für Filme, Musik und Computerspiele. Konservative wie etwa der gescheiterte republikanische Präsidentschaf tskandidat Bob Dole schmieden aus ihrem Verlangen heraus, jungen Menschen kulturelle Scheuklappen anzulegen, eine nationale politische Bewegung. Sogar Präsident Bill Clinton hat sich enthusiastisch die Idee zueigen gemacht, daß Eltern das Recht haben soll ten, bestimmte Fernsehprogramme für Kinder unzugänglich zu machen. Die Kinder bleiben in diesem Kampf weitgehend auf sich gestellt; nur wenige Politiker oder Vertreter aus dem Bildungs- oder Sozialsektor haben sie unterstützt oder verteidigt.

John Locke stellte die Auffassung, daß Eltern "absolute" Gewalt über ihre Kinder hätten, in Frage. In seinen "Zwei Abhandlungen über die Regierung" und dem Essay "Einige Gedanken zur Erziehung" plädierte Locke dafür, Kinder moralisch zu erziehen, statt ih nen willkürlich Regeln aufzuzwingen. Ebenso wie Erwachsene hätten Kinder ein Anrecht auf ein gewisses Maß an Freiheit, da dieses mit ihrem Status als vernünftige Menschen einherginge. Die elterliche Autorität sollte nicht streng oder willkürlich sein, sch rieb er, und nur eingesetzt werden, um zu helfen, anzuleiten und den Zögling zu schützen. Allmählich sollte sie gar ganz verschwinden.

Die Erwachsenenwelt nahm Lockes primäre Konzepte der individuellen Freiheit an und schuf mit der Zeit politische Ideen und juristische Regeln. Die Französische und die Amerikanische Revolution beinflußten das politische Denken weltweit und entwickelten Re geln, die noch heute Gültigkeit haben. Doch Kinder haben bisher fast vˆllig außerhalb des Einflußkreises dieser Ideen gelebt - aus verständlichen Gründen. Die Rechte von Kindern sind in der Tat sehr viel komplizierter. Jede Form der rechtlich gestützten politischen Emanzipation von Kindern ist fast gänzlich ausgeschlossen. Es ist unwahrscheinlich, daß Kinder denselben weitreichenden gesetzlichen Schutz erlangen können, den man anderen Minoritäten garantiert. Einige der stärksten Bewegungen unserer politischen Geschichte - die Bürgerrechtsbewegung, die Frauenrechtsbewegung, die Schwulenbewegung - kämpften sowohl auf moralischer, wie auch auf rechtlicher Ebene. Und auch im Falle von Kindern beginnt die Idee der erweiterte n Freiheit ebenfalls mit einer moralischen Fragestellung. Das Leben von Kindern ist viel zu komplex, als daß man es generalisieren könnte. Der Grad persönlicher Reife, emotionale Stabilität, das Tempo, in dem sich junge Menschen entwickeln und Neues erlernen, der Grad elterlicher Geduld, Bedachtsamkeit und Metho den variieren viel zu stark, um festgelegte Regeln aufzustellen. Fünfjährige sind anders als Fünfzehnjährige. Und zumindest, wenn es um "Kultur" geht, sind Jungen anders als Mädchen.

Doch gerade hierin liegt das Argument begründet, daß die Idee, Kindern im digitalen Zeitalter einige Grundrechte zu gewähren, entscheidend ist. Die Möglichkeiten junger Menschen sollten nicht ausschließlich von den oftmals willkürlichen und manchmal ignor anten Launen einzelner Erzieher, religiöser Führer oder ihrer Eltern abhängen - dann geht es ihnen ähnlich wie den Menschen, die der totalen Kontrolle eines Königs unterstellt sind. Eltern, die unbedacht den Zugang zur Internet-Kultur versperren, die ihre n Kindern verbieten, Musik mit unbequemen Texten zu hören, oder Eltern, die die Gefahren gewalttätiger oder pornographischer Bilder verkennen oder verzerren, handeln aus eigener Angst und Arroganz heraus und üben selbst eine brutale Autorität aus. Anstatt ihre Kinder auf eine Welt vorzubereiten, mit der sie leben werden müssen, erziehen solche Eltern für eine Welt, die nicht mehr existiert.

Junge Menschen haben ein moralisches Recht auf den Zugang zu Neuen Technologien und den Inhalten von Medien und Kultur. Dies ist ihre universale Sprache. Dies ist ihr Mittel, eine moderne Form von Bildung zu erlangen, die sie, anders als das schnöde Auswe ndiglernen und Aufsagen der Namen amerikanischer Präsidenten, im nächsten Jahrtausend mit Sicherheit dazu befähigen wird, Zugang zu Informationen zu erhalten. Diese Fähigkeit kann in Zukunft durchaus für die Differenz zwischen materiellem Wohlstand und wi rtschaftlichen Schwierigkeiten verantwortlich sein.

Das Blockieren von Informationen oder gar deren Zensur sollten ebenso wie Altersbegrenzungen die letzten Mittel sein, die man im Umgang mit Kindern einsetzt, nicht die ersten. Dies gilt vor allem dann, wenn Kinder die Chance haben, eine moralische Ethik u nd Verantwortungsbewußtsein zu entwickeln und auch willens sind - im Sinne von John Lockes Gesellschaftsvertrag - ihre Pflichten zu erfüllen.

Artikel III: Das verantwortungsbewußte Kind

Die kulturellen Streitigkeiten zwischen Kindern und ihren Familien löst man nicht, indem man den Einflußbereich des Rechtssystems auf ein jedes Zuhause ausweitet. Kein Gesetzgeber kann all jene Situationen definieren, in der Kinder mehr Eigenverantwortung für ihr Handeln übernehmen können. Zudem verhindern die in vielen Familien grundverschiedenen Wertvorstellungen die Formulierung universeller Regeln.

Jedoch können wir als Eltern anfangen zu verstehen, wie der neue Gesellschftsvertrag mit Kindern aussieht - indem wir mit der Vorstellung des verantwortungsbewußten Kindes beginnen. Dabei handelt sich um einen Teenager, die - oder der - bestimmte Kriterie n erfüllt:

Das verantwortungsbewußte Kind ist keinesfalls die Personifizierung irgendeiner utopischen Vision; manchmal kann sie durchaus schwierig, rebellisch, unausstehlich oder launisch sein. Doch sie macht einen ernstgemeinten Versuch, Schwierigkeiten rational un d verbal zu lösen. Ein Heiligenschein ist nicht erforderlich.

Artikel IV: Die moralische Grundlage

Das verantwortungsbewußte Kind erscheint nicht wie durch ein Wunder, sondern ist das Resultat jahrelanger Vorbereitung und Erziehung. Ihr Bewußtsein und Sinn für Verantwortung entstehen nicht erst dann spontan und aus dem heiteren Himmel, wenn sie volljäh rig wird. Aufgrund elterlicher Anleitung und verschiedenen komplexen Beziehungen sind sie schon früh Bestandteil ihres Lebens geworden.

In der großen Menge an Literatur über Kinder- und Jugendpsychologie finden sich zwar Argumente und Diskussionen über jeden möglichen Aspekt der Kindererziehung. Doch behaupten angesehene Experten fast unisono, daß die dominanten Charaktereigenschaften nic ht unvermittelt im Teenageralter erscheinen. Sie werden viel früher gebildet, nämlich durch das familiäre Umfeld und die Interaktionen, die seit frühester Kindheit erlebt wurden.

Wenn Eltern Zeit mit ihren Kindern verbringen und Bindungen zu ihnen aufbauen, sie moralisch unterweisen und ihnen ein Vorbild sind, unmoralisches Verhalten ablehnen und bestrafen, dann werden moralische Dilemmata, denen sich ihre Kinder später stellen mü ssen, viel besser gelöst werden können.

Indem Eltern zulässiges Verhalten und seine Grenzen definieren, indem sie beides ständig erklären, nimmt das Kind diese Regeln in sein eigenes reflexives Verhalten auf. So formieren sich Bewußtsein und individuelle Wertsysteme. Die Annahme, daß Fernsehsendungen oder Musik ein gesundes Kind, das in ein Beziehungsnetz eingebunden ist und mit zwei Füßen fest auf dem Boden der Realität steht, in ein Monster verwandeln kann, ist absurd. Es ist ein irrationaler Affront nicht nur gegen die Wissenschaft, sondern auch gegen den gesunden Menschenverstand und gegen das, was wir aus unserem eigenen Leben über Kinder wissen. Solche Gedankengänge sind primär die Erfindung von Politikern (die sie benutzen, um ihre Gegner abzuschrecken oder auf den Arm zu nehmen), von einflußreichen religiösen Gruppen (die ihr Dogma jungen Menschen nicht näherbringen können, ohne Kontrolle auszuüben) und des Journalismus (der die neuen Medien und die neue Kultur als Bedrohung für seine eigene einflußreiche Posi tion innerhalb der amerikanischen Gesellschaft sieht).

So einflußreich sie auch sein mögen, Kultur und Medien - oder manchmal die anstößigen Bilder, die von ihnen gezeigt werden - können doch nicht die Wertsysteme unserer Kinder bilden oder die Bausteine für deren Bewußtsein liefern. Nur wir können das tun.

Artikel V: Die Rechte der Kinder

Das verantwortungsbewußte Kind hat bestimmte unveräußerliche Rechte, die nicht aufgrund einer Laune willkürlicher Autoritäten übertragen werden dürfen, sondern von einer gerechten Gesellschaft als jeder Person zustehende Rechte anerkannt werden müssen. Au f dem Weg in das digitale Zeitalter ist diese Anerkennung unumgänglich: Es ist ein wichtiger Schritt, Kinder in die Reihe der Gemeinschaften aufzunehmen, die selbst die Kontrolle über ihr eigenes Leben ausüben oder dafür kämpfen wollen.

Die Rechte von Kindern sind nicht gleichbedeutend mit Nachgiebigkeit. Erziehungswissenschaftler stimmen darin überein, daß Kinder Grenzen und gelegentlich Disziplin brauchen. Doch wenn junge Menschen von frühester Kindheit an die Möglichkeit haben, durchd achte Entscheidungen über sich selbst zu treffen - was sie essen, wann sie schlafen, was sie anziehen sollen - werden sie in der Lage sein, ein gewisses Maß an Kontrolle über ihr kulturelles Leben zu übernehmen, wenn sie Teenager sind. Diese Rechte sind kein Geschenk, das wir aus reiner Gutmütigkeit unserer Herzen geben, sondern die Erfüllung der grundlegendsten Verantwortung von Eltern: Kinder auf die Welt, in der wir leben, vorzubereiten.

Artikel VI: Verhandlungen über den Gesellschaftsvertrag

Wie würde ein Gesellschaftsvertrag über Medien und Kultur - ein Waffenstillstand zwischen Eltern und Kindern - funktionieren? Das Modell, das Locke vorschwebte, läßt sich ausgezeichnet auf Kinder übertragen. Per definitionem stimmt man einem Vertrag zu, statt ihn jemandem aufzuzwingen. Seine Kraft gründet sich nicht auf willkürliche Autorität, sondern auf ein moralisches Fundame nt, ein Verlangen, für jeden das Richtige zu tun und die Rechte und Bedürfnisse einer jeden Partei zu verstehen. Eltern wie Kinder würden ein Abkommen befürworten, das die Rechte der Kinder ratifiziert und die verantwortlichen Partner dazu bewegt, einen T eil ihrer Macht aufzugeben und sich dabei sicher zu fühlen.

Rational denkende Erwachsene müssen beginnen zu akzeptieren, daß Zensur und willkürliche Kontrolle nicht funktionieren und daß sie mit ihren Kindern ein Wertesystem ausdiskutieren m¸ssen, das von allen geteilt wird. Der Versuch, Kinder zu zensieren, wird Autorität und Werte eher untergraben, als sie zu festigen. Da viele ältere Kinder und ihre Freunde fast jede zensierend eingesetzte Technik umgehen können, und da das meiste der digitalen Welt ohnehin jenseits des Verständnisses der Eltern ist, wird deren bloße Autorität eingeschränkt - zuweilen wird sie gar bedeutungslos. Kinder werden auf diese Weise nicht lernen, wie man Wertsysteme bildet, sondern vielmehr erkennen, daß es ihren Moralwächtern nicht gelingt, ihre Ideen zu verwirklichen. Familienmitglieder müssen ihre eigenen Vorstellungen von Kinder und Kultur überdenken. Wieviel Macht und Kontrolle sind Eltern bereit abzugeben? Ein Elternteil würde vorgeben, wieviel Fernseh- oder Onlinezeit es angemessen fände und auf dieser Grundlage d efinieren, was es sonst von dem Kind erwartete: Aufgaben im Haushalt, schulische Leistungen, religiöse Verpflichtungen. Das Kind würde formulieren, welchen Zugang es zur Kultur will: Welche Fernsehsendungen es sehen, welche CDs es hören möchte, wieviel Ze it es im Internet verbringen möchte. Daraufhin muß das Kind bestimmte Gegenleistungen zusichern. Es muß zustimmen, allen Regeln der Sicherheit zu folgen: Im Internet dürfen Kinder keine Telefonnummern oder Adressen an Fremde weitergeben, außerdem sollten sie sofort ihre Eltern informieren, wenn sie WWW-Seiten mit sexuellen Inhalten vorfinden oder "pornographische" Offerten per E-Mail oder in Chat-Kanälen erhalten. Der Zugang zu den Medien wird zwar als Recht gewährt, ist jedoch von einigen Bedingungen abh ängig.

Es würde wahrscheinlich genauso viele verschiedene Arten von Verträgen geben, wie es Familien gibt. Doch wenn Kinder ihren Teil des Gesellschaftsvertrages erfüllen, dann würden auch Eltern zugestehen, daß Kinder ein moralisches Recht auf Medien-Zugang hab en: Zu den Fernsehprogrammen, die sie sehen wollen, den CDs, die sie hören wollen, und den Online-Diensten, die sie auswählen und sich leisten können. Familien könnten dann damit beginnen, auf Vertrauen statt Angst zu setzen, auf Verhandlung statt Konflik t und auf Kommunikation statt Mißtrauen.

Es muß ein Vertrag sein, der in einvernehmlichem Vertrauen geschlossen wird. Eltern, die zu viel verlangen, werden ihre moralische Autorität verlieren, um zu einem Arrangement wie diesem zu kommen. Kinder, die nur wenig tun wollen, werden es ebenfalls gef ährden. Einige Parteien werden wohl ihre gebrochenen Verträge beiseite legen und weiterkämpfen müssen. Natürlich ist der Vertrag außer Kraft, wenn eine Seite die Abmachungen nicht einhält - etwa wenn Kinder in der Schule durchfallen, anderen Menschen Schaden zufügen oder mit dem Trinken beginnen. Kinder, die sich nicht vernünftig benehmen können oder wolle n, verlieren ihr Recht auf rationale Anerkennung und begeben sich wieder in ein Stadium verringerter Freiheiten. Doch Millionen amerikanischer Kids, die eine lebhafte Online-Diskussion oder eine Episode von NYPD Blue in den Griff bekommen, wird die kulturelle Freiheit sicherlich nicht deshalb verwehrt werden, weil ihre Eltern Angst vor anderen Kindern haben, die dies nicht können.

Artikel VII: Der Testfall

Wie es sich ergibt, wird mein eigener Haushalt seit Jahren auf der Basis einer Art Gesellschaftsvertrag geregelt - nicht, daß wir dies so genannt hätten oder ich sehr viel an John Locke gedacht hätte. Ich habe jedoch gesehen, daß es funktionieren kann. Me ine Frau und ich haben eine 14jährige Tochter, die keine Schwierigkeiten damit hat, daß ich über ihre kulturellen Rechte, nicht jedoch über andere Details ihres persönlichen Lebens, schreibe.

Im Glauben, daß Kultur die Sprache und Währung ihrer Generation ist, haben wir sie immer dabei unterstützt, ihre Kultur zu verstehen. Sie spielte mit einem Gameboy, schaute Kabelfernsehen, liebte die Teenage Mutant Ninja Turtles. Mittlerweil e sieht sie Homicide: Life on the Street und Akte X, aber auch alte Musicals und nach einer anstrengenden Woche schon einmal eine alberne Situationskomödie.

Sie kann nahezu jeden Kinofilm sehen, den sie sehen möchte, obwohl es manchmal eine Diskussion darüber gibt. Wenn sie geschockt ist oder ihr unheimlich wird, kann sie natürlich auch einfach gehen. Die Empfehlungen und Altersbegrenzungen der Motion Pict ure Association of America bieten eine absurde Vorgabe dessen, was Kinder sehen können und was nicht und waren deshalb nie ein Kriterium in unserer Familie. Als unsere Tochter noch jünger war, und es damals ernstzunehmende Bedenken hinsichtlich Gewalt , sexuellen Inhalten oder emotionaler Intensität von Filmen gab, haben meine Frau und ich uns die Filme manchmal zuerst angesehen und dann unsere Tochter mitgenommen. In der Lage zu sein, einer Achtjährigen sagen zu können, wann sie die Augen zuzumachen h atte, war dabei sehr hilfreich. Dieser Tage brauchen wir das natürlich nicht mehr zu tun.

Das Internet nutzt unsere Tochter seit ihrem zehnten Lebensjahr. Wir haben niemals daran gedacht, Software zu kaufen, mit der wir ihr den Zugang dazu sperren könnten. Das wäre für sie nur anstößig und erniedrigend gewesen. Doch wir sagten ihr, daß sie nic ht ihren Namen, ihre Adresse oder ihre Telefonnummer herumreichen sollte - und wir baten sie, uns irgendwelche Probleme oder beunruhigende Erfahrungen unverzüglich mitzuteilen.

Das kam nicht oft vor. Sie ist den üblichen fiesen Typen und den wenigen geistig gestörten Leuten begegnet - Jungen, die anzügliche Gespräche wollten, Männer, die ihr Dateien mit sexuellen Inhalten schicken wollten. Für solche Fälle hat sie den richtigen Umgangston gelernt - Nein! oder Hau ab! Obgleich solche Kontakte für großes Aufsehen in der Öffentlichkeit sorgen, blieben sie verhältnismäßig selten. Sie hat natürlich Online-Freundschaften, über die ich nur in wenigen Fällen etwas weiß. Wi r vertrauen ihr, solange jedenfalls, bis sie uns einen Grund dafür gibt, dies nicht mehr zu tun. Bislang funktioniert es: Sie kommt in der Schule gut voran, hat gesunde Freundschaften, singt in einem anspruchsvollen Chor und hat wenig Interesse an Gewalt, Drogen oder Alkohol gezeigt. Sie hat einen gesunden Menschenverstand entwickelt, ebenso wie ein hohes Maß an analytischer Aufmerksamkeit hinsichtlich der Kultur, deren Teil sie ist. Doch die neuen Medien haben die alten nicht verdrängt - unsere Tochter l iest viel, schreibt selbst und führt viele Gespräche.

Ich habe keinerlei Illusionen, daß sie ein "typisches" Kind ist, wenn es soetwas überhaupt gibt. Als Einzelkind ist sie ohnehin besser zu kontrollieren. Als Familie der Mittelschicht können wir ihr einen Computer, Bücher und genügend Taschengeld geben. Dennoch leben sie - und wir - sehr in Übereinstimmung mit Lockes Idee des Gesellschaftsvertrages. Wir haben klargestellt und artikuliert, daß sie, solange sie alles so gut macht, wie sie das zur Zeit tut, das Recht auf ihre eigene Kultur hat und auf ihre eigenen rationalen Urteile darüber, ohne Einmischung unsererseits, ohne Spott oder Zensur. Wir alle wissen, daß sie sich von uns unterscheiden muß. Ihre Kultur ist vielleicht der wichtigste Weg, den sie hat, eine Differenz zu uns herzustellen. Bisher hält der Vertrag.

Artikel VIII: Die politische Macht von Kindern

Kulturell Konservative, Politiker, Eltern, Lehrer, Erwachsene generell - und vor allem Journalisten - haben es völlig unterschätzt, wie politisch eine Frage wie der Angriff auf die Kultur der Kids werden kann.

Im Internet, auf WWW-Seiten oder unzähligen Online-Plaudereien, machen junge Menschen ihrem Ärger Luft über die frommen Versuche der Erwachsenenwelt, sie "zu beschützen", über die Anstrengungen des amerikanischen Kongresses, "Anstand" im Internet gesetzli ch zu regeln und die freie Rede in dieser freiesten aller Umgebungen in Schranken zu weisen. Sie schreiben E-Mails und entfachen Online-Diskussionen und protestieren mit geschwärzten Web-Seiten.

Damit sind sie ebenso ausdrucksstark und aufgeweckt, wie es alle Jugendlichen seit den 70ern gewesen sind. Außerdem hat diese digitale Generation eine Waffe, die keine vorhergehende Generation hatte: via Computer und Modem erreichen sie Gleichgesinnte, di e räumlich weit entfernt sind und verbünden sich mit ihnen. So sind sie in der Lage, ihr Leben mit dem anderer zu vergleichen, ihre Erfahrungen auszutauschen - und daher wissen diese Kinder, daß ihre Kultur nicht gefährlich ist. Ihre Taktiken, die fast gä nzlich jenseits elterlicher Kontrolle und dem Bewußtsein von Journalisten und Politikern zum Zuge kommen, könnten die Politik der jungen Generation transformieren.

Journalisten haben nicht aufgegriffen, bis zu welchem Ausmaß Kultur für junge Leute Politik ist, und auch nicht thematisiert, wie vehement junge Menschen die Ansicht ablehnen, daß ihre Kultur sie als blöd, indifferent und anfällig für Gewalt erscheinen li eße. Da Kinder in den Medien wie auch in den politischen Debatten über sie fast keine Stimme haben, ist es nicht verwunderlich, daß ihre Wut zum Großteil unbeachtet bleibt.

Doch erfährt die traditionelle, engstirnige Presse bereits am eigenen Leib, was es heißt, unermüdlich Kinder zu beleidigen - sie hat alarmierend wenige neue Leser. Politiker könnten schon bald die gleiche Lektion lernen. Die Kämpfe um die neuen Medien kön nen möglicherweise eine jugendliche Politisierung ins Rollen bringen, die an die Bewegungen erinnert, die von radikalen Minderheiten, Frauen oder Schwulen ins Leben gerufen wurden.

Unter den Augen ihrer Vormünder sind junge Menschenn über die ganze Welt hinweg miteinander verbunden. Sie teilen ihre Kultur bereits, indem sie online Informationen über neue Filme, Fernsehsendungen und CDs austauschen, sich Software und Technik-Tips zuk ommen lassen oder einander vor Computer-Viren warnen. Sie leiten sich gegenseitig zu den interessanten Orten im weltweiten Datennetz. Manchmal schließen sie sich zusammen, um aggressive, aufdringliche und unverantwortungsbewußte digitale Altersgenossen zu schelten oder zu vertreiben.

Jedoch haben Kinder, vielleicht mehr als jede andere unterdrückte Minorität, einen langen Weg vor sich, bevor sie politisch organisiert sind. Und sie selbst können nicht an diesem politischen Kampf teilnehmen.
Mittlerweile sollten sie Unterstützung erhalten. Online-Gönner sollten so etwas wie das "Children's Digital Freedom Center" (Das digitale Freiheitscenter der Kinder) gründen, ganz ähnlich der "Electronic Frontier Foundation" (EFF). Dieses Center könnte Kindern richtige Informationen über Gewalt, Pornographie und Sicherheit im Internet an die Hand geben, mit denen sie ihre Klassenkameraden versorgen und gegen Fehlinformation und Ignoranz gegenüber ihrer Kultur angehen könnt en. Eine solche Vereinigung könnte jungen Menschen rechtliche Unterstützung geben, wenn sie für ihre freie Meinungsäußerung im Internet bestraft werden oder denjenigen helfen, denen das Recht auf Zugang gänzlich vorenthalten wird.
Doch : Alles, was Kinder bisher von der digitalen Gemeinschaft erhalten haben, ist ein unbeteiligtes Gähnen.

Artikel IX: Die Scheinheiligkeit der digitalen Welt

Vor allem anderen sind die Vertreter der Netzkultur stolz auf die Idee, daß alle Informationen frei sein sollen und die digitale Kultur unversperrt und allgemein zugänglich sein sollte. Bestrebungen hinsichtlich staatlicher und korporativer Kontrolle und die Einführung sogenannter "Sittlichkeits"-Standards, sind Gegenstand heißer Online-Debatten wie politischen Offline-Lobbyings. Doch entweder schweigt die Netzkultur oder sie unterstützt gar die Versuche, den Zugang für Kinder zu blockieren. Sogar die EFF trägt dazu bei, jungen Menschen den Internet-Zugang zu erschweren und verweist auf die WWW-Seiten der Anbieter von Blockiersoft ware. Selbst in liberal gesinnten Konferenzsystemen wie dem kalifornischen The Well versteht es sich in den meisten Fällen von selbst, daß Kindern die Redefreiheit untersagt werden kann, für die ansonsten jeder zu kämpfen bereit ist. Bürger der digitalen Nation, die sonst schnell auf die Barrikaden gingen, wenn der US-Kongress ihre Redefreiheit beschneiden wollte, scheinen erfreut, sich an den Strohhalm der Blockiersoftware klammern zu können. Offenbar sind sie gewillt, ihre eigenen R echte auf freie Rede gegen die der Kinder einzutauschen. Nehmt nicht uns, nehmt unsere Kinder.
Niemand in der hochsensibilisierten und politisierten digitalen Erwachsenenwelt zuckt mit der Wimper, wenn in den Medien fröhlich davon gesprochen wird, daß Blockiersoftware die einzige Alternative ist, um das Internet zu zensieren.

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Die häufig als hilfreiches "Internet-Werkzeug" angebotene Blockiersoftware zielt auf eine Filterung und das Sperren zweifelhafter Inhalte. Programme mit Namen wie Cyber Patrol, NetNanny, Cyber Sitter oder Net Shepherd erlauben es, spezielle Net zangebote gezielt zu sperren. Dazu werden meist verschiedene Internet-Dienste (z.B. WWW-Seiten, Newsgroups, Chat-Kanäle) nach Wörtern und Begriffen durchsucht, die von einer programminternen Liste vorgegeben werden. Beim Auffinden einer indizierten Zeiche nfolge kann es von der Blockiersoftware verborgen oder eine automatische Sperrung des Internet-Dienstes eingeleitet werden. Die Funktionsweise der Programme kann jedoch keinen Erfolg garantieren: Befindet sich etwa die Zeichenfolge "sex" auf der Suchliste , so können auch Texte zum Thema Staatsexamen von der Filterung betroffen sein. Breite Anwendung finden solche Programme bei Internet-Providern wie AOL oder Compuserve, die Blockiersoftware als "Kindersicherungen" anbieten. In den USA führen die technisch en Mängel der Filterprogramme sowie ihr Einsatz als "digitaler Moralkompass" bereits zum Auftauchen der Blockiersoftware in der Debatte um das Recht auf freie Meinungsäußerung im Internet.

Diese Herangehensweise bildet die Antithese zu Vertrauen und vernünftigem Diskurs zwischen Erwachsenen und Kindern. Gleichzeitig liefert sie einen weiteren Beweis der wachsenden Notwendigkeit, Kinder nicht vor digitalem Dreck, sondern vor elterlichem Mißb rauch von Einfluß und Macht zu schützen. Blockiersoftware ist gefährlich und ihre Anwendung läßt viele Hintertüren offen. Einige dieser Programme verwalten Tausende potentiell verbotener Kategorien, die weit über Sex und Gewalt hinausreichen. Einmal angew endet, können Zensur und Einschränkungen auf andere Gebiete, die Eltern außerhalb der Reichweite von Kindern wissen wollen, ausgeweitet werden: Politische Themen, die sich von ihren eigenen Wertvorstellungen unterscheiden, Musik- und Filmforen, die nicht ihrem Geschmack entsprechen, Online-Freunde, die nicht ihre Zustimmung finden - frei nach Darwin herrscht das Recht der Stärkeren.

Obwohl sie in Amerika als Schutz für Kinder eingeführt wird, könnte sich diese Technologie, wenn sie sich erst einmal etabliert und weiterentwickelt hat, zur Techno-Freundin des Tyrannen werden, indem sie nämlich Mittel und Wege offeriert, Sprache und Ged anken zu kontrollieren. Kinder, die mit Blockiersoftware leben müssen, werden mit dem Gedanken aufwachsen, daß man Themen, mit denen man sich nicht auseinandersetzen will, einfach aus Blickfeld und Bewußtsein ausblenden kann. In jedem anderen Kontext würd en die Verfechter der freien Rede spätestens jetzt die Wände hochgehen.

Ebenso wie die unsinnigen Klassifizierungen der Filmindustrie vermittelt Blockiersoftware die Illusion von Kontrolle. Sie garantiert damit jedoch noch lange keine Sicherheit, da raffinierte Übeltäter sie noch schneller umgehen werden, als Kinder das könne n. Und sie lehrt auch nicht, wie man Bürger der digitalen Welt wird.

Viele Eltern ziehen sich im sicheren Glauben zurück, daß der digitale Babysitter ihnen die Arbeit abnimmt, doch aufgepaßt: Clevere Kids, die nicht selten mitgeholfen haben, die digitale Kultur überhaupt zu erschaffen, werden diese Software im Handumdrehen überlisten. Auch für sie wäre es besser, ihre Eltern würden sie bei den ersten Online-Abenteuern begleiten und ihnen zeigen, was unangemessen oder gefährlich sein kann.
Das Blockieren nimmt Kindern jede Möglichkeit, mit den Realitäten der neuen Kultur konfrontiert zu werden: einiges davon ist pornographisch oder gewalttätig, manches gefährlich. Sie müssen solche Situationen zunächst jedoch in einer rationalen Art und Wei se und unter Anleitung meistern können und daraus lernen, wie man sich selbst schützt.
Dem Drang, Inhalte zu blockieren, geht die Annahme voraus, daß es an sich schon eine Gefahr darstellt, wenn man sich bestimmten Themen aussetzt. Doch nur eine verschwindend geringe Anzahl von Kindern wurde infolge von Online-Begegnungen in potentiell gefä hrliche Situationen gelockt.
Die digitale (Erwachsenen-)Welt schuldet es den Kindern, deren Rechte mit dem gleichen Eifer zu verteidigen, wie ihre eigenen. Bis jetzt hat sie das nicht getan und damit ihr eigenes Erbe und schlimmer noch, ihre Zukunft betrogen.

Artikel X: Was Kinder im 21. Jahrhundert brauchen

Kinder müssen die neuen Maschinen in die Finger bekommen. Sie benötigen einen gleichberechtigten Zugang zur neuen Technologie der Kultur, Forschung, Lehre und Erziehung. In armen Familien aus der Unterschicht finden sich weniger Computer als in Familien d er wohlhabenden Mittelschicht. Und wir erfahren auch, daß einige Kinder aus Minoritätengruppen sich gegen den Computer als Spielzeug weißer computerbesessenen Spinner sträuben.

Wenn Technologie für eine Kluft zwischen den sie Besitzenden und den von ihr Ausgeschlossenen sorgt, dann kann sie diese Kluft auch wieder beseitigen. Billige, tragbare PCTVs - Fernseher mit integriertem Computer und Modem - könnten dazu beitragen, Unglei chheiten in der digitalen Revolution schnellstens auszugleichen. Die Umsetzung von für alle gleichen Zugangsbedingungen sollte die erste und dringlichste moralische Aufgabe der digitalen Generation sein.

Kinder müssen auch lernen, die neuen kulturellen Produktionsmittel verantwortungsbewußt zu gebrauchen. Das aber bedeutet, daß sie die neuen Regeln der Gemeinschaft in der Online-Welt begreifen müssen und über den oftmals rauhen, unnötig aggressiven Ton, d er viele Diskussionen durchdringt, hinausgehen müssen. Sie müssen gleichermaßen lernen, ernsthaft zu recherchieren, zwanglos zu plauschen, den Mund zu halten oder sich ein Spiel aus dem Netz zu kopieren.

Kinder brauchen Hilfe, um sich zu Bürgern des digitalen Zeitalters entwickeln zu können. Sie sollen herausfinden, wie sie die neuen Medien nicht nur zu simpler Unterhaltung, sondern auch zu weiterreichenden sozialen Zwecke nutzen können. Sie müssen darin angeleitet werden, wie sie mit ihrer neuen Fähigkeit, sofort mit anderen Kulturen verbunden sein zu können, zurechtkommen sollen. Sie müssen daran erinnert werden, wie man die Gefahren des Elitedenkens und der Arroganz vermeidet. Noch weit wichtiger ist es aber, das Versprechen der fundamentalen Idee, die John Locke, Thomas Jefferson und andere vor drei Jahrhunderten in die Welt einführten, auf Kinder auszuweiten: Daß jeder Rechte hat. Daß jeder ein so großes Maß an Freiheit wie m öglich erhalten soll. Daß alle die Möglichkeit haben sollten, die Grenzen ihrer Möglichkeiten zu erweitern. Wir müssen uns selbst beibringen, wie wir darauf vertrauen können, daß unsere Kinder vernünftige Entscheidungen über ihre eigene Sicherheit treffen. Wir sehen ihre Welt als dunkle und gefährliche Welt, selbst dann, wenn sie sie herausfordernd, unterhaltsa m und aufregend finden. Wir bevormunden sie, wenn wir glauben, daß sie nicht den Charakter, nicht den nötigen Menschenverstand und auch nicht das Bewußtsein haben, um den Gefahren ihres riesigen kulturellen Universums zu widerstehen. Und jetzt versuchen w ir zudem, sie von dieser Welt abzuschotten.

Wir haben keine Chance. Ebenso wie Lockes Idee der Emanzipation hat auch das Leben von Kindern eine Eigendynamik. Noch bevor wir sie zu fassen bekommen können, werden sie uns überholen. Ihre Emanzipation ist so unumgänglich wie die unsrige. Seit Lockes Zeit hat sich die Demokratie unaufhaltsam weiterentwickelt, da Monarchien und autoritäre Regime auf Dauer kaum bestehen konnten. Sie wurden unterminiert von neuen Ideen, die nicht selten auf dem Rücken heute weltweit verbreiteter neuer Technol ogien daherkamen. Unterdrückende Autorität und Zensur erscheinen als zunehmend anachronistisch angesichts der porösen Grenzen des herannahenden digitalen Zeitalters.

Das kommende Jahrtausend ist mehr als nur ein historischer Meilenstein. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um unsere Kinder aus den ungeschickten Händen der Geschichte zu befreien. Viele von uns erkennen, daß sich unsere Kinder in ein wundersames neues Zei talter hineinbewegen. Wie jeder andere auch, werden sie Risiken eingehen und Gefahren meistern. Sie werden auch große Erfolge ernten.

Kinder haben die Chance, Kommunikation, Kultur und Gemeinschaft neu zu erfinden. Die Probleme der neuen Welt auf neue Art zur Sprache zu bringen. Es besser als wir zu machen. Statt sie zurückzuhalten, sollten wir sie vorwärts drängen. Statt sie abzuschirm en, sollten wir sie an der Hand nehmen, an die Schwelle führen und sie anspornen.




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Date of Publishing: Sept-97