Professur für Prozesstechnik in Lebensmittel- und Dienstleistungsbetrieben
Prof. Dr.-Ing. Elmar Schlich


Ecology of Scale - Ökologie der Betriebsgröße                         Ecology of Scale: English version (English version as *.pdf)

Wissenschaftliche Theorie
Die spezifischen Aufwendungen und ökologischen Wirkungen zur Bereitstellung eines Lebensmittels am Markt (Point of Sale) hängen gemäß unserer Theorie zur "Ecology of Scale" degressiv von der Betriebsgröße ab. Die reine Entfernung zwischen Primärproduktion und Point of Sale spielt hingegen nur eine sehr untergeordnete Rolle. Der von uns für diesen Sachverhalt eingeführte Begriff der "Ecology of Scale"
[Schlich 2005] ist in Analogie zum Begriff  der "Economy of Scale" (gelegentlich auch: Economies of Scale) entstanden. Mit diesem Terminus beschreibt die Ökonomie die degressive Abhängigkeit der Stückkosten von der Stückzahl.

Bisherige Untersuchungen
Im Rahmen von umfangreichen und langwierigen Erhebungen vor Ort sind im ersten Schritt Endenergieumsätze für vollständige Prozessketten - von der Primärproduktion bis zum Point of Sale - erhoben worden, jeweils für unterschiedliche Betriebsgrößen, einschließlich der energetischen Aufwendungen für Transporte und Distribution. Folgende Beispiele liegen inzwischen vor: Äpfel, Fruchtsäfte sowie Wein aus Erzeugerabfüllung als Beispiele für pflanzliche Lebensmittel und Lammfleisch, Rindfleisch sowie Schweinefleisch als Beispiele für vom Tier stammende Lebensmittel.

Lebensmittelbeispiel - Herkunft
Zentrale Publikationen
Äpfel - Deutschland, Südafrika
Schröder 2007, Schlich 2008
Fruchtsaft - Deutschland, Europa, Brasilien
Fleissner 2001, Schlich 2005
Wein (Erzeugerabfüllung) - Deutschland, Ungarn, Südafrika
Schlich 2007, Schröder 2007, Schlich 2008
Lammfleisch - Deutschland, Neuseeland
Fleissner 2001, Hardtert 2008
Rindfleisch - Deutschland, Ungarn, Argentinien
Krause 2008, Hardtert 2008
Schweinefleisch - Deutschland, Ungarn
Hardtert 2008

Ergebnisse
1. Alle bisher untersuchten Fälle bestätigen deutlich die These der Ecology of Scale. Genügend große Betriebe können - energetisch gesehen - sehr viel günstiger Lebensmittel am Markt bereitstellen als kleine Betriebe, unabhängig davon, ob diese Betriebe in deutschen Regionen, innerhalb der EU oder global agieren. Diese Aussage gilt einschließlich aller Aufwendungen für kontinentale oder globale Transporte, die in aller Regel per Containerschiff, Bahn und LKW durchgeführt werden. Die häufig vermuteten Vorteile der kurzen Transportwege innerhalb einer Region können bei zu geringen Betriebsgrößen durch Mängel in der Logistik und zu kleine Fahrzeuge mit geringer Auslastung sehr schnell zunichte gemacht werden.

2. Auch in deutschen Regionen können Lebensmittel energetisch wettbewerbsfähig am Markt bereitgestellt werden, sofern die Betriebsgröße hierfür ausreicht. Bei allen untersuchten Lebensmitteln können zugehörige Mindestbetriebsgrößen identifiziert werden, die auch in der Region ohne Weiteres erreicht werden könnten, ggf. mit Hilfe der Gründung von Kooperativen und Genossenschaften.

3. Die erhobenen Daten zum spezifischen Endenergieumsatz lokaler, regionaler, europäisch-kontinentaler und globaler Prozessketten dienen im Weiteren als Basis für die Berechnung zusätzlicher ökologischer Kenngrößen wie z. B. spezifischer Primärenergieumsatz und spezifische Kohlendioxidemission (carbon footprint). Die bisher vorliegenden Ergebnisse zeigen, dass auch der spezifische Primärenergieumsatz sowie die spezifische Kohlendioxidemission  degressiv mit der Betriebsgröße abnehmen.

Fazit
Es besteht kein Anlass, globale oder kontinentale Prozessketten für Lebensmittel wegen der angeblich so hohen Energieumsätze der Transporte anzuprangern. Das Gegenteil ist richtig: lokale oder regionale Prozessketten können fallweise sogar höhere Energieumsätze pro kg Lebensmittel verursachen als kontinentale oder globale Prozessketten, und zwar immer dann, wenn die Produktionsbetriebe in der Region zu klein sind. Globale oder kontinentale Containertransporte per Seeschiff, Binnenschiff, Bahn und LKW benötigen pro kg Lebensmittel nur sehr wenig  Endenergie. Flugtransporte, die energetisch sehr aufwändig sind, spielen im Lebensmittelbereich als Massenmarkt eine sehr untergeordnete Rolle. Gleichzeitig ist zu berücksichtigen, dass Deutschland als dicht besiedeltes Industrieland auf internationale Lebensmitteleinfuhr zur ausreichenden Versorgung der Bevölkerung angewiesen ist.
Die Selbstversorgungsgrade betragen z. B. bei Tafeläpfeln ca. 33 %,
bei Wein aus Erzeugerabfüllung ca. 35 % und bei Lammfleisch ca. 60 %. Südfrüchte gibt es in Deutschland überhaupt nicht. Der Mittelwert der Selbstversorgungsgrade aller Obst- und Gemüsearten liegt nur bei knapp 20 %. Weitere Lebensmittel, die eingeführt werden müssen, sind z.B. Reis, Kaffee, Tee, Fische und Meeresfrüchte. Bei Lebensmitteln, die hierzulande erzeugt werden können, treten zudem große saisonale Schwankungen auf. Beispiele hierfür sind Kartoffeln, Getreide, Sommer- und Wintergemüse. Eine ganzjährige hochwertige Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln ist ohne deren Einfuhr nicht möglich.

Danksagung
Wir bedanken uns bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), dem Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) und der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) für die langjährige Förderung unserer Forschungsarbeiten.

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